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"Wir sind einfach in den Zug gestiegen“

Ismail Demirtas verließ 1962 ganz spontan seine türkische Heimat, um in Deutschland zu arbeiten. Lange Jahre war er als Sozialberater für andere Gastarbeiter da, ehrenamtlich engagiert er sich bis heute für die Verständigung zwischen Deutschen und Migranten. Seine große Leidenschaft gehört dem Fußball. Über Deutschland sagt er: Ich habe eine tiefe Beziehung zu dem Land und seinen Menschen.

Genau ein Fußballspiel dauert es, bis Ismail eine Entscheidung fürs Leben trifft: „Ich gehe nach Deutschland.“ Auf dem Weg ins Stadion kommt der damals 24-Jährige gemeinsam mit einem Freund an der deutschen Vermittlungsstelle vorbei. An der Wand hängt ein Schild mit der Aufschrift: Fachkräfte in Deutschland gesucht. "Wir hatten keine Ahnung von diesem Land. Aber wir waren abenteuerlustig und haben uns spontan entschieden“, erzählt Ismail lachend.

Eine Woche später haben die beiden Freunde einen Arbeitsvertrag für Deutschland in der Tasche. "Wir sind einfach in den Zug gestiegen“, erzählt Ismail und schmunzelt schon wieder über die eigene Spontanität. Es ist das Jahr 1962. Ismail hat bis dahin in einem Gebirgsdorf im südosttürkischen Taurusgebirge gelebt.

Der gelernte Agrartechniker beginnt als Hilfsarbeiter in einer Gärtnerei im baden-württembergischen Aalen. Es ist Winter in Deutschland, der Februar hat viel Schnee gebracht. Ismails Chef drückt ihm Gummistiefel in die Hand und fordert ihn auf, die Jungpflanzen vom Schnee zu befreien. Doch Ismail friert sehr und weigert sich, draußen zu arbeiten. Zuerst fordert der Chef die 165 Mark, die er für ihn gezahlt hat, zurück, doch dann hat er ein Einsehen. Ismail darf im Gewächshaus arbeiten.

Mit Optimismus gegen Startschwierigkeiten

Ismails Optimismus hilft ihm, die Anfangsschwierigkeiten zu überwinden: "Ich habe schnell Vertrauen gefasst.“ Bald wird dem Türken klar, dass er die deutsche Sprache lernen muss. Er fasst sich ein Herz, spricht einen Arbeitskollegen an – und hat Glück: Der Kollege reagiert freundlich, lädt Ismail zu sich nach Hause ein und erklärt sich bereit, ihm Deutsch beizubringen. "Ich war sehr aufgeregt. Mein Herz fing an zu klopfen, denn ich war noch nie zuvor bei einer deutschen Familie gewesen“, erzählt Ismail. Die beiden Töchter des Kollegen diktieren Ismail Wörter und Sätze aus Zeitschriften. "So habe ich Deutsch gelernt“, berichtet der heute 70-Jährige.

Schon wenige Monate nach seiner Ankunft in Deutschland, im November 1962, lernt Ismail seine spätere Frau Roswitha kennen. Sie arbeitet in einem Elektrofachgeschäft. Ismail traut sich und spricht sie einfach an. Am Anfang treffen sie sich heimlich in einem Café in Aalen. Zu Weihnachten nimmt Roswitha ihren türkischen Freund mit nach Hause. Und wieder hat Ismail Glück: Der künftige Schwiegervater findet es in Ordnung, dass seine Tochter einen Ausländer liebt: "Er wollte, dass wir unser Leben selbst in die Hand nehmen. Deshalb hatte er auch nichts gegen unsere Hochzeit.“

Ismail nutzt berufliche Chancen

Im Mai 1964 heiraten die beiden. Ismails Traum ist es, Lehrer zu werden. In der Türkei war ihm ein Lehramtsstudium aus politischen Gründen versagt, weil seine Eltern Sozialdemokraten sind. Jetzt will er es nachholen und zieht deshalb mit Roswitha nach München. Das Paar wohnt in einem zehn Quadratmeter großen WG-Zimmer. Als Roswitha schwanger wird, wissen sie, dass sie ihr Leben zu dritt nicht finanzieren können, wenn Ismail weiter studiert, und kehren nach Aalen zurück. 1965 kommt ihr Sohn zur Welt.

