WEBVTT

00:00:00.002 --> 00:00:05.046
Sehr geehrte liebe
Frau Salamander,

00:00:05.360 --> 00:00:08.442
sehr geehrter
Herr Jakubowicz,

00:00:08.756 --> 00:00:09.329
sehr geehrter
Herr Botschafter,

00:00:09.329 --> 00:00:11.054
lieber Ron Prosor,

00:00:11.054 --> 00:00:12.725
Frau Generalkonsulin,

00:00:12.725 --> 00:00:14.450
Frau Lador-Fresher,

00:00:14.450 --> 00:00:17.270
Herr Generalkonsul
James Miller,

00:00:17.270 --> 00:00:20.406
Herr Vorsitzender des Zentralrats
der Juden in Deutschland,

00:00:20.406 --> 00:00:21.869
lieber Josef Schuster,

00:00:21.869 --> 00:00:26.101
sehr verehrte liebe
Frau Charlotte Knobloch,

00:00:26.101 --> 00:00:29.549
Herr Ministerpräsident,
lieber Markus Söder,

00:00:29.809 --> 00:00:31.795
Frau Landtagspräsidentin,
liebe Ilse Aigner,

00:00:34.663 --> 00:00:35.445
Herr Oberbürgermeister,

00:00:35.445 --> 00:00:36.595
meine Damen und Herren,

00:00:36.857 --> 00:00:39.337
liebe Kolleginnen und
Kollegen aus den Parlamenten,

00:00:39.650 --> 00:00:43.046
aus dem Deutschen Bundestag
und aus dem Bayerischen Landtag,

00:00:43.046 --> 00:00:46.182
es war ein
Freudenfest,

00:00:46.182 --> 00:00:54.176
als vor ziemlich genau 94 Jahren, 
am 5. September 1931,

00:00:54.176 --> 00:00:58.982
die Synagoge
Reichenbachstraße eingeweiht wurde

00:00:58.982 --> 00:01:02.953
zum ersten
Mal eingeweiht wurde,

00:01:03.265 --> 00:01:08.960
wie nur wir Nachgeborenen
es heute wissen.

00:01:08.960 --> 00:01:11.728
„[E]in feierliche[r] Akt,“ -
das war in der Zeitung

00:01:11.728 --> 00:01:13.713
der Bayerischen Israelitischen
Gemeinde zu lesen -,

00:01:13.713 --> 00:01:17.161
„an dem die gesamte jüdische
Gemeinde München

00:01:17.161 --> 00:01:21.706
ohne Unterschiede der Richtungen
teilnahm.“

00:01:21.706 --> 00:01:24.212
Meine sehr geehrten Damen
und Herren,

00:01:24.212 --> 00:01:25.361
wir müssen
annehmen,

00:01:25.361 --> 00:01:29.908
dass es gleichzeitig
trotzdem ein Tag

00:01:29.908 --> 00:01:36.699
wachsender Sorgen und Furcht
für die Feiernden war,

00:01:36.699 --> 00:01:38.685
dass sich die versammelte
Festgemeinschaft

00:01:38.685 --> 00:01:42.393
untereinander
gefragt hat,

00:01:42.393 --> 00:01:47.253
ob und wie lange Jüdinnen
und Juden in Deutschland

00:01:47.514 --> 00:01:50.961
wohl noch sicher
leben können.

00:01:50.961 --> 00:01:52.631
Denn schon
wenige Tage später,

00:01:52.631 --> 00:01:58.848
am 12. September 1931, am Abend
des jüdischen Neujahrsfestes,

00:01:58.848 --> 00:02:01.929
wird es am Berliner
Kurfürstendamm

00:02:01.929 --> 00:02:06.475
schwere antisemitische
Ausschreitungen geben,

00:02:06.475 --> 00:02:11.333
verübt von Hunderten
von SA-Mitgliedern.

00:02:11.333 --> 00:02:14.989
Diese Ausschreitungen
waren kein Einzelfall;

00:02:14.989 --> 00:02:18.959
Straßengewalt gegen
Jüdinnen und Juden,

00:02:19.274 --> 00:02:26.639
Übergriffe auf jüdische
Geschäfte häuften sich ab 1930.

