WEBVTT

00:00:00.316 --> 00:00:03.360
Liebe Kolleginnen und
Kollegen, viele haben gefragt,

00:00:03.360 --> 00:00:07.128
warum wir die Ortskräfte
nicht früher evakuiert haben.

00:00:07.392 --> 00:00:12.312
Ich kann diese Frage verstehen und
möchte ausführlich auf sie eingehen.

00:00:12.312 --> 00:00:15.193
Das Bild ist differenziert.

00:00:15.456 --> 00:00:18.533
Seit 2013 haben wir gefährdete Ortskräfte

00:00:18.533 --> 00:00:19.684
der Bundeswehr und der Polizei

00:00:19.997 --> 00:00:23.722
und ihre Familienangehörigen
über das Ortskräfteverfahren

00:00:23.722 --> 00:00:26.025
kontinuierlich nach
Deutschland geholt,

00:00:26.025 --> 00:00:28.641
wenn sie von den
Taliban bedroht wurden.

00:00:28.905 --> 00:00:33.514
Zwischen 2013 und August dieses
Jahres sind im regulären Verfahren

00:00:33.514 --> 00:00:37.546
über eintausend Ortskräfte mit ihren
Familienangehörigen eingereist,

00:00:37.546 --> 00:00:41.314
insgesamt über 4800 Menschen.

00:00:41.314 --> 00:00:44.193
Nach der Abzugsentscheidung
der verbündeten Truppen

00:00:44.457 --> 00:00:47.650
haben in einem beschleunigten
Verfahren 2500 Ortskräfte

00:00:47.650 --> 00:00:50.218
und Familienangehörige
Visa erhalten.

00:00:50.899 --> 00:00:52.335
Und mit der Zuspitzung
der Lage im Land

00:00:52.599 --> 00:00:54.860
wurde ein Visum
nicht mehr erforderlich.

00:00:55.171 --> 00:00:57.164
Das war die eine Seite.

00:00:57.164 --> 00:01:01.772
Auf der anderen Seite waren wir immer
auch von der Überzeugung geleitet,

00:01:02.084 --> 00:01:04.651
auch nach dem Abzug
der internationalen Truppen

00:01:04.651 --> 00:01:06.072
für die Menschen in Afghanistan

00:01:06.336 --> 00:01:08.936
unsere deutsche
Entwicklungszusammenarbeit

00:01:08.936 --> 00:01:10.180
fortsetzen zu wollen.

00:01:10.492 --> 00:01:12.728
Wir wollten ihnen
auch unter schwieriger

00:01:12.728 --> 00:01:14.720
werdenden Bedingungen
zur Seite stehen.

00:01:15.400 --> 00:01:19.908
Dafür sind wir auf Menschen vor Ort,
also unsere Ortskräfte, angewiesen.

00:01:19.908 --> 00:01:22.216
Auch von ihnen waren sehr viele

00:01:22.216 --> 00:01:24.784
zur weiteren Arbeit in
Afghanistan entschlossen.

00:01:24.784 --> 00:01:27.357
Und wenn ich das sage,
dann will ich in keiner Weise

00:01:27.357 --> 00:01:29.349
die Verantwortung für
getroffene Entscheidungen

00:01:29.661 --> 00:01:33.116
auf diese Menschen und ihre
Haltung zu helfen abschieben.

00:01:34.013 --> 00:01:38.640
Aber ich möchte auf ein Dilemma bei
Entscheidungen dieser Art hinweisen.

00:01:38.640 --> 00:01:41.209
Denn stellen wir uns
für einen Moment vor,

00:01:42.130 --> 00:01:43.830
Deutschland hätte
im Frühjahr nicht nur

00:01:44.142 --> 00:01:45.558
mit dem Abzug der
Bundeswehr begonnen,

00:01:46.239 --> 00:01:48.130
sondern gleich auch mit
dem Abzug von Mitarbeitern

00:01:48.130 --> 00:01:51.011
und Ortskräften deutscher
Hilfsorganisationen.

00:01:51.323 --> 00:01:55.355
Manche hätten dies sicher als
vorausschauende Vorsicht gewürdigt,

00:01:55.355 --> 00:01:58.234
andere dagegen als
eine Haltung abgelehnt,

00:01:58.498 --> 00:02:00.803
mit der die Menschen in
Afghanistan im Stich gelassen

00:02:00.803 --> 00:02:03.106
und ihrem Schicksal
überlassen werden.