Ismail schaut sich nach neuen beruflichen Möglichkeiten um. 1965 beginnt er eine Lehre als Dreher in Baden-Württemberg und schließt drei Jahre später als erster Türke in dem Bundesland die Berufsschule ab. Das ist dem damaligen Arbeits- und Sozialminister von Baden-Württemberg eine Ehrung wert. Für Ismail ist das Ansporn, sich weiter fortzubilden. 1970 beginnt er in Stuttgart ein Studium an der Technikerschule.

Als er im zweiten Semester ist, kommt ein Angebot der türkischen Botschaft und des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt: Ismail soll türkische Arbeitnehmer und deren Familien im Ostalbkreis und in Heidenheim betreuen. Er nimmt an und legt 1983 die Prüfung zum Sozialberater ab. Bis zum Ruhestand, in den er aus gesundheitlichen Gründen 1999 eintritt, arbeitet Ismail in dieser Position bei der Arbeiterwohlfahrt.

Die Seele gehört dem Fußball

Ismails zweite große Leidenschaft neben dem Beruf war und ist der Fußball. "Ich bin ein verrückter Fußballfan“, gesteht er lachend ein. In den 1960er Jahren dürfen die so genannten Ausländervereine nicht in den Ligen des Deutschen Fußballbundes mitspielen. Das gefällt Ismail gar nicht. Er schreibt unermüdlich Briefe und spricht mit den Verantwortlichen des DFB in Baden-Württemberg. Ismails Beharrlichkeit hat Erfolg: Die Regelung wird aufgehoben, und der von ihm mitgegründete Verein Safakspor Aalen zieht in die Kreisklasse ein.

Ismail engagiert sich aber nicht nur in Sachen Fußball für die Verständigung von Deutschen und Türken. 1964 gründet er den Türkischen Arbeiterverein und mietet einen kleinen Raum an, in dem die Vereinsmitglieder andere Gastarbeiter beraten. Viele seiner Landsleute kommen mit Fragen zum Arbeitsrecht oder zum Umgang mit Behörden.

Als Ende der 1960er Jahre mehr Gastarbeiterfamilien nach Deutschland ziehen, wird die Integration durch Sprache immer wichtiger. 1970 organisiert Ismail die erste Hausaufgabenhilfe für türkische Schüler und gibt selbst Deutschkurse für Erwachsene an der Volkshochschule. Mit Unterstützung der Aalener Lokalpresse sorgt er 1971 dafür, dass deutsche Familien Gastarbeiter zu Weihnachten zu sich nach Hause einladen.

Freundschaft ist wichtig für Integration

"Aus diesen Treffen sind Freundschaften hervorgegangen, die bis heute halten“, freut sich Ismail – und nimmt den Erfolg erneut als Ansporn, noch mehr für die Freundschaft zwischen beiden Völkern zu tun. Auf Ismails Initiative hin entsteht die Städtepartnerschaft zwischen Aalen und Antakya in der Türkei. Seit 1995 findet jährlich ein Schüleraustausch zwischen den Städten statt.

"Ich habe eine tiefe Beziehung zu Deutschland und den Menschen hier entwickelt“, sagt Ismail. "Anders kann ich mir ein Leben hier auch gar nicht vorstellen. Wir Türken in diesem Land wollen auch die Interessen Deutschlands vertreten.“ Nur beim Fußball ist das für Ismail anders: „Da schlägt mein Herz für die Türkei, das ist klar.“

Dienstag, 19. Mai 2009