Wie Eltern ein vielfältiger Kinder-Speiseplan gelingt

Interview zur gesunden Ernährung von Kindern Wie Eltern ein vielfältiger Kinder-Speiseplan gelingt

Kinder lernen am besten schon früh, was eine gesunde Ernährung mit viel Obst und Gemüse ausmacht. Professorin Regina Ensenauer, Leiterin des Instituts für Kinderernährung am Max Rubner-Institut, erklärt im Interview, warum das wichtig ist, wie es am besten gelingt und worauf man in der Schwangerschaft achten sollte.

Prof.Regina Ensenauer trägt eine Brille und hat lange, dunkelbraune Haare. Sie trägt eine helle Bluse und einen dunklen Blazer.

Die Wissenschaftlerin und Kinderärztin Prof. Regina Ensenauer empfiehlt Eltern, bei der Ernährung ihrer Kinder auf gesunde Lebensmitteln mit wenig Zucker zu achten. Sie rät insbesondere von den sogenannten „Quetschies“ ab.

Foto: Claus Morgenstern

Warum ist das Ernährungsverhalten der Mutter in der Schwangerschaft und dann auch im frühen Kindesalter so wichtig?

Regina Ensenauer: Die ersten tausend Tage eines Kindes sind sehr wichtig. Sie beginnen bei der Konzeption des Menschwerdens, dem Beginn der Schwangerschaft, und gehen bis zum Ende des zweiten Lebensjahres. Man geht davon aus, dass sich in diesen ersten tausend Tagen viele Organstrukturen bei dem sich entwickelnden Menschen ausbilden. Da ist es auch ganz wichtig, dass die Umwelt- und Ernährungseinflüsse so sind, dass sich das ganze System ausgewogen entwickeln kann.

In dieser ersten Lebensphase werden die Bausteine für das weitere Leben gelegt, in vielerlei Hinsicht. So wird schon früh der Geschmack ausgebildet und möglicherweise für das weitere Leben geprägt. Er bildet sich sogar schon in der Schwangerschaft aus, nämlich über Komponenten des Fruchtwassers. Was die Mutter in der Schwangerschaft isst, bildet sich über Stoffwechselprodukte auch im Fruchtwasser ab. Der sich entwickelnde Fetus schluckt das Fruchtwasser, und die Geschmacksrezeptoren, die im Fetus heranreifen, sind schon ab der zehnten bis vierzehnten Schwangerschaftswoche funktionell aktiv. Das heißt, dass das Geschmackssystem des Fetus scheint sich auf der Basis der mütterlichen Ernährung in der Schwangerschaft zu entwickeln. Das Kind wird also bereits im Mutterleib auf die spätere Akzeptanz für bestimmte Lebensmittel vorbereitet. 

In einem zweiten Schritt erfolgt dann die weitere Geschmackserfahrung des Säuglings dann idealerweise über die Muttermilch. Das Stillen ist optimal, um das Kind an die Beikost und feste Kost heranzuführen – insbesondere, was den Geschmack anbetrifft. Die Geschmacksprägung entwickelt sich dann weiter. Auch beim Stillen spielt die Ernährung der Mutter eine entscheidende Rolle. Es gibt Hinweise aus Studien, dass Lebensmittel, die die Mutter in der Stillzeit gegessen hat, im Rahmen der Beikosteinführung vom Kind eher akzeptiert werden. Außerdem deutet sich an, dass Stillen mit Geschmackspräferenzen im weiteren Leben einhergeht. 

Wir brauchen aber noch mehr Forschung, um die Rolle der Ernährung in den ersten tausend Tagen für die Geschmacksprägung genauer zu verstehen. Insbesondere fehlen Langzeitstudien, die untersuchen, welche frühe Wirkung von Lebensmitteln genau ausgeht und wodurch der Geschmack genau geprägt wird.  

Worauf müssen Eltern bei der Ernährung ihrer Kinder besonders achten?

Ensenauer: Wichtig ist es insbesondere, darauf zu achten, dass die Ernährung ausgewogen und abwechslungsreich gestaltet wird. Es ist tatsächlich so, dass sich das Kind sehr stark an seiner Umwelt orientiert und damit auch am Ernährungsverhalten seiner Eltern – sie sind daher gerade für Kindergarten- und Grundschulkinder exorbitant wichtige Vorbilder. Daher ist es wichtig, dass ich als Elternteil selbst eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung vorlebe.

