Pressekonferenz von Bundeskanzler Merz und Bundesminister Wildberger beim Digital-Gipfel 2026
In seinem Pressestatement beim Digital-Gipfel 2026 hat Bundeskanzler Friedrich Merz dazu aufgerufen, die großen Chancen von Künstlicher Intelligenz zu nutzen. Europa dürfe die technologische Gestaltungsmacht nicht anderen überlassen.
- Mitschrift Pressekonferenz
- Montag, 2. November 2026
Die Bundesregierung sei entschlossen, die Chancen, die sich durch KI bieten, zu nutzen, betonte Kanzler Merz.
Foto: Bundesregierung/Laurin Schmid
Unter dem Motto „Shaping AI: safe, sovereign, competitive“ knüpfte der Digital-Gipfel 2026 neben dem Themenschwerpunkt Künstliche Intelligenz auch an den letztjährigen Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität an. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesdigitalminister Karsten Wildberger betonte Bundeskanzler Friedrich Merz, dass Europa die technologische Gestaltungsmacht nicht anderen überlassen dürfe. „Wir haben uns dazu bekannt, einen eigenen europäischen Weg zu gehen, einen Weg, der auf Offenheit, Vertrauen und unseren demokratischen Werten basiert“, erklärte Merz.
Der Bundeskanzler verwies in diesem Zusammenhang auch auf die European Future AI Initiative: Mit ihr „bündeln wir nun die Kräfte von Deutschland, Frankreich und vielen weiteren Partnern wie Finnland, Italien und Polen“. Gemeinsam mit privaten Investoren wolle man souveräne europäische „frontier“-Modelle entwickeln. „Wir sichern uns damit die technologische Basis unserer eigenen Freiheit“, unterstrich Merz.
Das Wichtigste in Kürze:
Investitionsgipfel: Die 230 Milliarden Euro an Investitionszusagen beim Investitionsgipfel in Berlin seien ein wichtiges Signal, so Merz: Deutschland wolle nicht nur Nutzer von KI sein, sondern Vorreiter bei der industriellen KI und der Physical AI.
Ressortübergreifende KI-Taskforce: Unter der Federführung des Digitalministeriums habe eine KI-Taskforce die übergreifende Vision von Deutschlands Weg zur KI-Nation bis 2030 erarbeitet. Der heute veröffentlichte Ergebnisbericht setze dafür messbare Ziele und bündele 18 ressortübergreifende Schlüsselmaßnahmen, so der Kanzler.
KI-Sicherheitsinstitut AISI Deutschland: „Sicherheit und Vertrauen sind für uns ein ganz erheblicher Standortvorteil“, betonte der Bundeskanzler. Deshalb habe man das KI-Sicherheitsinstitut AISI Deutschland geschaffen. „Wir bauen eine Infrastruktur auf, die KI-Systeme vertrauenswürdig macht. Dabei wollen wir mit unseren Ressourcen effizient umgehen.“
Souveräne digitale Verwaltung: „Wir setzen auf eine souveräne digitale Verwaltung, und wir engagieren uns auf der europäischen Ebene im Rahmen des sogenannten Digital-Omnibus für die Entlastung unserer kleinen und mittelständischen Unternehmen“, sagte der Kanzler. Bürokratie dürfe kein Hemmnis sein, so Merz.
Lesen Sie hier die Mitschrift der Pressekonferenz:
Bundeskanzler Friedrich Merz:
Meine Damen und Herren, herzlich willkommen zum diesjährigen Digital-Gipfel! Wir treffen uns in einer Zeit, in der sich die digitale Welt rasant entwickelt. Die Geschwindigkeit, mit der künstliche Intelligenz in unsere Wirtschaft, unsere Verwaltung und unser gesellschaftliches Miteinander eindringt, ist geradezu beispiellos. Wir haben vergangenes Jahr auf unserem Digital-Gipfel eine wichtige Richtungsentscheidung getroffen. Wir haben uns dazu entschlossen und setzen es auch durch: Europa darf die technologische Gestaltungsmacht nicht anderen überlassen. Wir haben uns dazu bekannt, einen eigenen europäischen Weg zu gehen, einen Weg, der auf Offenheit, Vertrauen und unseren demokratischen Werten basiert. Wir wollen souverän handeln.
