﻿1
00:00:00,451 --> 00:00:01,304
Sehr geehrter
Herr Heubner,

2
00:00:01,304 --> 00:00:02,052
sehr geehrte
Frau Lessing,

3
00:00:02,302 --> 00:00:04,302
sehr geehrte Frau
Vizepräsidentin des Bundestages

4
00:00:04,302 --> 00:00:06,553
sehr geehrter Herr
Ministerpräsident Weil,

5
00:00:06,553 --> 00:00:09,052
sehr geehrte Frau
Bundesministerin Faeser,

6
00:00:09,052 --> 00:00:11,303
sehr geehrter Herr
Botschafter Prosor,

7
00:00:11,303 --> 00:00:14,304
sehr geehrte
Frau Friedländer,

8
00:00:14,304 --> 00:00:16,802
sehr geehrte
Frau Winkelmann,

9
00:00:16,802 --> 00:00:18,802
sehr geehrte
Frau Präger,

10
00:00:18,802 --> 00:00:20,801
sehr geehrte
Ehrengäste,

11
00:00:20,801 --> 00:00:23,053
meine sehr geehrten
Damen und Herren!

12
00:00:24,113 --> 00:00:27,012
„Wir sagen ‚Hunger‘,
wir sagen ‚Müdigkeit‘,

13
00:00:27,012 --> 00:00:29,263
‚Angst‘ und ‚Schmerz‘,
wir sagen ‚Winter‘,

14
00:00:29,263 --> 00:00:31,513
und das sind
andere Dinge.

15
00:00:31,513 --> 00:00:33,632
Denn es sind
freie Worte,

16
00:00:33,632 --> 00:00:35,132
geschaffen und benutzt
von freien Menschen,

17
00:00:35,633 --> 00:00:39,134
die Freud und Leid in
ihrem Zuhause erlebten.

18
00:00:39,134 --> 00:00:41,634
Hätten die Lager
länger bestanden,

19
00:00:42,132 --> 00:00:44,884
wäre eine neue, harte
Sprache geboren worden;

20
00:00:44,884 --> 00:00:47,883
man braucht sie einfach,
um erklären zu können,

21
00:00:47,883 --> 00:00:53,632
was das ist, sich den ganzen Tag
abzuschinden in Wind und Frost,

22
00:00:53,632 --> 00:00:58,134
nur mit Hemd, Unterhose,
leinener Jacke und Hose am Leib,

23
00:00:58,134 --> 00:01:00,633
und in sich
Schwäche und Hunger

24
00:01:00,633 --> 00:01:04,133
und das Bewusstsein
des nahenden Endes.“

25
00:01:05,463 --> 00:01:07,612
So beschrieb Primo
Levi in seinem Bericht

26
00:01:07,612 --> 00:01:10,612
„Ist das ein Mensch?“
das Unbeschreibliche:

27
00:01:10,863 --> 00:01:12,823
seine Gefangenschaft
in Auschwitz,

28
00:01:13,321 --> 00:01:17,573
seinen Kampf um Leben in
der Allgegenwart des Todes.

29
00:01:18,383 --> 00:01:22,074
Primo Levi wurde 
am 22. Februar 1944

30
00:01:22,074 --> 00:01:25,534
aus dem Durchgangslager
Fossoli in Italien

31
00:01:25,534 --> 00:01:28,032
nach Auschwitz
deportiert.

32
00:01:28,032 --> 00:01:31,223
Von den insgesamt
650 jüdischen Frauen,

33
00:01:31,223 --> 00:01:32,973
Männern und Kindern
in dem Transport

34
00:01:32,973 --> 00:01:37,223
wurden 526 unmittelbar
nach der Ankunft

35
00:01:37,223 --> 00:01:40,723
in den Gaskammern
von Birkenau ermordet.

36
00:01:41,583 --> 00:01:45,234
Die übrigen 95 Männer 
und 29 Frauen

37
00:01:45,234 --> 00:01:48,233
wurden in die Lager von
Auschwitz eingewiesen,

38
00:01:48,233 --> 00:01:53,233
wo sie unter unmenschlichsten
Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten.