00:02:26.639 --> 00:02:32.020
Der Antisemitismus in der
deutschen Gesellschaft nahm zu.

00:02:32.020 --> 00:02:36.564
So bezeichnete „Das
Jüdische Echo“ die Einweihung

00:02:36.564 --> 00:02:40.534
der Synagoge
Reichenbachstraße 1931

00:02:40.534 --> 00:02:46.230
als „Ausdruck eines jüdischen
Lebenswillens und einer jüdischen Lebenskraft,

00:02:46.230 --> 00:02:51.924
die [sich] selbst unter widrigsten
Verhältnissen […] die Bedingungen schafft,

00:02:51.924 --> 00:02:55.321
die das jüdische
Leben braucht“.

00:02:55.581 --> 00:03:00.127
Sieben Jahre,
sieben kurze Jahre,

00:03:00.127 --> 00:03:05.822
gab es dann jüdisches Leben,
jüdischen Gottesdienst,

00:03:05.822 --> 00:03:14.912
jüdisches Gebet in dieser Synagoge 
- unter immer widrigeren Umständen -,

00:03:15.173 --> 00:03:19.404
bis 1938 die Synagoge von
einem entfesselten Mob

00:03:19.717 --> 00:03:24.523
entweiht, geschändet,
verwüstet wurde.

00:03:24.523 --> 00:03:27.084
Sie wurde nur deshalb
nicht niedergebrannt,

00:03:27.084 --> 00:03:31.079
weil man Schäden an
den umliegenden

00:03:31.079 --> 00:03:38.184
und, so hieß es, „nicht-jüdischen“
Häusern befürchtete.

00:03:38.446 --> 00:03:39.909
Wir wissen
im Rückblick,

00:03:39.909 --> 00:03:45.028
dass die Novemberpogrome
von 1938 nur der Auftakt

00:03:45.290 --> 00:03:48.686
für das Menschheitsverbrechen
der Shoa waren,

00:03:48.999 --> 00:03:52.134
für den Versuch
der systematischen,

00:03:52.134 --> 00:03:58.091
geradezu industrialisierten
Auslöschung des jüdischen Volks,

00:03:58.091 --> 00:04:04.360
eine Tat, die so monströs,
die so radikal böse ist,

00:04:04.360 --> 00:04:06.605
dass sie - um
mit der großen

00:04:06.605 --> 00:04:09.740
deutsch-jüdischen Denkerin
Hannah Arendt zu sprechen -

00:04:09.740 --> 00:04:16.584
einfach „nicht hätte passieren
dürfen“ unter uns Menschen.

00:04:21.978 --> 00:04:23.620
Liebe Frau
Salamander,

00:04:26.855 --> 00:04:33.669
Sie sind aufgewachsen als
Tochter von Überlebenden der Shoa

00:04:33.930 --> 00:04:37.640
in einem - Sie haben
es gerade in Ihrer Rede schon gesagt -

00:04:37.901 --> 00:04:42.185
Displaced Persons Camp
bei München.

00:04:42.185 --> 00:04:47.305
Sie haben in einem
Ihrer Bücher geschrieben,

00:04:47.305 --> 00:04:53.576
dass Sie als Kind immer
wieder diese eine Frage stellten,

00:04:53.576 --> 00:05:00.106
„ob denn den Juden
niemand geholfen habe“.

00:05:00.106 --> 00:05:04.099
Ohne ein Festhalten an der
Hoffnung auf eine positive Antwort

00:05:04.099 --> 00:05:05.772
- so
schreiben Sie weiter -,

00:05:05.772 --> 00:05:10.055
ohne ein Festhalten an der „naive[n]
Hilfserwartung des Kindes“,

00:05:10.055 --> 00:05:14.340
„wären wir doch
als Menschen verloren.“

00:05:14.340 --> 00:05:19.147
Auch heute noch müssen wir das
Entsetzen darüber zulassen,

00:05:19.147 --> 00:05:22.856
dass die Allermeisten
eben nicht geholfen haben.

