„Wichtige Weichen für Europa stellen“

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Pressekonferenz von Bundeskanzler Merz und Irlands Premierminister Martin „Wichtige Weichen für Europa stellen“

Bundeskanzler Merz hat den irischen Premierminister Martin in Dublin besucht. Anlass war die im Juli begonnene halbjährige irische EU-Ratspräsidentschaft. Zentrale Gesprächsthemen waren der nächste Mehrjährige Finanzrahmen der EU, sowie die Wettbewerbsfähigkeit und die EU-Erweiterung.

20 Min. Lesedauer

  • Mitschrift Pressekonferenz
  • Dienstag, 28. Juli 2026
Bundeskanzler Friedrich Merz und Micheál Martin, Premierminister von Irland.

Kanzler Merz wird von Irlands Premierminister Martin empfangen.

Foto: Bundesregierung/Sandra Steins

Die Zusammenarbeit mit Irland sei hervorragend, betonte Bundeskanzler Friedrich Merz in der Pressekonferenz mit dem irischen Premierminister (Taoiseach) Micheál Martin. Das sei umso wichtiger „in einem Halbjahr, in dem wir sehr wichtige Weichen stellen wollen für Europa“. 

Irland hat seit 1. Juli und noch bis zum 31. Dezember 2026 den Vorsitz im Rat der Europäischen Union inne. Während der aktuellen Präsidentschaft stehen einige wegweisende EU-politische Themen auf der Agenda. „Das ‚window of opportunity‘ ist jetzt“, so der Kanzler. „Und ihr habt unsere volle Unterstützung.“ Neben der Wettbewerbsfähigkeit und der EU-Erweiterung geht es im zweiten Halbjahr 2026 vor allem um den EU-Haushalt. Sowohl Deutschland als auch Irland ist an einer raschen Einigung über den sogenannten Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) gelegen. 

Das Wichtigste in Kürze:

  • EU-Haushalt: Mit dem nächsten mehrjährigen Finanzrahmen beschließt die EU ihre Haushaltspolitik für die Jahre 2028 bis 2034. Die Bundesregierung möchte hierbei die „komplexen Verhandlungen nach Möglichkeit bis Jahresende abschließen“. Das aktuell verhandelte Budget sei jedoch „nicht tragbar“, so Merz. Es brauche eine deutliche Kürzung „um mehrere Hundert Milliarden“. Er vertraue aber darauf, dass Irland einen realistischen Vorschlag vorlege.
  • Wettbewerbsfähigkeit: „Das Thema ist heute wichtiger denn je“, betonte der Bundeskanzler. Investitionen in der EU seien noch immer durch zu lange Genehmigungsverfahren behindert. Das verzögere notwendige Digital-, Energie- und Dekarbonisierungsprojekte. Merz fordert hier eine schnelle Umsetzung der EU-Agenda zur Wettbewerbsfähigkeit noch in diesem Jahr.  Jetzt gebe es ein „window of opportunity“ und daher begrüßte es der Kanzler, wie ehrgeizig die irische Ratspräsidentschaft dieses Thema vorantreibe.
  • EU-Erweiterung: Bei der Erweiterung gebe es „ein positives Momentum“.  Das gelte es zu nutzen. Der Ukraine, Moldau und den Westbalkanstaaten solle der Weg in die EU geöffnet werden. Außerdem betonte Bundeskanzler Merz die großen Fortschritte von Montenegro in Richtung EU-Mitgliedschaft . Das Land solle bis zum Ende des Jahrzehnts EU-Mitglied werden. Im Oktober werde der Europäische Rat über die EU-Erweiterung verhandeln. Hier sei die Rolle Irlands als vorsitzendes Land besonders relevant. „Ich spüre in Dublin großen Willen, hier Fortschritte zu machen“, so Merz.

Die Ratspräsidentschaft der EU wechselt alle sechs Monate zwischen den Mitgliedsstaaten der Union. Während dieser Zeit leitet das jeweilige Land die Sitzungen des Rates, organisiert die Arbeit und vertritt den Rat gegenüber den anderen EU-Institutionen. Dazu kann die Ratspräsidentschaft auch eigene politische Schwerpunkte setzen. Weitere Informationen finden Sie auf der Themenseite zur EU-Ratspräsidentschaft.

Lesen Sie hier die Mitschrift des Pressestatement: 

(Die Protokollierung des fremdsprachlichen Teils erfolgte anhand der Simultandolmetschung.)