Heute, ein Jahr später, können wir sagen: Wir sind auf diesem Weg nicht nur angetreten, sondern wir haben das Tempo deutlich beschleunigt. Wir begleiten den Wandel nicht mehr nur, sondern wir gestalten ihn. – Das ist ein zentraler Pfeiler dieser Strategie, einer Strategie, für die wir uns mit internationalen Partnern vernetzen. Wir wollen, dass Europa an der Spitze dieser Technologien mitspielt. Ich habe es in meiner Rede eben erwähnt: Mit der European Future of AI Initiative bündeln wir nun die Kräfte von Deutschland, Frankreich und vielen weiteren Partnern wie Finnland, Italien und Polen, die auf unsere Einladung hin hier heute auch dabei sind. Wir wollen gemeinsam mit privaten Investoren souveräne europäische „frontier“-Modelle entwickeln. Wir sichern uns damit die technologische Basis unserer eigenen Freiheit.
Ich habe auf meiner Reise in der vergangenen Woche nach Singapur, Japan und Korea auch die Weichen für weitere Kooperationen gestellt, gerade bei KI-„frontier“ und KI-Security. Diese Partnerschaften mit, wie wir es nennen, „like-minded“ Staaten, sind essenziell, um einseitige Abhängigkeiten zu reduzieren und am besten gar nicht erst entstehen zu lassen.
Auch die sehr beeindruckenden über 200 Milliarden Euro an Investitionszusagen, die wir bei unserem Investitionsgipfel vor gut einer Woche hier in Berlin bekommen haben, sind für mich ein wichtiges Signal. Deutschland will nicht nur Nutzer von KI sein, sondern Vorreiter, insbesondere bei der industriellen KI, die wir dringend brauchen, auch für unseren Mittelstand.
Wir haben vor dem Sommer auf meine Bitte hin in der Bundesregierung eine ressortübergreifende KI-Taskforce eingesetzt. Unter der Federführung von Bundesminister Karsten Wildberger hat diese Taskforce nun ressortübergreifende Vorschläge für Deutschlands Weg zur KI-Nation 2030 unterbreitet. Der Ergebnisbericht, der heute veröffentlicht wird, setzt dafür messbare Ziele und bündelt insgesamt 18 ressortübergreifende Schlüsselmaßnahmen Ich will Karsten Wildberger bei dieser Gelegenheit noch einmal sehr herzlichen Dank dafür sagen, dass er diese Arbeit in seinem Haus so zügig und so zielgerichtet durchgeführt hat. Herzlichen Dank dafür!
Sie haben es in meiner Rede eben gehört, aber ich will es hier wiederholen: Sicherheit und Vertrauen sind für uns ein ganz erheblicher Standortvorteil. Deshalb haben wir mit dem ganzen Thema auch den Aspekt der Sicherheit verbunden. Wir haben ein KI-Sicherheitsinstitut geschaffen. Wir bauen eine Infrastruktur auf, die KI-Systeme vertrauenswürdig macht. Wir wollen mit unseren Ressourcen effizient umgehen. Wir wissen gleichzeitig, dass Vertrauen in die Technik und die Sorge um die Ressourcen sehr viele Menschen in unserem Lande umtreiben. Wir arbeiten an diesen Strategien.
Wir arbeiten parallel dazu auch an einer Nationalen Rechenzentrumsstrategie, um unsere Rechenkapazitäten bis zum Jahr 2030 zu vervierfachen. Das ist eine enorme Kraftanstrengung, die wir leisten, die wir aber auch leisten müssen; denn Rechenleistung ist die Währung für KI.
Wir setzen auf eine souveräne digitale Verwaltung, und wir engagieren uns auf der europäischen Ebene im Rahmen des sogenannten Digital-Omnibus für die Entlastung unserer kleinen und mittelständischen Unternehmen. Wir wollen einen Rechtsrahmen auch in Europa, der Innovation ermöglicht. Bürokratie darf dabei kein Hemmnis sein.
