Zeit: Ohne Blick auf die öffentliche
Meinung?
de Maizière: Vor allem aus militär-fachlichen Gründen, aus
damaliger Sicht. Ich sage aber: Die Anfragen an Deutschland werden
zunehmen. Und wir können nicht immer Nein sagen.
Zeit: Sie haben gewarnt, es gebe auch "Folgen eines
Nicht-Einsatzes"? War da Libyen gemeint?
de Maizière: Ich wollte auf etwas Grundsätzliches hinaus:
Auch die Entscheidung, nichts zu tun, kann politisch-moralische
Folgen haben. Denken Sie nur an Ruanda oder Darfur. Das
Nichteingreifen im Süden von Somalia führt heute dazu, dass mehr
Menschen durch eine Hungersnot sterben. Mit einem Nicht-Einsatz ist
man nicht auf der ethisch sicheren Seite.
Zeit: Nicht-Einsätze sind leichter zu vermitteln,
besonders in Krisenzeiten, in denen die Deutschen sich auf sich
selbst zurückziehen möchten.
de Maizière: Ich glaube, es gibt zwei konkurrierende
Mentalitäten hierzulande: Die einen sagen, wir sind in der Welt zu
Hause, wir sind ein wichtiges Land in Europa, wir tragen
Verantwortung für das Klima, das Finanzsystem und auch für die
gemeinsame Sicherheit. Andere sagen, das ist uns zu komplex, zu
gefährlich, zu teuer, das verstehen wir nicht. Wäre es nicht
besser, wir zögen uns auf uns selbst zurück und steckten den Kopf
in den Sand? Deutsche Innerlichkeit aber ist weder politisch noch
moralisch noch ökonomisch eine Option. Unser Reichtum entsteht
nicht durch Selbstgenügsamkeit. Wir zählen mit unseren 85 Millionen
nicht viel, wenn wir unter uns bleiben. Ich erkläre das überall und
kann über mangelnde Zustimmung nicht klagen.