00:05:22.856 --> 00:05:27.110
Denn nur so können wir beginnen
zu verstehen, was es heißt,

00:05:27.110 --> 00:05:30.820
dass sich unmittelbar nach
dem Krieg Jüdinnen und Juden,

00:05:30.820 --> 00:05:37.611
Überlebende, Kinder der Überlebenden,
trotz allem entschieden haben,

00:05:37.611 --> 00:05:39.880
in Deutschland,
in München,

00:05:39.880 --> 00:05:43.329
in anderen deutschen Städten
und Gemeinden zu bleiben,

00:05:43.329 --> 00:05:45.576
dorthin
zurückzukehren,

00:05:45.576 --> 00:05:48.136
sich gar dort wieder
zu beheimaten:

00:05:48.136 --> 00:05:52.106
in dem Land, von dem
die Shoa ausgegangen war.

00:05:52.106 --> 00:05:56.651
Wir sagen nun heute gern,
das sei ein Wunder.

00:05:56.965 --> 00:06:01.249
Denn es sprengt unsere
gewohnten Maßstäbe,

00:06:01.249 --> 00:06:03.544
dass das möglich war und ist:

00:06:03.544 --> 00:06:06.993
die Rückkehr jüdischen
Lebens nach Deutschland.

00:06:06.993 --> 00:06:09.813
Aber natürlich war
es kein Wunder,

00:06:09.813 --> 00:06:13.128
sondern es war das Ergebnis
der Entscheidungen

00:06:13.128 --> 00:06:15.427
von Menschen jüdischer
Abstammung,

00:06:15.427 --> 00:06:19.971
die ein „dennoch“ gesprochen
haben, die nicht bereit waren,

00:06:20.285 --> 00:06:27.652
ihr Land, mehr noch aber, uns alle
als Menschen verloren zu geben.

00:06:27.652 --> 00:06:31.048
Sie, liebe Frau Salamander,
und Sie, liebe Frau Knobloch,

00:06:31.379 --> 00:06:34.756
können davon erzählen, welchen
Einsatz es gefordert hat,

00:06:35.070 --> 00:06:40.683
wieder Orte und Räume für jüdisches
Leben in Deutschland zu schaffen.

00:06:40.683 --> 00:06:44.968
1945 schon wurde die
Israelitische Kultusgemeinde

00:06:45.229 --> 00:06:47.446
in München
wieder gegründet.

00:06:47.446 --> 00:06:51.416
1947 ist diese Synagoge
- wir haben es gehört -

00:06:51.416 --> 00:06:54.291
ein zweites Mal
eingeweiht worden.

00:06:54.291 --> 00:06:58.835
Es war erneut eine Eröffnung
unter widrigsten Bedingungen.

00:06:58.835 --> 00:07:02.201
In der jungen
Bundesrepublik Deutschland

00:07:02.201 --> 00:07:05.436
beschwieg man 
den Nationalsozialismus

00:07:05.750 --> 00:07:08.571
und seine furchtbaren
Verbrechen weitgehend.

00:07:08.571 --> 00:07:11.132
Es gab lange Jahre keine
Auseinandersetzung

00:07:11.445 --> 00:07:12.303
mit der
eigenen Schuld.

00:07:12.303 --> 00:07:16.274
Schlimmer noch: Es gab
wenig Empathie mit den Opfern,

00:07:16.274 --> 00:07:22.231
und es gab weiterhin
Antisemitismus in vielen Köpfen.

00:07:22.231 --> 00:07:26.253
Heute, 94 Jahre nach
der Ersteinweihung,

00:07:26.253 --> 00:07:27.712
können wir
nun die dritte

00:07:27.973 --> 00:07:30.847
Eröffnung der Synagoge
Reichenbachstraße feiern.

00:07:30.847 --> 00:07:35.755
Sie ist wiederum nur durch Einsatz
und harte Arbeit möglich geworden,

00:07:36.017 --> 00:07:39.412
für die vor allem Ihnen,
Frau Dr. Salamander,

00:07:39.725 --> 00:07:43.121
unser allergrößter
Dank gebührt.