39
00:01:53,233 --> 00:01:57,984
Als die 60. Armee der 1. Ukrainischen
Front der Roten Armee

40
00:01:58,482 --> 00:02:02,483
am 27. Januar 1945
Auschwitz erreichte,

41
00:02:03,372 --> 00:02:07,273
fanden ihre Soldaten dort
fast nur noch diejenigen vor,

42
00:02:07,273 --> 00:02:09,162
die als zu krank
und zu schwach

43
00:02:09,162 --> 00:02:13,661
für die Märsche in Richtung Westen
zurückgelassen worden waren.

44
00:02:13,661 --> 00:02:18,162
Die Todesmärsche, von
denen auch Marian Turski

45
00:02:18,162 --> 00:02:20,913
als Überlebender immer
wieder berichtet hat.

46
00:02:21,163 --> 00:02:25,832
Einer der in Auschwitz
Zurückgelassenen war Primo Levi.

47
00:02:25,832 --> 00:02:29,833
Er erlebte die Befreiung
krank und völlig entkräftet

48
00:02:29,833 --> 00:02:32,333
als einer von
20 Überlebenden

49
00:02:32,333 --> 00:02:38,833
seines Transports
aus Italien - 20 von 650.

50
00:02:39,332 --> 00:02:41,083
Mehr als eine
Million Menschen

51
00:02:41,083 --> 00:02:44,052
wurden in den Lagern
von Auschwitz ermordet,

52
00:02:44,052 --> 00:02:45,802
mehr als eine Million

53
00:02:47,043 --> 00:02:50,193
einzigartige Menschen,
Individuen,

54
00:02:50,193 --> 00:02:52,082
Ehefrauen und Ehemänner,

55
00:02:52,082 --> 00:02:53,582
Jungen und
Mädchen,

56
00:02:53,582 --> 00:02:56,332
Großmütter
und Großväter.

57
00:02:56,582 --> 00:02:58,382
Sie wurden vergast,
erschossen,

58
00:02:58,382 --> 00:02:59,632
sie starben
an Hunger,

59
00:02:59,632 --> 00:03:03,632
Zwangsarbeit und
medizinischen Experimenten.

60
00:03:03,632 --> 00:03:07,383
Eine monströse
Zahl – und gleichzeitig

61
00:03:07,383 --> 00:03:10,883
nur ein Ausschnitt
deutscher Verbrechen.

62
00:03:10,883 --> 00:03:14,883
Wenn wir am 27. Januar
des 80. Jahrestages

63
00:03:15,382 --> 00:03:17,133
der Befreiung
Auschwitz‘ gedenken,

64
00:03:17,632 --> 00:03:23,383
dann gedenken wir aller Opfer
der nationalsozialistischen Diktatur.

65
00:03:23,383 --> 00:03:25,882
Wir gedenken der
mindestens sechs Millionen

66
00:03:26,382 --> 00:03:28,633
ermordeten
Jüdinnen und Juden,

67
00:03:28,633 --> 00:03:31,862
getötet in Vernichtungslagern
wie Auschwitz,

68
00:03:31,862 --> 00:03:36,863
Kulmhof, Belzec,
Sobibor und Treblinka,

69
00:03:36,863 --> 00:03:39,983
ausgehungert in Ghettos
und Arbeitslagern,

70
00:03:39,983 --> 00:03:45,483
erschossen und erschlagen bei
Massakern in mehr als 1500 Städten,

71
00:03:45,483 --> 00:03:48,733
Kleinstädten und
Dörfern in Mittel- und Osteuropa,

72
00:03:48,733 --> 00:03:52,983
zu Hunderttausenden
umgekommen auf Todesmärschen.

73
00:03:52,983 --> 00:03:54,984
Wir gedenken
all jener,

74
00:03:54,984 --> 00:03:57,543
die die nationalsozialistische
Ideologie

75
00:03:57,543 --> 00:04:00,543
zu Feinden erklärt
und verfolgt hat.

76
00:04:01,533 --> 00:04:04,343
Wir gedenken der
ermordeten Sinti und Roma,

77
00:04:04,343 --> 00:04:07,413
der ermordeten politischen
Gegner des NS-Regimes,

78
00:04:07,413 --> 00:04:11,162
der ermordeten Homosexuellen,
der ermordeten Kranken,

79
00:04:11,162 --> 00:04:12,372
der Menschen
mit Behinderungen

80
00:04:12,372 --> 00:04:16,373
und der als sogenannte
„Asoziale“ Diffamierten.