Premierminister Martin:

Guten Tag!

... (auf gälisch; ohne Dolmetschung)

Kanzler Merz, ganz herzlich willkommen hier in Dublin!

Deutschland und Irland sind enge Freunde und Partner. Daher möchte ich Ihnen meine tief empfundene Anteilnahme für die Getötete und die Verletzten des entsetzlichen Anschlags auf den CSD am Wochenende in Berlin aussprechen. CSDs und Pride-Paraden feiern wichtige europäische Werte, Inklusion, Gleichberechtigung, gegenseitige Achtung und Schutz der Minderheiten. Ein Angriff auf diese Werte ‑ ganz gleich, wo in der Union ‑ ist ein Angriff auf diese Werte überall in der Union. Das können und dürfen wir niemals hinnehmen oder akzeptieren. Friedrich, Kanzler Merz, Irland erklärt sich voll solidarisch mit Deutschland.

Es war mir eine große Freude, Berlin im April zu besuchen, in Vorbereitung unseres Vorsitzes des Europäischen Rates. Ebenso freut es mich, Sie heute zu unseren Diskussionen über einige der wichtigsten Themen auf unserer gemeinsamen Agenda für die kommende Periode zu begrüßen. Es ist wichtig, dass wir so bald wie möglich eine Einigung bezüglich des nächsten EU-Haushalts, des Mehrjährigen Finanzrahmens, erzielen. Europa braucht einen Haushalt, der den Anforderungen und Ambitionen entspricht und gleichzeitig die derzeitige wirtschaftliche Lage reflektiert.

Die Aufgabe des irischen Vorsitzes ist es, sich sorgfältig die Prioritäten sämtlicher Mitgliedstaaten anzuhören und im Oktober einen neuen Vorschlag zu unterbreiten, der hoffentlich sämtliche Positionen näher zusammenbringt.

Ich werde mir genau anhören, was für den Kanzler und für Deutschland wichtig ist und werde mit ihm darüber diskutieren, wo möglicherweise Spielraum für Kompromisse besteht. Ich glaube, wenn wir die Aufgabe mit der richtigen Einstellung in Angriff nehmen, könnte eine Einigung bis Ende des Jahres möglich sein.

Irland hat die Verbesserung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit zu einer unserer Prioritäten erklärt. Die EU-Institutionen haben sich der „One Europe, One Market“-Roadmap verschrieben. Hier werden die Schritte definiert, die wir gemeinsam unternehmen müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Dies ist unser Leitstern für den Ratsvorsitz. Diese Roadmap formuliert Schritte zur Vereinfachung der Vorschriften, zur Vertiefung des Binnenmarkts und der Erweiterung der Handelsbeziehungen, geht die Energiekosten an, und stellt sicher, dass Europa entsprechend positioniert ist, den digitalen Wandel, den Klimawandel zu nutzen. Ich weiß, der Kanzler teilt dabei meinen Dringlichkeitssinn. Wir werden gemeinsam erörtern, wie wir diesen Prozess wirklich vorantreiben können.

Irland arbeitet auch an der Erweiterung der Union. Wir werden unser Möglichstes tun, um sicherzustellen, dass die Länder, die der EU beitreten möchten, das Ganze schnell vorantreiben können ‑ im Gleichschritt mit ihren Bemühungen, die nötigen Reformen auf den Weg zu bringen. Der Kanzler hatte klar gesagt, dass er sich bei diesem Prozess mehr Dynamik wünscht. Ich sehe das genauso.

Wir werden auch über internationale Themen sprechen, einschließlich der Lage in der Ukraine, die ich letzte Woche besucht habe. Wir dürfen nie vergessen, was unsere europäischen Mitbürger jeden Tag erleiden müssen, solange Russland diesen brutalen, illegalen Angriffskrieg fortsetzt. Sie verdienen unsere unerschütterliche Unterstützung sowie unser Engagement, ihnen zu helfen, einen gerechten Frieden zu erreichen.

Kanzler Merz, Friedrich, noch einmal: Herzlichen Dank für Ihren Besuch. Ich freue mich auf die Diskussion.

Bundeskanzler Merz:

(auf Englisch) Vielen herzlichen Dank, Taoiseach. Lieber Micheál, ganz herzlichen Dank für diese herzlichen Begrüßungsworte.