00:07:43.121 --> 00:07:57.646
Applaus

00:07:58.813 --> 00:08:01.979
Sie haben es gesagt: Die
Synagoge Reichenbachstraße,

00:08:02.240 --> 00:08:06.442
wie wir sie heute wirklich
bestaunen können

00:08:06.756 --> 00:08:09.317
 - wiederhergestellt in ihrer
ganz ursprünglichen Pracht,

00:08:09.317 --> 00:08:12.399
Schönheit und modernen
Formensprache -,

00:08:12.712 --> 00:08:16.078
ist eine der ganz wenigen
Synagogen im Bauhausstil,

00:08:16.078 --> 00:08:17.802
die es in
Europa gibt.

00:08:17.802 --> 00:08:21.459
Sie ist ein wahres
Kunstdenkmal.

00:08:21.459 --> 00:08:25.400
Sie ist jetzt schon ein Ort von
kunsthistorischer Bedeutung,

00:08:25.400 --> 00:08:27.124
ein nationales
Erbe,

00:08:27.124 --> 00:08:30.542
weil wir hier eben in
Beziehung treten können

00:08:30.542 --> 00:08:35.685
mit dem Judentum in Deutschland vor
der Zeit des Nationalsozialismus

00:08:35.685 --> 00:08:39.655
und damit übrigens auch mit dem
jüdisch-christlichen Wurzelwerk

00:08:39.916 --> 00:08:43.626
des kulturellen Lebens in
Deutschland und in ganz Europa.

00:08:43.626 --> 00:08:46.497
Das Bauhaus ist eben nicht
denkbar

00:08:46.497 --> 00:08:50.519
ohne seine jüdischen Künstlerinnen
und Künstler -

00:08:50.519 --> 00:08:56.161
wie überhaupt die deutsche, die
europäische Kunst, Philosophie,

00:08:56.161 --> 00:09:01.282
Literatur, Musik mit ihrem ganzen
Reichtum nicht denkbar ist

00:09:01.282 --> 00:09:07.551
ohne jüdische Traditionen, jüdisches
Denken, jüdische Theologie.

00:09:07.551 --> 00:09:12.015
Auch insofern ist es für uns
alle ein Anlass zur Freude

00:09:12.329 --> 00:09:15.382
und auch ein Anlass
zu großer Zuversicht,

00:09:15.382 --> 00:09:19.666
heute hier versammelt zu sein und
gemeinsam feststellen zu können:

00:09:19.666 --> 00:09:24.212
Diese neue alte Synagoge
ist wieder, einmal mehr,

00:09:24.524 --> 00:09:29.070
Ausdruck jüdischer
Lebenskraft in Deutschland.

00:09:29.070 --> 00:09:39.671
Applaus

00:09:40.560 --> 00:09:44.560
Gleichzeitig müssen wir
uns der Tatsache stellen,

00:09:44.560 --> 00:09:47.696
dass Sie, dass die Jüdinnen
und Juden in ganz Deutschland,

00:09:47.956 --> 00:09:52.733
diesen Freudentag, die
dritte Eröffnung der Synagoge,

00:09:52.733 --> 00:09:57.592
wieder unter widrigsten
Bedingungen feiern müssen,

00:09:57.853 --> 00:10:01.563
unter neuen widrigsten
Bedingungen.

00:10:01.876 --> 00:10:06.682
Polizistinnen und Polizisten
stehen vor der Synagoge

00:10:06.682 --> 00:10:09.212
wir alle haben
sie passiert.

00:10:09.212 --> 00:10:13.154
Die Gottesdienste, die hier
ab heute gefeiert werden,

00:10:13.467 --> 00:10:18.847
die Kulturveranstaltungen, sie werden
ausnahmslos unter Polizeischutz stattfinden.

00:10:19.161 --> 00:10:22.871
Polizei steht deutschlandweit
vor jüdischen Kindergärten,

00:10:22.871 --> 00:10:25.431
Schulen,
Restaurants und Cafés.

00:10:25.431 --> 00:10:29.977
Antisemitismus war eben nie aus
der Bundesrepublik verschwunden;

00:10:29.977 --> 00:10:33.657
das wissen viele von
Ihnen aus bitterer Erfahrung.