81
00:04:17,932 --> 00:04:20,832
Wir gedenken der ermordeten
Polinnen und Polen,

82
00:04:21,082 --> 00:04:23,333
der ermordeten sowjetischen
Kriegsgefangenen,

83
00:04:23,333 --> 00:04:25,332
der Opfer aus
allen Ländern,

84
00:04:25,582 --> 00:04:28,832
die besetzt waren und unter
deutschen Einfluss gerieten.

85
00:04:30,032 --> 00:04:34,433
Wir gedenken eines von Deutschen
begangenen Zivilisationsbruchs,

86
00:04:34,433 --> 00:04:36,683
wie es ihn nie zuvor
gegeben hatte -

87
00:04:36,683 --> 00:04:41,433
es ist wichtig, das immer
wieder zu sagen.

88
00:04:42,793 --> 00:04:47,444
Eines Zivilisationsbruchs für den
wir weiterhin Verantwortung tragen.

89
00:04:48,594 --> 00:04:51,994
Zu dieser Verantwortung
gehört das Erinnern.

90
00:04:51,994 --> 00:04:55,132
Gerade heute dürfen und
werden wir nicht zulassen,

91
00:04:55,132 --> 00:04:58,383
dass die Verbrechen des
nationalsozialistischen Deutschlands

92
00:04:58,383 --> 00:05:01,883
langsam weggleiten
oder weggeschoben werden –

93
00:05:01,883 --> 00:05:06,633
in das Ungefähre längst
vergangener Zeiten.

94
00:05:06,633 --> 00:05:10,883
Wir dürfen und wir werden
keine Relativierung hinnehmen,

95
00:05:10,883 --> 00:05:14,134
und wir werden auch
jede neue Generation

96
00:05:14,134 --> 00:05:18,132
an ihre bleibende
Verantwortung erinnern.

97
00:05:19,253 --> 00:05:22,903
Eine Verantwortung, die jede
und jeder in unserem Land trägt,

98
00:05:23,892 --> 00:05:26,793
unabhängig von der eigenen
Familiengeschichte,

99
00:05:26,793 --> 00:05:28,683
unabhängig von Religion

100
00:05:28,683 --> 00:05:32,433
oder dem Geburtsort der
Eltern oder Großeltern.

101
00:05:34,083 --> 00:05:36,233
Das ist die bleibende
Herausforderung

102
00:05:36,731 --> 00:05:38,233
in unseren Schulen
und Universitäten,

103
00:05:38,233 --> 00:05:39,734
in der
Ausbildung,

104
00:05:39,734 --> 00:05:44,233
in Integrationskursen und
im tagtäglichen Leben.

105
00:05:45,683 --> 00:05:47,582
Die Einzigartigkeit der Schoah

106
00:05:47,832 --> 00:05:50,833
muss gegen die zahllosen Versuche
der Geschichtsverfälschung

107
00:05:51,333 --> 00:05:56,083
und Relativierung immer wieder mit
Zahlen und Fakten vermittelt werden,

108
00:05:57,533 --> 00:05:59,182
und daneben
muss sie,

109
00:05:59,433 --> 00:06:00,932
um für nachwachsende Generationen

110
00:06:00,932 --> 00:06:03,572
mehr als diffuse
Vergangenheit zu sein,

111
00:06:03,572 --> 00:06:05,322
immer auch
als Geschichte

112
00:06:05,322 --> 00:06:09,823
millionenfachen, individuellen
Leids verstanden werden.

113
00:06:11,203 --> 00:06:13,851
Deswegen bin ich
unendlich dankbar

114
00:06:13,851 --> 00:06:16,602
für die Arbeit des Internationalen
Auschwitz Komitees.

115
00:06:17,662 --> 00:06:19,813
Mit Ihrer Gedenk-
und Bildungsarbeit,

116
00:06:19,813 --> 00:06:22,564
Ihrer Arbeit mit Jugendlichen
und jungen Erwachsenen

117
00:06:22,564 --> 00:06:24,812
schaffen Sie
diese Zugänge,

118
00:06:24,812 --> 00:06:27,062
schaffen Sie die
Empathie mit den Opfern,

119
00:06:27,062 --> 00:06:30,312
die so elementar
wichtig dafür ist,

120
00:06:30,312 --> 00:06:33,812
unsere bleibende
Verantwortung zu vermitteln.