(auf Deutsch) Vielen Dank für deine mitfühlenden Worte zu dem schrecklichen Terroranschlag, den wir am letzten Wochenende in Deutschland erlebt haben. Ich habe von einer ganzen Reihe von Kolleginnen und Kollegen aus dem Europäischen Rat Nachrichten bekommen und heute auch von dir. Herzlichen Dank! Ich werde das gern an die Familien und auch an die Community weitergeben, dass das Mitgefühl weit über unser Land hinaus geteilt wird. Ich bedanke mich sehr herzlich für deine Worte.

Wir haben uns im April auf meine Einladung hin in Berlin getroffen, und ich bin heute hier in Dublin, um einen Besuch bei der Europäischen Ratspräsidentschaft zu machen. Wir haben eine enge Abstimmung begonnen, und wir wollen sie fortsetzen. Irland hat zu Beginn des Monats Juli die Ratspräsidentschaft in Europa übernommen und das in einem Halbjahr, in dem wir sehr wichtige Weichen für Europa stellen wollen. Deswegen bin ich heute hier.

Es gilt zuerst, den Mehrjährigen Finanzrahmen zu besprechen. Hinter diesem Begriff verbirgt sich nicht weniger als die Frage, wofür bis weit in das nächste Jahrzehnt hinein unser gemeinsames europäisches Budget ausgegeben wird. Wir wollen diese überaus schwierigen und komplexen Verhandlungen nach Möglichkeit bis Jahresende 2026 abschließen. Nur dann werden die Programme der Europäischen Union ab Januar 2028 auch weiter anlaufen können. Ich danke dir, Micheál, sehr herzlich für dein persönliches Engagement in dieser sehr schwierigen Angelegenheit, denn wir müssen hier sehr viele Interessen in der Europäischen Union zusammenbringen.

Ich will für Deutschland sagen: Wir sind mit den aktuellen Vorschlägen der Europäischen Kommission nicht einverstanden. Eine so weite und große Ausdehnung des europäischen Budgets ist für uns nicht tragbar. Die Zahlen sind nicht ausgewogen. Wir unternehmen in der gesamten Europäischen Union im Augenblick auf nationaler Ebene größte Anstrengungen zur Haushaltskonsolidierung. Da können wir uns exorbitante Steigerungen der Ausgaben in der Europäischen Union einfach nicht leisten.

Ich will ein Beispiel sagen: Die Bundesregierung spart über die nächsten vier Jahre acht Prozent der Stellen in der Bundesverwaltung ein. Deswegen möchte ich auch der Europäischen Kommission sagen: Es ist nicht akzeptabel, dass für die europäischen Institutionen jetzt 2500 neue Stellen geschaffen werden sollen. Das werden wir nicht akzeptieren.

Wir brauchen deswegen einen Budgetentwurf mit Kürzungen in allen Bereichen, und zwar insgesamt um mehrere 100 Milliarden Euro. Diese Kürzungen sind zwingend, unabhängig davon, wie weit wir bei den neuen Eigenmitteln kommen. Wir müssen zudem unsere politischen Prioritäten im neuen Haushalt abbilden. Ich vertraue darauf, dass Ihr, lieber Micheál, einen realistischen Vorschlag vorlegen werdet. Darüber diskutieren wir.

Wir haben aber immer auch gesagt: Wo es künftig nicht mehr Geld geben kann, muss es einen durchgreifenden Rückbau der Bürokratie, Erleichterungen und Flexibilität auch im europäischen Haushalt geben. Dies gilt zum Beispiel auch in der Agrarpolitik bei der vorgeschlagenen Kappung der Direktzahlungen. Die Mitgliedstaaten brauchen hier Flexibilität bei der Ausgestaltung, um auf nationale Besonderheiten einzugehen. Die Kappungsgrenze von 100 000 Euro pro Betrieb, die gegenwärtig diskutiert wird, wollen wir nicht. Wir wollen sie vor allem nicht mit dem Blick auf Besonderheiten in Norddeutschland und in Ostdeutschland. Ich bin bereit, über neue Eigenmittel zu diskutieren, aber sie müssen alle auch im Lichte der Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie geprüft werden. Deswegen kommt aus unserer Sicht eine zusätzliche Unternehmensbesteuerung auf europäischer Ebene nicht in Betracht.