00:10:33.657 --> 00:10:37.105
Daran erinnert uns übrigens
auch die Gedenktafel,

00:10:37.105 --> 00:10:41.337
die wenige Meter von
diesem Platz entfernt steht.

00:10:41.650 --> 00:10:45.622
Die Namen der fünf Männer
und zwei Frauen stehen darauf,

00:10:45.622 --> 00:10:49.303
die 1970 bei dem
Brandanschlag

00:10:49.616 --> 00:10:52.750
auf das Altenheim der
Israelitischen Kultusgemeinde

00:10:52.750 --> 00:10:54.735
ums Leben
gekommen sind,

00:10:54.735 --> 00:10:57.556
das hier im Vorderhaus
gelegen war.

00:10:57.870 --> 00:11:03.252
Zwei von ihnen waren Überlebende
der Konzentrationslager.

00:11:03.252 --> 00:11:09.782
Sie, Frau Knobloch, kannten viele der
Bewohnerinnen und Bewohner dieses Altenheims.

00:11:09.782 --> 00:11:12.080
Sie können von dem
Entsetzen erzählen,

00:11:12.080 --> 00:11:14.950
das dieser Anschlag damals
ausgelöst hat

00:11:14.950 --> 00:11:19.414
nicht nur, aber auch und vor
allem in den jüdischen Gemeinden.

00:11:19.414 --> 00:11:21.400
Seitdem, seit 1970,

00:11:21.400 --> 00:11:26.520
stehen jüdische Einrichtungen in
ganz Deutschland unter Polizeischutz.

00:11:26.520 --> 00:11:30.804
Das heißt, es gibt eine ganze Generation
von Jüdinnen und Juden in Deutschland,

00:11:31.064 --> 00:11:34.512
die öffentliches jüdisches
Leben nur so kennt:

00:11:34.774 --> 00:11:38.744
nur unter strengsten
Sicherheitsvorkehrungen.

00:11:38.744 --> 00:11:41.618
Und doch habe
ich glauben wollen,

00:11:41.618 --> 00:11:43.865
haben viele in
Deutschland glauben wollen,

00:11:43.865 --> 00:11:46.083
dass es vielleicht
eines Tages besser wird.

00:11:46.083 --> 00:11:49.792
Und dann kam 
der 7. Oktober 2023,

00:11:49.792 --> 00:11:55.172
der größte Massenmord an
Jüdinnen und Juden seit der Shoa

00:11:55.172 --> 00:11:59.719
eine gleichfalls monströse,
eine barbarische Tat.

00:12:00.031 --> 00:12:04.809
Und wir blicken immer noch
mit Fassungslosigkeit darauf

00:12:04.809 --> 00:12:09.586
auf manchen deutschen
Straßen wurde gefeiert.

00:12:10.806 --> 00:12:11.927
Meine Damen
und Herren,

00:12:11.927 --> 00:12:16.784
an diesem Tag ist endgültig
unübersehbar geworden:

00:12:16.784 --> 00:12:21.069
Wir haben in Politik und Gesellschaft
zu lange die Augen davor verschlossen,

00:12:21.069 --> 00:12:22.167
dass von den
Menschen,

00:12:22.480 --> 00:12:25.876
die in den letzten Jahrzehnten
nach Deutschland gekommen sind,

00:12:26.188 --> 00:12:28.748
ein beachtlicher
Teil ein Teil,

00:12:28.748 --> 00:12:33.555
aber ein beachtlicher Teil in
Herkunftsländern sozialisiert wurde,

00:12:33.555 --> 00:12:38.414
in denen Antisemitismus
geradezu Staatsdoktrin ist,

00:12:38.414 --> 00:12:43.221
Israelhass schon den Kindern
in den Schulen vermittelt wird.

00:12:43.534 --> 00:12:46.012
Wir erleben seit dem 7. Oktober

00:12:46.273 --> 00:12:51.707
- Sie erleben seitdem eine
neue Welle des Antisemitismus

00:12:51.969 --> 00:12:54.267
im alten und in neuem Gewand;

00:12:54.267 --> 00:12:58.237
unverhohlen und
dürftig versteckt;

00:12:58.237 --> 00:13:02.208
in Worten und in Taten;
in den sozialen Medien,

00:13:02.522 --> 00:13:06.753
an den Universitäten,
im öffentlichen Raum.