Meine Damen und Herren, die zentrale Frage ist für uns nicht mehr nur, was wir kaufen und produzieren, sondern, wer den tiefgreifenden technologischen und geopolitischen Wandel, in dem wir uns befinden, gestaltet und wer die Chancen nutzt. Ich persönlich bin sehr davon überzeugt, dass Deutschland und Europa, wenn wir unsere technologische Exzellenz und unsere Innovationskraft mit unseren demokratischen Werten verbinden, diese Rolle übernehmen werden. Ich freue mich darauf, diesen Weg gemeinsam mit den Unternehmen und vor allen Dingen auch mit unseren internationalen Partnern zu gehen.
Diese Bemerkung will ich zum Schluss noch machen: Ich habe gerade die Gelegenheit gehabt, mit Karsten Wildberger an einem Round Table teilzunehmen, an dem unsere Gäste aus vielen Ländern der Welt und auch Unternehmen vertreten waren, die uns sozusagen den Spiegel vorgehalten haben: Was ist in Deutschland möglich, und was müssen wir noch leisten? – Ich habe es in meinen Schlussbemerkungen dort gesagt und will es hier gern wiederholen: Ich gehe noch zuversichtlicher aus diesem Gipfel heraus, als ich hineingekommen bin. Ich war ohnehin sehr optimistisch, dass wir auf dem richtigen Weg sind, aber wir bekommen es auch von unseren internationalen Partnern und von vielen Unternehmen bestätigt: Deutschland ist auf dem richtigen Weg. Europa ist auf dem richtigen Weg. Wir haben alle Chancen, ein großer Profiteur dieser neuen Technologie zu sein.
Wir wollen das nutzen. Wir wollen unsere Bevölkerung dabei mitnehmen. Aber wir sehen eben auch die großen Chancen, die sich für uns als Industrienation ergeben. Denn wir haben etwas, was die meisten Länder auf der Welt nicht haben, jedenfalls nicht in dieser Form. Das ist eine tief gestaffelte, breit aufgestellte industrielle Basis in unserem Land, vor allem geprägt durch große internationale Unternehmen, große mittelständische Unternehmen bis in den kleinteiligen Mittelstand hinein, die mit dieser neuen Technologie Chancen haben, wie sie sich wahrscheinlich nur einmal in Jahrzehnten, vielleicht nur einmal in einem Jahrhundert so ergeben, wie wir sie gegenwärtig sehen. Wir sind entschlossen, diese Chance zu nutzen.
Bundesminister Karsten Wildberger:
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrte Damen und Herren, erst einmal herzlich willkommen hier beim Digitalgipfel! Sie hören es den ganzen Tag: KI verändert unsere Wirtschaft schneller, als viele erwarten. Die Technologie geht immer schneller voran. Im vergangenen Jahr, in der Zeit seit dem vorigen Gipfel bis heute, ist in Deutschland unglaublich viel in Bewegung gekommen. Dinge nehmen Gestalt an. Gleichzeitig sage ich, auch bei der Geschwindigkeit: Wir müssen schneller werden. Sicherlich ist es so, dass KI mit vielen Risiken kommt. Wir nehmen sie sehr ernst. Deshalb unternehmen wir auch ganz konkrete Dinge wie das Sicherheitsinstitut. Wir investieren in Sicherheitsforschung. Aber das größte Risiko, das wir haben, ist, an der KI technologisch und wirtschaftlich. nicht ausreichend teilzunehmen. Das ist das größte Risiko.
Deshalb komme ich zu der Seite der Möglichkeiten durch KI. Sie kann Forschung beschleunigen. Sie kann Unternehmen produktiver machen. Sie kann den Produktentwicklungsprozess verbessern. Sie kann den Staat leistungsfähiger machen. Wir brauchen das Wachstum, das KI produzieren kann – Wachstumsraten, die wir lange schon nicht mehr kennen, sind mit KI möglich –, um damit auch unseren Wohlstand zu sichern, auch Arbeitsplätze zu sichern, unseren Sozialstaat zu finanzieren und Menschen auch neue Chancen zu eröffnen. Es geht auch um das Vertrauen, dass unsere Demokratie eine bessere Zukunft möglich macht. Das geht nicht, ohne dass wir an dieser Technologie führend teilhaben. Wir haben alle Möglichkeiten dazu.