121
00:06:34,903 --> 00:06:36,713
Ich danke
Marian Turski,

122
00:06:36,713 --> 00:06:38,462
der heute nicht
hier sein kann,

123
00:06:38,462 --> 00:06:41,213
und allen, die sich im
Internationalen Auschwitz Komitee

124
00:06:41,213 --> 00:06:44,213
und insgesamt in der
Erinnerungsarbeit engagieren,

125
00:06:44,213 --> 00:06:46,713
aus tiefstem Herzen.

126
00:06:48,071 --> 00:06:49,473
Einen ganz besonderen
Dank möchte ich dabei

127
00:06:49,972 --> 00:06:53,723
den letzten Zeitzeuginnen
und Zeitzeugen aussprechen.

128
00:06:53,973 --> 00:06:56,722
Sie haben uns,
den Nachgeborenen,

129
00:06:56,722 --> 00:06:59,722
ihre persönliche
Geschichte anvertraut.

130
00:07:01,333 --> 00:07:05,394
Wir müssen uns dieses
Vertrauens würdig erweisen,

131
00:07:05,394 --> 00:07:10,143
indem wir ihre Geschichte,
die Geschichte der Schoah,

132
00:07:10,143 --> 00:07:12,892
die Geschichte ihrer
Opfer weitererzählen

133
00:07:12,892 --> 00:07:15,392
und indem wir
dort nicht aufhören,

134
00:07:15,392 --> 00:07:16,892
sondern auch
immer aussprechen,

135
00:07:16,892 --> 00:07:18,643
was daraus
folgen muss.

136
00:07:18,643 --> 00:07:22,892
Margot Friedländer
hat es so formuliert:

137
00:07:23,282 --> 00:07:27,143
„Es gibt kein christliches,
muslimisches, jüdisches Blut,

138
00:07:27,393 --> 00:07:28,664
nur menschliches.

139
00:07:29,832 --> 00:07:32,983
Seid Menschen,
respektiert Menschen.“

140
00:07:33,973 --> 00:07:38,123
Diese Aufgabe, diese Botschaft
des Humanismus steht im Zentrum,

141
00:07:38,123 --> 00:07:39,622
wenn es etwa
darum geht,

142
00:07:39,622 --> 00:07:43,623
die Arbeit der Gedenkstätten
des Bundes weiterzuentwickeln.

143
00:07:43,623 --> 00:07:47,373
Diese Aufgabe steht im Fokus des
Bundesprogramms „Jugend erinnert“,

144
00:07:47,373 --> 00:07:50,372
das wir im vergangenen
Jahr neu aufgelegt haben

145
00:07:50,623 --> 00:07:52,622
und das insbesondere
Jugendliche anregen soll,

146
00:07:52,622 --> 00:07:56,872
sich für unsere demokratischen
Werte einzusetzen.

147
00:07:57,423 --> 00:07:59,983
Und diese Aufgabe steht
beispielsweise auch

148
00:07:59,983 --> 00:08:03,482
im Zentrum des wichtigen
Engagements der Volkswagen AG,

149
00:08:03,482 --> 00:08:06,232
deren Auszubildende
seit Jahrzehnten helfen,

150
00:08:06,232 --> 00:08:09,483
die Gedenkstätte
Auschwitz zu erhalten.

151
00:08:09,933 --> 00:08:12,333
Vielen Dank,
dass Sie dabei mitgemacht

152
00:08:12,333 --> 00:08:13,904
und uns heute
davon erzählt haben,

153
00:08:14,401 --> 00:08:16,403
liebe Josephine Präger.

154
00:08:18,072 --> 00:08:19,613
Meine Damen und Herren,

155
00:08:20,113 --> 00:08:22,861
bei der Frage nach unserer
bleibenden Verantwortung

156
00:08:22,861 --> 00:08:24,843
geht es ums Erinnern.

157
00:08:24,843 --> 00:08:27,412
Es geht aber
auch ums Handeln.

158
00:08:27,412 --> 00:08:31,233
„Könnte aus unserm Lager nur
eine Botschaft hinausdringen

159
00:08:31,233 --> 00:08:33,623
zu den freien Menschen,
so lautete sie:

160
00:08:33,623 --> 00:08:36,623
Sorget, dass euch in
eurem Heim nicht geschehe,

161
00:08:36,623 --> 00:08:38,623
was uns hier geschieht.“

162
00:08:38,873 --> 00:08:43,122
So formulierte es Primo Levi in
seinem Bericht aus Auschwitz.