00:13:07.067 --> 00:13:11.531
Ich möchte Ihnen sagen,
wie sehr mich das beschämt

00:13:11.531 --> 00:13:14.405
als Bundeskanzler
der Bundesrepublik Deutschland,

00:13:14.405 --> 00:13:19.211
aber auch als Deutscher; als
Kind der Nachkriegsgeneration,

00:13:19.524 --> 00:13:24.069
das aufgewachsen ist mit
dem „Nie wieder“ als Auftrag,

00:13:24.069 --> 00:13:27.465
als Pflicht,
als Versprechen.

00:13:27.726 --> 00:13:30.025
Meine Damen
und Herren,

00:13:30.025 --> 00:13:31.749
ich möchte Ihnen im Namen
der Bundesregierung sagen,

00:13:32.010 --> 00:13:35.406
dass wir alles tun werden,
was in unserer Macht steht,

00:13:35.406 --> 00:13:37.967
damit Jüdinnen und Juden in
ganz Deutschland

00:13:37.967 --> 00:13:42.564
ohne Angst leben,
feiern und studieren können,

00:13:42.564 --> 00:13:45.647
damit hier eine Generation
jüdischer Kinder aufwachsen kann,

00:13:45.961 --> 00:13:52.229
die überall und jederzeit stolz
von ihrem Judentum erzählen kann.

00:13:52.229 --> 00:13:55.887
Ich möchte in Richtung aller Bürgerinnen
und Bürger dieses Landes sagen:

00:13:55.887 --> 00:14:00.746
Es liegt an uns allen,
wieder mehr denn je,

00:14:00.746 --> 00:14:07.850
dieses „Nie wieder“ als unser aller
historische Pflicht mit Leben zu füllen.

00:14:07.850 --> 00:14:11.477
Vor allem möchte ich Ihnen,
Frau Dr. Salamander,

00:14:11.477 --> 00:14:17.978
zusammen mit den Initiatorinnen und Initiatoren
der „Initiative Synagoge Reichenbachstraße“

00:14:17.978 --> 00:14:18.815
und überhaupt allen,

00:14:18.815 --> 00:14:23.673
die an der Restaurierung dieses
Gotteshauses mitgewirkt haben, sagen:

00:14:23.673 --> 00:14:24.822
Ich danke
Ihnen dafür,

00:14:24.822 --> 00:14:29.055
dass Sie sich unter den
neuen widrigsten Bedingungen

00:14:29.055 --> 00:14:30.517
an die Arbeit
gemacht haben

00:14:30.517 --> 00:14:35.898
und dass Sie ein Zeichen gesetzt
haben für die jüdische Lebenskraft.

00:14:35.898 --> 00:14:39.032
Für Hannah Arendt
realisiert sich die Freiheit,

00:14:39.294 --> 00:14:42.167
die wir Menschen als Menschen
haben, in unserer Fähigkeit,

00:14:42.429 --> 00:14:45.877
jederzeit einen neuen
Anfang machen zu können,

00:14:45.877 --> 00:14:48.698
die Initiative zu ergreifen,
zu handeln,

00:14:48.698 --> 00:14:51.519
Neues in
Bewegung zu setzen.

00:14:51.833 --> 00:14:55.774
Es ist ein großes Glück für
die Bundesrepublik Deutschland

00:14:56.087 --> 00:14:57.499
und für die Stadt München,

00:14:57.760 --> 00:14:59.223
sehr geehrte Frau
Dr. Salamander,

00:14:59.483 --> 00:15:02.305
dass Sie immer wieder
die Initiative ergriffen haben,

00:15:02.305 --> 00:15:05.754
zuletzt für die Wiederherstellung
dieser Synagoge.