Um das konkret zu machen, haben wir in der Taskforce zum allerersten Mal als Bundesregierung, und zwar über alle Ressorts geeint, KI-Ziele für 2030 definiert. Das ist ein ganz wichtiger Schritt. Wir als Regierung übernehmen gemeinsam Verantwortung dafür, uns zu beschleunigen und uns messbar zu machen: Bis 2030 sollen mindestens 55 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen KI einsetzen. Wir werden über die Zeit auch bewerten, wie tief das geht. Mindestens 90 Prozent der Bundesbehörden sollen wenigstens eine KI-Anwendung produktiv nutzen. Das setzen wir um. Die Rechenzentrumskapazität – Herr Bundeskanzler, Sie haben es gesagt – wird sich vervierfachen. Mindestens eine europäische KI-Gigafabrik soll auch in Deutschland ihren Betrieb aufnehmen.
Wir haben in Summe 18 Maßnahmen auf sechs Feldern vereinbart. Daraus entsteht ein Arbeitsprogramm. Jetzt werden manche, die das lesen, sagen: Was heißt denn das? – Ganz einfach: Wir haben ein klares, definierbares Arbeitsprogramm. So, wie auch unser Ministerium arbeitet, indem wir uns transparent machen, gehen wir in der Regierung jetzt an die Arbeit und kommen regelmäßig zusammen, um den Fortschritt voranzubringen. Wir werden über diese Fortschritte regelmäßig berichten, und wir wollen uns an den Ergebnissen messen lassen, auch ich persönlich.
Entscheidend ist, was tatsächlich entsteht: Rechenzentren, die in Betrieb gehen, Unternehmen, die mit KI wettbewerbsfähiger werden, neue Unternehmen, die entstehen und wachsen, und auch eine Verwaltung, die Anträge schneller bearbeitet und auch diese Technologie nutzt.
Wir in Deutschland haben alle Möglichkeiten, hierbei wirklich nach vorn zu kommen und auch vorn mitzuspielen. Wir haben die Ingenieurskunst. Wir haben unsere Industrie und unseren Mittelstand mit all der Industrieexpertise in den verschiedenen Sektoren. Wir haben unglaubliche Datenschätze, die man braucht, um auch industrielle KI entsprechend zu trainieren. Unser Anspruch ist deshalb auch die Fabrik, die denkt, die man schneller produzieren kann, die man schneller und flexibler umbauen kann. Dafür brauchen Unternehmen Rechenleistung, nutzbare Daten und Regeln, die Innovation besser ermöglichen.
Sicherheit ist selbstverständlich auch ein entscheidender Faktor und ein Fokusthema. Wir müssen Missbrauch verhindern und KI unter menschlicher Kontrolle halten. Deshalb gründen und bauen wir gerade das KI-Sicherheitsinstitut in Deutschland aus und investieren auch in Sicherheitsforschung, aus der dann Produkte und Modelle entstehen, die sicherer funktionieren als heutige Modelle.
Aber auch der technologische Rückstand ist, wie gesagt, ein Risiko, und ihn halte ich für massiv. Ich werbe noch einmal dafür, dieses Thema aufzuholen und es auch positiv zu begleiten. Das ist, denke ich, für unsere Zukunft, für die Zukunft aller Menschen in Deutschland ein wichtiger Faktor. Am Ende geht es um die Menschen. Gerade junge Menschen müssen auch sehen, dass sich Lernen und Anstrengungen lohnen, dass sie Arbeit finden, von der sie leben können und sich etwas aufbauen können. Ich habe es heute auch in meiner Rede gesagt. Es wird auch eine große Aufgabe sein, in dieser Zeit der neuen Technologie junge Menschen, die ja noch lernen müssen, zu befähigen, ihren Weg in dieser Technologie zu finden. Die Frage, wie wir junge Menschen auf diesem Weg mitnehmen, dass sie lernen, dass sie ihre Zukunft bauen können und auch die Möglichkeiten spüren, wird auch für uns in der Regierung ein wichtiges Thema sein. Das ist nämlich eine echte Chance, am Ende auch selbst zu gestalten.
Wir als Bundesregierung haben uns gemeinsam auf diese Ziele verpflichtet, und jetzt übernehmen wir gemeinsam Verantwortung für die Ergebnisse. Wie machen wir das? – Indem wir arbeiten.