163
00:08:43,572 --> 00:08:46,972
„Nie wieder“,
das war seine Hoffnung

164
00:08:46,972 --> 00:08:50,573
im Angesicht des
sicher geglaubten Todes.

165
00:08:52,533 --> 00:08:55,860
Es ist diese Hoffnung,
die unsere Verfassung,

166
00:08:55,940 --> 00:08:58,620
geschrieben als Gegenentwurf
zur Nazidiktatur,

167
00:08:58,700 --> 00:09:01,340
zur höchsten Verpflichtung
des freien,

168
00:09:01,420 --> 00:09:05,420
demokratischen
Deutschlands erklärt:

169
00:09:05,420 --> 00:09:08,940
„Die Würde des Menschen
ist unantastbar.

170
00:09:08,980 --> 00:09:11,140
Sie zu achten
und zu schützen ist Verpflichtung

171
00:09:11,220 --> 00:09:14,900
aller staatlichen Gewalt.“

172
00:09:14,940 --> 00:09:19,100
Gerade heute - im Lichte
von explodierendem Populismus

173
00:09:19,140 --> 00:09:22,380
und Nationalradikalismus,
angesichts der Rufe

174
00:09:22,460 --> 00:09:28,071
nach brutalen Lösungen,
angesichts immer schamloserer Versuche,

175
00:09:28,096 --> 00:09:31,140
rechtsextremistische Positionen
zu normalisieren –

176
00:09:31,220 --> 00:09:36,340
dürfen wir darin
keinen Millimeter zurückweichen.

177
00:09:36,380 --> 00:09:41,740
Ganz im Gegenteil:
Stehen wir auf und wehren wir uns!

178
00:09:41,820 --> 00:09:44,700
Der Schutz der Menschenwürde
ist die Aufforderung

179
00:09:44,740 --> 00:09:51,740
zu ständiger Wachsamkeit
und aktiver Menschlichkeit – jeden Tag.

180
00:09:51,780 --> 00:09:54,740
Marian Turski hat es
in Anlehnung an Roman Kent,

181
00:09:54,780 --> 00:09:58,220
seinen Vorgänger als Präsident des
Internationalen Auschwitz Komitees,

182
00:09:58,260 --> 00:10:01,300
das 11. Gebot genannt.

183
00:10:01,380 --> 00:10:05,220
Auch in seiner heutigen Rede
hat er es bekräftigt:

184
00:10:05,260 --> 00:10:08,140
„Du sollst nicht
gleichgültig sein.“

185
00:10:08,220 --> 00:10:10,220
Darum geht es.

186
00:10:10,260 --> 00:10:12,300
Denn die Zerstörung
des Gemeinwesens

187
00:10:12,380 --> 00:10:14,940
begann mit der Gleichgültigkeit.

188
00:10:14,980 --> 00:10:17,740
Sie begann damit,
dass deutsche Bürgerinnen und Bürger

189
00:10:17,820 --> 00:10:21,420
weitgehend tatenlos zusahen,
als ihre Kolleginnen und Kollegen,

190
00:10:21,460 --> 00:10:25,460
Nachbarn und Bekannten
erst entrechtet, dann verschleppt

191
00:10:25,540 --> 00:10:29,220
und schließlich in Massen
umgebracht wurden.

192
00:10:29,260 --> 00:10:33,620
Als vor fast 90 Jahren
- im September 1935 -

193
00:10:33,740 --> 00:10:36,420
die Nürnberger Gesetze
in Kraft traten,

194
00:10:36,500 --> 00:10:39,740
war die staatliche Entrechtung,
berufliche Ausgrenzung

195
00:10:39,780 --> 00:10:42,220
und wirtschaftliche Enteignung
der Jüdinnen und Juden

196
00:10:42,300 --> 00:10:46,100
bereits seit mehr als zwei Jahren
in vollem Gange

197
00:10:46,140 --> 00:10:50,700
- das alles hatte schon unmittelbar
mit der Machtübernahme begonnen.