00:15:06.015 --> 00:15:06.902
Sie haben
einmal gesagt,

00:15:07.164 --> 00:15:12.022
Sie würden es als Ihre Aufgabe und
die Aufgabe Ihrer Generation sehen,

00:15:12.022 --> 00:15:15.419
„der mit den Menschen
vernichteten jüdischen Kultur

00:15:15.679 --> 00:15:17.979
ein neues
Fundament zu legen“,

00:15:17.979 --> 00:15:22.523
das jüdische Geistesleben
in Deutschland wieder zu beheimaten.

00:15:22.523 --> 00:15:27.904
Das ist Ihnen an diesem Ort in geradezu
eindrucksvoller Weise gelungen.

00:15:27.904 --> 00:15:28.793
Ich wünsche
mir sehr,

00:15:29.055 --> 00:15:32.502
dass die Synagoge
Reichenbachstraße genau das wird:

00:15:32.502 --> 00:15:36.473
ein Ort der Heimat
für jüdisches Leben,

00:15:36.473 --> 00:15:39.870
für jüdische Religiosität
in Deutschland,

00:15:39.870 --> 00:15:44.414
der auf die ganze
Bundesrepublik ausstrahlt.

00:15:44.414 --> 00:15:47.288
Ich wünsche mir sehr, dass die
Synagoge Reichenbachstraße,

00:15:47.288 --> 00:15:48.960
dass alle Synagogen
in Deutschland,

00:15:48.960 --> 00:15:50.683
dass jüdische Schulen
und Kindergärten,

00:15:50.683 --> 00:15:53.504
dass jüdisches Leben
insgesamt in Deutschland

00:15:53.504 --> 00:15:56.609
eines Tages wieder ohne
Polizeischutz auskommen.

00:15:56.923 --> 00:15:58.595
Wir dürfen uns
daran nicht gewöhnen,

00:15:58.595 --> 00:16:03.714
dass dies nun schon seit
Jahrzehnten offenbar notwendig ist.

00:16:03.714 --> 00:16:05.984
Ich sage deshalb
von dieser Stelle aus

00:16:06.296 --> 00:16:11.103
jeder Form des alten und des neuen
Antisemitismus in Deutschland

00:16:11.103 --> 00:16:13.976
namens der gesamten Bundesregierung
der Bundesrepublik Deutschland

00:16:14.238 --> 00:16:16.798
den Kampf an
politisch ohnehin,

00:16:16.798 --> 00:16:21.083
aber auch strafrechtlich und in
jedweder gesetzgeberischen Form,

00:16:21.083 --> 00:16:23.953
die uns möglich ist und
die notwendig sein sollte.

00:16:23.953 --> 00:16:35.343
Applaus

00:16:35.343 --> 00:16:42.187
Wir werden Antisemitismus auch im Gewand
der vermeintlichen Freiheit der Kunst,

00:16:42.448 --> 00:16:45.502
der Kultur und der
Wissenschaft nicht dulden.

00:16:45.763 --> 00:16:51.771
Applaus

00:16:52.031 --> 00:16:55.398
Lassen Sie es mich abschließend
so zum Ausdruck bringen:

00:16:55.398 --> 00:16:58.218
Dieses Versprechen
schulden wir Ihnen

00:16:58.480 --> 00:17:01.846
unseren jüdischen Mitbürgerinnen
und Mitbürgern in ganz Deutschland

00:17:02.108 --> 00:17:06.311
und am heutigen Tag der
Israelitischen Kultusgemeinde in München,

00:17:06.311 --> 00:17:08.871
und den Initiatoren und Mitwirkenden

00:17:08.871 --> 00:17:11.170
am Wiederaufbau der
Synagoge Reichenbachstraße

00:17:11.430 --> 00:17:13.469
in ganz besonderer Weise.

00:17:13.469 --> 00:17:16.551
Dieses Versprechen
schulden wir Ihnen ganz einfach

00:17:16.864 --> 00:17:19.999
als Dank für
das großartige Geschenk,

00:17:19.999 --> 00:17:23.134
das Sie uns allen heute
hier in München

00:17:23.134 --> 00:17:27.103
mit der Wiedereröffnung dieses
Gotteshauses machen.

00:17:27.103 --> 00:17:28.356
Herzlichen Dank!