Vielen Dank.
Frage: Herr Bundeskanzler, der Minister hat jetzt schon mehrfach die Einschätzung geäußert, dass die KI neben allen Chancen, die sie bietet, auch zu Arbeitsplatzverlusten führen wird, insbesondere – das haben Sie jetzt nur zart angedeutet, Herr Wildberger – bei Einsteigerjobs, und dass man in dem Zusammenhang eine Art Grundeinkommens bräuchte, ganz vorsichtig formuliert. Wie stehen Sie dazu? Teilen Sie diese Einschätzung?
Bundeskanzler Merz: Ich bin bei diesem Thema in den letzten Jahren immer etwas zurückhaltend gewesen, weil ich auch die vielen Nachteile sehe, die mit einem solchen Grundeinkommen verbunden sind. Ich bin mir allerdings darüber im Klaren – mir ging das heute Morgen auch bei der Vorbereitung meiner Rede hier noch einmal durch den Kopf –, dass das Thema der KI unsere Arbeitswelt so fundamental verändern wird, dass wir uns in den nächsten Jahren über viele dieser Aspekte Gedanken machen müssen. Im Augenblick ist unsere Produktivität nicht hoch genug. Aber wir werden sie durch KI natürlich deutlich anheben können.
Die Frage ist dann: Was passiert mit bestimmten Jobs, die wir heute haben und die wir morgen möglicherweise ersetzen können, und was macht das dann mit den Menschen, was macht das mit der Bevölkerung? – Ich würde aus meiner Sicht heute sagen: Genauso wie es in der Vergangenheit immer falsch war, mit dem technologischen Wandel angstbesetzt umzugehen, ist es auch heute falsch, damit angstbesetzt umzugehen.
Ich bin mit Karsten Wildberger in einer Frage besonders einig. Die größte Gefahr für uns wäre heute, in diesem Bereich nichts zu tun. Das ist für unsere Wirtschaft und letztendlich für den Wohlstand unseres Landes die größte Gefahr. Wenn wir uns dieser Technologie verweigern, dann ist der Abstieg vorprogrammiert. Wenn wir uns dieser Technologie öffnen, dann müssen wir natürlich auch mit allen Risiken umgehen. Deswegen haben wir das KI-Sicherheitsinstitut gegründet, und deswegen beschäftigen wir uns eben auch ressortübergreifend mit den Fragen, was das konkret für unseren Arbeitsmarkt bedeutet, was das konkret für die Menschen bedeutet, was das konkret für Jobs bedeutet. Wir haben ja eben den Roboter gesehen. Ich habe so etwas übrigens schon in der praktischen Anwendung gesehen. Ich habe in einem Alten- und Pflegeheim schon gesehen, wie Roboter dort zum Beispiel das Abendessen in den Zimmern bringen und wieder zurücknehmen.
Was bedeutet das konkret für uns? Ich bin der festen Überzeugung, dass die Chancen überwiegen. Aber es gibt Risiken, und über sie müssen wir reden. Wir stehen aber gerade am Anfang dieses Prozesses. Bevor wir zu sehr und zu häufig über die Risiken sprechen, möchte ich zunächst einmal garantiert wissen, dass wir die Chancen nutzen. Dann werden sich die Risiken natürlich in einem anderen Licht darstellen, aber sie werden nicht verschwinden.
Frage: Herr Bundeskanzler, am Ende geht es bei wirtschaftlicher Entwicklung immer um Geld. In den USA und in China werden gigantische Summen in die Entwicklung künstlicher Intelligenz investiert. Im Vergleich damit sind die öffentlichen Mittel hier lächerlich gering. Die Energiepreise hier in Deutschland sind hoch; das wissen wir alle.
Was kann Ihre Regierung denn konkret tun, um mehr privates Kapital für die Entwicklung von KI nach Deutschland zu holen?