198
00:10:50,780 --> 00:10:52,980
Und es hatte sich
kaum ein Protest geregt,

199
00:10:53,060 --> 00:10:57,700
als schon im Frühjahr und Sommer 1933
jüdische Geschäfte boykottiert wurden,

200
00:10:57,780 --> 00:11:01,620
als Juden aus dem Beamtentum und den
juristischen Berufen entfernt wurden,

201
00:11:01,700 --> 00:11:05,100
als die ersten Gesetze zum Entzug
der deutschen Staatsangehörigkeit

202
00:11:05,140 --> 00:11:08,500
auf den Weg gebracht wurden.

203
00:11:08,580 --> 00:11:11,020
Der Theologe Martin Niemöller
versuchte nach dem Krieg

204
00:11:11,060 --> 00:11:14,860
die bittere Logik
dieser Entwicklung zu beschreiben.

205
00:11:14,940 --> 00:11:17,220
Bis mitten in die Gräuel
der Schoah hinein

206
00:11:17,300 --> 00:11:19,180
habe man sich
immer sagen können:

207
00:11:19,260 --> 00:11:22,620
Es trifft ja nicht mich,
es trifft ja „die anderen“.

208
00:11:22,700 --> 00:11:25,260
- Und neben den Gleichgültigen
gab es diejenigen,

209
00:11:25,340 --> 00:11:27,900
die mitgemacht haben und die
- vergessen wir es nicht -

210
00:11:27,980 --> 00:11:31,460
einverstanden waren
mit dem Unrecht.

211
00:11:31,500 --> 00:11:34,780
Nie wieder dürfen wir zulassen,
dass unsere Gesellschaft

212
00:11:34,860 --> 00:11:38,100
in „wir“ und „die anderen“
gespalten wird.

213
00:11:38,140 --> 00:11:40,580
Deswegen ist es empörend
und beschämend,

214
00:11:40,660 --> 00:11:44,260
dass Ausgrenzung auch heute hier
in unserem demokratischen Deutschland

215
00:11:44,340 --> 00:11:47,460
immer noch Jüdinnen
und Juden trifft.

216
00:11:47,540 --> 00:11:49,700
Das werden wir
niemals hinnehmen,

217
00:11:49,820 --> 00:11:51,580
und dabei darf es
keine Rolle spielen,

218
00:11:51,620 --> 00:11:55,460
ob Antisemitismus politisch
motiviert ist oder religiös,

219
00:11:55,540 --> 00:11:57,700
ob er von links kommt
oder von rechts,

220
00:11:57,780 --> 00:11:59,900
ob er seit Jahrhunderten
hier gewachsen ist

221
00:11:59,940 --> 00:12:02,460
oder von außen
ins Land kommt.

222
00:12:02,540 --> 00:12:07,420
Wir nehmen
Antisemitismus nicht hin,

223
00:12:07,500 --> 00:12:09,700
und deshalb bekämpfen wir
weiter jede Form

224
00:12:09,780 --> 00:12:13,780
von Menschenfeindlichkeit,
Rassismus und Terrorpropaganda

225
00:12:13,860 --> 00:12:16,460
mit allen rechtlichen Mitteln.

226
00:12:16,540 --> 00:12:19,500
Wer Terrorismus unterstützt,
wer antisemitisch hetzt,

227
00:12:19,540 --> 00:12:22,700
der muss strafrechtlicher
Verfolgung begegnen,

228
00:12:22,740 --> 00:12:25,140
der muss mit
Vereinsverboten rechnen

229
00:12:25,220 --> 00:12:29,740
und der muss mit aufenthaltsrechtlichen
Konsequenzen rechnen.

230
00:12:29,780 --> 00:12:31,860
Mit dem neuen
Staatsangehörigkeitsrecht

231
00:12:31,900 --> 00:12:34,860
haben wir auch ganz klar geregelt,
dass die Einbürgerung

232
00:12:34,980 --> 00:12:39,580
antisemitisch eingestellter
Personen nicht infrage kommt.

233
00:12:39,660 --> 00:12:44,540
Nicht gleichgültig zu sein,
das ist eine Staatsaufgabe.

234
00:12:44,660 --> 00:12:48,580
Das ist aber auch Bürgeraufgabe.

235
00:12:48,660 --> 00:12:52,340
Denn auch die Geschichte unseres
demokratischen Staates zeigt,

236
00:12:52,420 --> 00:12:54,860
dass wir uns nie
allein auf den Wortlaut

237
00:12:54,940 --> 00:12:57,620
unserer Verfassung
verlassen dürfen.