00:02:03.786 --> 00:02:06.062
Beide Sichtweisen
haben ihre Berechtigung.

00:02:07.007 --> 00:02:09.403
Aber bitte gestatten Sie mir
in diesem Zusammenhang

00:02:09.403 --> 00:02:12.283
eine etwas zugespitzte
persönliche Anmerkung.

00:02:12.283 --> 00:02:17.423
Hinterher, im Nachhinein, präzise
Analyse und Bewertung zu machen,

00:02:17.423 --> 00:02:20.499
das ist nicht
wirklich kompliziert.

00:02:21.372 --> 00:02:25.303
Hinterher, im Nachhinein alles genau
zu wissen und exakt vorherzusehen,

00:02:25.616 --> 00:02:27.607
das ist relativ mühelos.

00:02:28.551 --> 00:02:31.068
Wir, die internationale
Staatengemeinschaft,

00:02:31.331 --> 00:02:34.212
wir konnten aber nicht hinterher,
im Nachhinein, entscheiden,

00:02:34.212 --> 00:02:37.403
sondern mussten es in
der damaligen Situation tun,

00:02:37.668 --> 00:02:39.971
in der es sehr gute
Gründe dafür gab,

00:02:40.283 --> 00:02:43.427
den Menschen in Afghanistan
nach dem Abzug der Truppen

00:02:43.740 --> 00:02:45.737
wenigstens in der
Entwicklungszusammenarbeit

00:02:46.049 --> 00:02:47.776
weiter zur Seite zu stehen,

00:02:47.776 --> 00:02:51.233
ganz konkrete Basishilfe
von Geburtsstationen

00:02:51.233 --> 00:02:54.112
bis zur Wasser- und
Stromversorgung zu leisten.

00:03:00.256 --> 00:03:03.715
Jetzt aber, da die
Lage so ist, wie sie ist,

00:03:03.715 --> 00:03:05.447
konzentrieren wir
uns mit ganzer Kraft

00:03:05.447 --> 00:03:08.327
auf die Evakuierungsflüge am
Flughafen Kabul.

00:03:08.327 --> 00:03:11.206
Wir setzen uns für den Zugang
für unsere Staatsangehörigen,

00:03:11.471 --> 00:03:15.815
Ortskräfte und für schutzbedürftige
Afghanen zum Flughafen ein.

00:03:15.815 --> 00:03:18.694
Darüber sprechen wir
auch mit den Taliban.

00:03:18.694 --> 00:03:21.839
Das Ende der Luftbrücke
in einigen Tagen,

00:03:22.150 --> 00:03:24.697
zu dem der amerikanische
Präsident Joe Biden

00:03:24.697 --> 00:03:28.085
gestern auch in den G7-Beratungen
kein neues Datum genannt hat

00:03:28.085 --> 00:03:30.389
- ich habe darüber
gestern berichtet -

00:03:30.389 --> 00:03:33.580
darf nicht das Ende der
Bemühungen bedeuten,

00:03:33.845 --> 00:03:37.876
afghanische Ortskräfte zu schützen
und den Afghanen zu helfen,

00:03:38.189 --> 00:03:39.848
die durch den Vormarsch der Taliban

00:03:39.848 --> 00:03:42.416
in noch größere Not
gestürzt worden sind.

00:03:48.661 --> 00:03:52.593
Deshalb wird in diesen Tagen intensiv
auf allen Ebenen daran gearbeitet,

00:03:52.904 --> 00:03:55.209
wie wir auch dann
Wege schaffen können,

00:03:55.209 --> 00:03:57.132
mit denen wir weiter diejenigen,

00:03:57.132 --> 00:03:59.173
die uns geholfen
haben, schützen können,

00:03:59.173 --> 00:04:03.204
unter anderem durch einen zivilen
Betrieb des Flughafens in Kabul.

00:04:04.075 --> 00:04:07.623
Außerdem geht es darum, humanitäre
Hilfe für diejenigen zu leisten,

00:04:07.935 --> 00:04:12.331
die jetzt diese Hilfe
mehr denn je brauchen.