Bundeskanzler Merz: Dazu kann Karsten Wildberger aus seiner Sicht gleich noch etwas sagen, weil er im Gegensatz zu mir natürlich jeden Tag mit diesen Themen beschäftigt ist. Aber ich kann es nur noch einmal mit Verweis auf den Investitionsgipfel sagen, den wir vor zwei Wochen hier in Berlin hatten. Es war vor genau zwei Wochen, Montag und Dienstag. Wir haben eine unglaublich große Bereitschaft von großen Investoren, in Deutschland in dieses Thema zu investieren. Unsere Aufgabe ist es vor allen Dingen, den regulatorischen Rahmen und die Infrastruktur dafür zu schaffen ‑ wir haben gerade auch über Netze gesprochen; wir haben natürlich über Energieversorgung gesprochen ‑ und dafür zu sorgen, dass das Ganze hier in Deutschland und in Europa möglich wird.
Deswegen ist es aus meiner Sicht und auch für die Bundesregierung am allerwichtigsten, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass diese Investitionen aus dem privaten Sektor in Deutschland und in Europa stattfinden. Dabei sind wir, denke ich, auf einem sehr guten Weg. Ich habe es in der Schlussrunde hier gerade gesagt und will es hier wiederholen: Ich hätte vor zwei bis drei oder vier Jahren noch nicht gewagt, über das Thema digitaler Souveränität in Europa zu sprechen. Ich habe das nicht für möglich gehalten. Ich bin heute anderer Meinung, weil ich sehe, dass nicht zuletzt durch die geopolitischen Veränderungen und durch den Druck, dem wir ausgesetzt sind, heute die Bereitschaft der Europäer besteht, hier wirklich etwas zu tun, so wie Emmanuel Macron das in seiner berühmten Rede vor der Sorbonne schon im Frühjahr 2017 angesprochen hat. Damals haben wir alle ihm nicht geglaubt. Er hat keine Antwort aus Deutschland bekommen. Wir alle haben nicht geglaubt, dass es geht. Ich glaube heute, dass es geht, und zwar nicht nur, dass es gehen kann, sondern dass es gehen muss. Wir müssen diese europäische Souveränität hinbekommen.
Dafür schaffen wir im Augenblick alle Bedingungen. Ich habe mich in der Europäischen Union sehr dafür eingesetzt, dass wir die Doppelregulierung für die Industrie bei künstlicher Intelligenz aufgeben. Das war ein gewaltiger Kraftakt. Am Anfang waren die Mehrheitsverhältnisse komplett dagegen. Ich habe das über ein Wochenende gedreht und dafür gesorgt, dass der Vorschlag der Kommission die Zustimmung bekommen hat. Das sind die Schritte, die wir jetzt gemeinsam gehen. Das ist zum Teil mühevolle Kleinarbeit. Aber wir schaffen den Rahmen dafür, dass wir in Europa diese digitale Souveränität erreichen können.
Noch eine zweite Bemerkung in dem Zusammenhang: Unterschätzen wir bitte nicht, wie abhängig andere auch von uns sind. Es ist nicht etwa so, als ob wir von Amerika, China und anderen nur abhängig wären. Umgekehrt ist das auch der Fall. Die Europäer sind mit 450 Millionen Verbrauchern einer der größten Binnenmärkte der Welt. Wir haben Industrie. Wir haben Software. Wir haben Chipindustrie. Wir haben Produktion in Europa, die für die ganze Welt gebraucht wird. Bitte unterschätzen wir unsere eigenen Möglichkeiten nicht, und unterschätzen wir bitte nicht, wie abhängig andere auch von uns sind. Das ist eine gute Ausgangsvoraussetzung dafür, dass wir das tatsächlich so erreichen, wie ich es gerade zu skizzieren versucht habe.
Moderatorin: Herr Bundeskanzler, ich bekomme liebevolle Zeichen, dass Sie losmüssen.
Bundeskanzler Merz: Sie sehen, dass ich in diesem Thema so engagiert bin. Deswegen fallen meine Antworten etwas länger aus als sonst. Aber vielleicht sollte Karsten Wildberger trotzdem noch die Gelegenheit haben.
Moderatorin: Ich würde vorschlagen, dass wir dennoch bis halb fünf Uhr weitermachen. Ich habe noch ein paar Wortmeldungen. Wenn Sie dann weg sind, dann wird Herr Wildberger übernehmen.
Bundeskanzler Merz: Ja. Nächste Antwort kurz.