238
00:12:57,660 --> 00:13:02,140
Unsere Demokratie brauchte
und braucht Bürgerinnen und Bürger,

239
00:13:02,220 --> 00:13:05,420
die für sie einstehen,
Bürgerinnen und Bürger,

240
00:13:05,460 --> 00:13:08,140
die immer wieder einfordern,
dass die Prinzipien,

241
00:13:08,220 --> 00:13:12,820
auf denen unser Staat errichtet ist,
auch tatsächlich gelten.

242
00:13:12,900 --> 00:13:16,580
Die juristische Aufarbeitung
der Schoah ist ein Beleg dafür.

243
00:13:16,660 --> 00:13:20,580
So dauerte es in der Bundesrepublik
bis zum Ende der Fünfzigerjahre,

244
00:13:20,660 --> 00:13:25,020
bis die ersten größeren Prozesse
gegen die Täter begannen.

245
00:13:25,060 --> 00:13:27,460
Es brauchte mutige Juristen

246
00:13:27,500 --> 00:13:31,100
wie den hessischen
Generalstaatsanwalt Fritz Bauer,

247
00:13:31,140 --> 00:13:33,140
der treibende Kraft
bei der Vorbereitung

248
00:13:33,260 --> 00:13:38,020
des ersten, ab 1963 in Frankfurt
geführten Auschwitzprozesses war

249
00:13:38,100 --> 00:13:41,060
- gegen erhebliche Widerstände.

250
00:13:41,140 --> 00:13:44,780
Zum aufrichtigen Umgang
mit der Geschichte unseres Landes

251
00:13:44,860 --> 00:13:51,940
gehört jedoch das Eingeständnis,
dass zu viele Täter davongekommen sind.

252
00:13:52,020 --> 00:13:54,260
Zu viele Verfahren
wurden eingestellt.

253
00:13:54,340 --> 00:13:57,780
Auch durch weitreichende Amnestien
und Verjährungsregelungen

254
00:13:57,860 --> 00:14:01,620
wurde die Ahndung
begangenen Unrechts verhindert.

255
00:14:01,660 --> 00:14:03,620
Viel zu spät,
erst nach 2011,

256
00:14:03,700 --> 00:14:05,540
kam es nach einer Änderung
der Rechtsprechung

257
00:14:05,620 --> 00:14:10,820
wieder zu einzelnen Verfahren
gegen Beteiligte an NS-Verbrechen.

258
00:14:10,900 --> 00:14:15,140
Dennoch sind diese Verfahren
wichtig und richtig,

259
00:14:15,180 --> 00:14:17,660
und ich habe Hochachtung
vor den Juristinnen und Juristen,

260
00:14:17,700 --> 00:14:19,696
die ihre Kraft
so lange danach

261
00:14:19,730 --> 00:14:23,820
noch in den Dienst der juristischen
Aufarbeitung stellen.

262
00:14:23,940 --> 00:14:28,180
Das gehört auch zu unserer
bleibenden Verantwortung.

263
00:14:28,220 --> 00:14:32,260
Auch der Umgang mit den
nationalsozialistischen Verbrechen

264
00:14:32,340 --> 00:14:35,660
an Sinti und Roma ist ein Beleg
dafür, dass es nicht reicht,

265
00:14:35,740 --> 00:14:38,580
das Wort „Menschenwürde“
nur zu schreiben

266
00:14:38,660 --> 00:14:41,420
oder bloß von ihr zu sprechen.

267
00:14:41,460 --> 00:14:43,860
Menschenwürde muss
Handlungsmaxime sein,

268
00:14:43,940 --> 00:14:48,660
sie muss eingefordert und im Notfall
auch eingeklagt werden können.

269
00:14:48,740 --> 00:14:51,580
Bis zu einer halben Million
Sinti und Roma

270
00:14:51,620 --> 00:14:56,100
haben die Nationalsozialisten
in ihrem Rassenwahn ermordet.

271
00:14:56,180 --> 00:14:57,820
Mehr als 4000 von ihnen starben

272
00:14:57,900 --> 00:15:01,900
allein in der Nacht
vom 2. auf den 3. August 1944

273
00:15:01,980 --> 00:15:06,060
in den Gaskammern
von Auschwitz-Birkenau.