Auch beim Thema Wettbewerbsfähigkeit wird es in den nächsten Monaten ganz entscheidend auf die irische Ratspräsidentschaft ankommen. Ich bin etwas besorgt, dass der Eifer und das Ambitionsniveau in der Europäischen Union seit etwa Mitte des Jahres doch spürbar nachlassen. Dabei ist das Thema heute wichtiger denn je. Wir sind uns darüber in den letzten Monaten, auch im Europäischen Rat, immer wieder einig gewesen. Wir müssen hier mehr tun. Dass wir mehr tun müssen, das führen uns der russische Angriffskrieg, aber auch die Handelspolitik der Vereinigten Staaten von Amerika, der Nahe Osten und nicht zuletzt die Energiekrise vor Augen. Europa wird sich in dieser Welt nur aus eigener wirtschaftlicher Stärke behaupten können. Daher wollen wir, dass wir unsere Agenda zur Wettbewerbsfähigkeit schnell umsetzen, wenn möglich noch im Jahr 2026.

Ich will ein Beispiel nennen: Die Investitionen in der Europäischen Union dauern immer noch zu lange. Die Genehmigungsverfahren dauern zu lange. Wir müssen jetzt wirklich die notwendigen Digitalisierungsprojekte, Energieprojekte, Dekarbonisierungsprojekte schnell umsetzen. Im Interesse unserer Wettbewerbsfähigkeit und des Klimaschutzes zugleich ‑ beides gehört zusammen ‑ sollten wir solche Projekte jetzt priorisieren. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen darüber nachzudenken, vorübergehend auch Vorrang vor neuen Umweltschutzprojekten zu geben.

Wie gesagt, Wettbewerbsfähigkeit und Dekarbonisierung gehören jetzt prioritär auf die Tagesordnung. Ich begrüße daher sehr, mit welchem Ehrgeiz Irland das Thema vorantreibt. Dieses „window of opportunity“ ist jetzt offen, und wir haben gemeinsam das Ziel, es auch zu nutzen. Irland, Ihr habt dabei unsere volle Unterstützung.

Daneben haben der Taoiseach und ich bereits über das Thema EU-Erweiterung gesprochen. Wir haben hier ein positives Momentum geschaffen. Wir brauchen jetzt konkrete Fortschritte. Wir wollen der Ukraine rasch auch Möglichkeiten geben, an die Europäische Union heranzukommen. Ich habe ja einen Vorschlag dazu gemacht: eine assoziierte Mitgliedschaft als einen realistischen ersten Zwischenschritt auf dem Weg zur Mitgliedschaft.

Auch Moldau ‑ das erlaube ich mir zu erwähnen ‑ hat erhebliche Reformfortschritte gemacht und sollte daher im Beitrittsprozess weiter voranschreiten, ganz unabhängig vom Fortschritt anderer Staaten.

Und schließlich: Den Beitritt der Westbalkanstaaten müssen wir vorantreiben. Auch dafür habe ich diesmal zusammen mit Emmanuel Macron Vorschläge gemacht. Am weitesten vorangeschritten ist Montenegro. Wir sollten Montenegro daher nicht in die Warteschleife schicken, indem wir es im Paket mit anderen behandeln. Montenegro sollte bis zum Ende des Jahrzehnts Mitglied der Europäischen Union werden.

Last, but not least: Es ist gut, dass wir beim Europäischen Rat im Oktober eine strategische Diskussion zu den nächsten Schritten führen werden. Ich spüre in Dublin, hier in der Hauptstadt der Ratspräsidentschaft, den großen Willen, Fortschritte zu machen.

Lieber Micheál, bei allem Fokus unserer Gespräche heute auf europäische Themen ist klar: Auch die bilaterale Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Irland als Partner, Seite an Seite, ist hervorragend. In den vergangenen Jahren haben wir unsere Zusammenarbeit deutlich intensiviert. Wir haben einen deutsch-irischen Aktionsplan geschaffen, den wir weiter ausbauen wollen. Im Bereich der maritimen Sicherheit sind wir uns einig, dass wir unsere kritische Infrastruktur, die ja nun gerade auch hier in der Nordsee besonders gefährdet ist, gemeinsam besser schützen.

Ich danke dir nochmals sehr herzlich für den freundlichen Empfang in Dublin. Es ist eine Freude, einen Partner wie Irland an der Seite zu haben und beruhigend, dass Ihr das Geschehen in der Europäischen Union im Augenblick als Präsident entscheidend steuert. Ihr habt Deutschland dabei an eurer Seite.

Herzlichen Dank.