Bundesminister Wildberger: Ganz kurz als Ergänzung zu dem, was der Bundeskanzler gesagt hat:
Eine Vorbemerkung: Wir können uns immer im absoluten Maßstab vergleichen. Wenn wir uns verändern wollen, dann müssen wir uns auch damit vergleichen, woher wir kommen. Ich schaue mir die Entwicklung an, wie sich der Status quo gerade verändert. Der Bundeskanzler hat eben gesagt, beim Investitionsgipfel seien 200 Milliarden Euro „committed“ worden. Wir kommen eben aus einem Meeting, in dem viele Unternehmen waren, die sagten: Wir geben im Bereich der industriellen KI noch einmal doppelt drauf. – Wir haben mit Mistral, Aleph Alpha, Cohere Unternehmen, die gerade auch Finanzierungsrunden hinter sich haben, die besser gelaufen sind, als zu erwarten war. Wir kennen deren Ambitionsniveau. Im Verhältnis dazu ist unheimlich viel in Bewegung.
Wenn wir die absoluten Zahlen vergleichen, dann müssen wir auch konstatieren, dass KI in den USA natürlich nicht nur durch KI passiert. Sie setzen auch auf „hyperscaler“, auf 15 Jahre Rechenzentrum, Cloudinfrastruktur. Das holen wir natürlich nicht in einem Jahr auf. Aber in der Veränderung, im Vorankommen, bekommen wir mit den Mitteln doch verdammt viel hin. Es ist auch sehr viel in Bewegung. Gleichzeitig konstatiere ich, dass der Abstand noch groß ist. Wir haben auch entsprechende Ambitionen bei den „frontier“-Modellen, auch beim Rechenzentrumsausbau.
Ich will auch noch eine Sache sagen: Die Preise, die heute für „compute“ bezahlt werden, sind, weil die Knappheit so groß ist, viel höher als der Energiepreis. Den Energiepreis bekommen wir auch lokal mit Projekten ganz gut hin. Wir haben auch noch ausreichend Energien, und wir werden das Ganze auch beschleunigen. Wir sehen da auch große Nachfrage. Das ist ein sehr lohnender Case, und wir haben viele Gespräche mit Investoren geführt, auch beim Investitionsgipfel, wie man Rechenzentren hier ausbaut.
Das heißt, ich fokussiere mich vor allen Dingen darauf: „Wie ist die relative Verbesserung“, aber habe immer auch im Blick, absolut: Wo stehen die anderen?
Frage: Herr Merz, das Stichwort kam gerade schon von Herrn Wildberger: „hyperscaler“. Ich stelle die Frage aber jetzt Ihnen. Sie sagen, Sie strebten nicht nach Autarkie, sondern nach Souveränität. Gleichzeitig setzen die deutschen Nachrichtendienste jetzt offenbar auf die Google-Cloud als eine Möglichkeit.
Ist es nicht ein schlechtes Zeichen um das Bestelltsein der deutschen Rechenzentrenbetreiber, wenn deutsche Nachrichtendienste Google brauchen, um ihre Aufgaben durchführen zu können, oder übersehe ich etwas?
Bundeskanzler Merz: Ich denke, Sie übersehen in der Tat, dass Google auch in Deutschland und in Europa investiert und wir hier europäische Souveränität auch mit einem amerikanischen Anbieter ermöglichen können. Das ist ja keine voll integrierte Infrastruktur, sondern das ist eine europäische Infrastruktur.
Gleichzeitig bauen wir parallel dazu unsere eigenen Systeme auf. Wir haben Unternehmen in Deutschland – Sie kennen sie; es sind bekannte Namen –, die entsprechende Cloudinfrastruktur auch für uns errichten. Ich bin gerade bei diesem Thema – wir koordinieren im Kanzleramt ja die Dienste – sehr zuversichtlich, dass wir wirklich Souveränität erreichen. Zusammenarbeit mit anderen Diensten gibt es immer dann, wenn sie auf Augenhöhe stattfindet. Ich habe ein hohes Vertrauen in unsere Dienste, dass die Daten, die wir dort haben, sicher und geschützt sind, auch dann, wenn zum Beispiel ein amerikanischer Anbieter eine große Cloudinfrastruktur baut. Sie ist für uns sicher.