274
00:15:06,100 --> 00:15:12,620
„Diese Verbrechen haben den
Tatbestand des Völkermords erfüllt“.

275
00:15:12,660 --> 00:15:17,300
Es war Helmut Schmidt, der diese Worte
zum ersten Mal aussprach.

276
00:15:17,380 --> 00:15:21,460
Das war jedoch erst 1982.

277
00:15:21,500 --> 00:15:24,540
Über Jahrzehnte wurde
dieser Völkermord nicht anerkannt,

278
00:15:24,580 --> 00:15:25,940
und nicht nur das.

279
00:15:26,020 --> 00:15:29,420
Sinti und Roma wurden auch
nach dem Ende der NS-Diktatur

280
00:15:29,460 --> 00:15:31,220
weiter diskriminiert.

281
00:15:31,300 --> 00:15:33,460
Der Staat - die Bundesrepublik -
erfasste sie

282
00:15:33,540 --> 00:15:36,860
auf Grundlage ihrer Abstammung,
verweigerte Entschädigungen,

283
00:15:36,940 --> 00:15:41,020
machte sie teilweise selbst
für ihre Verfolgung verantwortlich.

284
00:15:41,100 --> 00:15:43,300
So waren es
Sinti und Roma selbst,

285
00:15:43,500 --> 00:15:46,100
die sich seit den
Fünfzigerjahren organisierten

286
00:15:46,140 --> 00:15:48,380
und über viele Jahre
hinweg dafür kämpften,

287
00:15:48,420 --> 00:15:52,936
dass ihre Rechte
anerkannt wurden.

288
00:15:52,961 --> 00:15:56,420
Meine Damen und Herren,
dieser Kampf um die Unverletzlichkeit

289
00:15:56,500 --> 00:16:00,340
der Würde jedes und jeder Einzelnen
geht weiter.

290
00:16:00,420 --> 00:16:03,837
Er ist heute so wichtig
wie lange nicht.

291
00:16:03,862 --> 00:16:06,220
Antisemitismus,
überhaupt Anfeindungen

292
00:16:06,260 --> 00:16:09,500
aufgrund eines bestimmten Glaubens,
politischer Überzeugungen

293
00:16:09,540 --> 00:16:12,980
oder der sexuellen Identität,
offener Hass gegen Frauen,

294
00:16:13,020 --> 00:16:16,580
gegen Personen mit der falschen
Hautfarbe, dem falschen Namen,

295
00:16:16,660 --> 00:16:19,420
Angriffe gegen
Menschen mit Behinderung

296
00:16:19,500 --> 00:16:24,380
– das alles nimmt zu,
offline und online,

297
00:16:24,460 --> 00:16:27,380
online allerdings tausendfach
verstärkt durch Algorithmen,

298
00:16:27,420 --> 00:16:31,340
Echokammern und auch
durch die direkte Einflussnahme

299
00:16:31,420 --> 00:16:35,940
mächtiger Einzelner
mit extremistischen Ansichten.

300
00:16:36,020 --> 00:16:38,700
Unsere Verantwortung,
80 Jahre danach,

301
00:16:38,740 --> 00:16:42,660
ist es auch,
diesem Hass zu widerstehen.

302
00:16:42,700 --> 00:16:48,140
Das ist Staatsaufgabe,
das bleibt aber auch Bürgeraufgabe.

303
00:16:48,180 --> 00:16:51,060
Dazu sind in unserem
demokratischen Land

304
00:16:51,100 --> 00:16:54,020
keine großen
Heldentaten erforderlich.

305
00:16:54,060 --> 00:16:56,100
Dafür reicht Zivilcourage.

306
00:16:56,140 --> 00:16:59,140
Dafür genügen Respekt,
Fairness und Rücksichtnahme

307
00:16:59,220 --> 00:17:01,860
im alltäglichen Umgang.

308
00:17:01,940 --> 00:17:05,820
Die beste Orientierung
gibt der verstorbene Vater

309
00:17:05,860 --> 00:17:08,900
von Marcel Reif,
den dieser im vergangenen Jahr

310
00:17:08,940 --> 00:17:13,620
so ergreifend
im Bundestag zitierte:

311
00:17:13,660 --> 00:17:16,340
„Sei ein Mensch!“

312
00:17:16,380 --> 00:17:18,300
Schönen Dank.