Auch neue Lebensmittel sollten immer mal wieder auf der Speisekarte von Kindern stehen. Diese kann man gemeinsam mit den Kindern entdecken und erfahren lernen. Es geht darum, gemeinsam zu schmecken, zu riechen und sie gemeinsam zuzubereiten. Eltern sollten von Anfang an einen lockeren Umgang damit pflegen und Lebensmittel, die nicht auf Anhieb von den Kindern akzeptiert werden, nach einigen Monaten – möglicherweise in einer anderen Zubereitungsform – erneut anbieten. Auch sollten Eltern die Mahlzeiten mit ihren Kindern gemeinsam einnehmen und darauf Wert legen, dass dafür ausreichend Zeit zur Verfügung steht. 

Gemüse und Salat sollten von Anfang an mit einbezogen werden. Kinder sollten zudem lernen, dass sie dabei Spaß und Genuss empfinden können. Sie werden so ganz natürlich an eine ausgewogene Ernährung herangeführt, die ihnen mit der Zeit immer bewusster wird. 

Wie gelingt es, dass sich Kinder gesünder ernähren – also zum Beispiel mehr Obst und Gemüse essen?

Regina Ensenauer: Dass eine Ernährung mit viel Obst und Gemüse Spaß macht, kann man natürlich auch mit der optischen Darbietung erreichen. Aber es muss aus meiner Sicht nicht jedes Mal ein Gesicht aus den gesunden Lebensmitteln auf dem Teller arrangiert werden. Gemüse und Obst sollen auch als ganz normaler Bestandteil der Mahlzeiten wahrgenommen werden und nicht von Beginn Kindern gegenüber als „schwer vermittelbar“ angesehen werden – intuitiv nehmen Kinder mehr wahr als man denkt. Vielmehr kommt es darauf an, Essen auch mal wieder anders oder neu zuzubereiten. Die gemeinsame Zubereitung dieser Mahlzeiten, zum Beispiel einen bunten Salat als Vorspeise oder einen Obstsalat als Nachtisch, kann viel Spaß machen und dabei helfen, dass die Kinder auch gesunde Lebensmittel besser akzeptieren. 

Prof. Regina Ensenauer war auch Jury-Mitglied beim diesjährigen Wettbewerb „Ausgezeichnet! Deutschlands beste Kinderspeisekarten“, der erstmals vom Bundesernährungsministerium und vom Deutschen Hotel und Gaststättenverband ausgetragen wurde.

Wie viele Mahlzeiten empfehlen Sie für ein Kind?

Ensenauer: Für junge Kinder werden drei Hauptmahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten am Tag empfohlen. Grundsätzlich sollten Eltern darauf achten, dass Kinder nicht zuviel Zucker zu sich nehmen. Zu viel Zucker von klein auf prägt das Geschmackssystem in eine ganz bestimmte Richtung. Kinder entwickeln ein starkes Verlangen nach Zucker, wenn sie von Anfang an so stark daran gewöhnt sind. Das sollten wir vermeiden. Deshalb sind zuckerreiche Lebensmittel für Säuglinge im ersten Lebensjahr nicht sinnvoll, eine ganz sensible Lebensphase.

Je jünger das Kind oder auch der Fetus ist, desto sensibler ist das System, weil es sich ja erst formiert und ausbildet. Aber auch im weiteren Kindesalter sollten Eltern darauf achten, vor allem mit der zusätzlichen Zugabe von freiem Zucker sehr sparsam zu sein. Süßigkeiten sollten etwas Besonderes bleiben. 

Gibt es dafür auch einen Richtwert, wieviel Süßes am Tag oder in der Woche zu viel ist?

Ensenauer: Täglich mehrere Schokoriegel wären schon bedenklich. Auch süße Getränke sollten etwas Besonderes bleiben, das nicht täglich auf dem Speiseplan steht. Zu viel Zucker – und vor allem versteckt in süßen Getränken wie Limonaden und Fruchtsäften – fördert die Entstehung von Krankheiten wie etwa Übergewicht, Diabetes und auch Karies. Besser sollten Kinder Wasser und ungesüßten Tee trinken. Und dabei geht es auch wieder darum, wie gewöhne ich mein Kind an diese Situation von Anfang an. 

Ein gutes Beispiel sind die sogenannten „Quetschies“ oder Quetschbeutel. Das ist ein Fruchtpüree in Kunststoffbeuteln mit Schraubverschluss. Diese werden zum Teil auch schon für Säuglinge angeboten, die noch keine Zähne haben. Aufgrund der einfachen Handhabung haben sich die „Quetschies“ zwischenzeitlich als beliebte Zwischenmahlzeit in der Beikostphase etabliert. Damit sind aber mehrere Probleme verbunden. Sie sind zum einen viel zu süß, da sie sehr viel Fruchtzucker enthalten. Bei der Herstellung wird zum Fruchtpüree oft noch Apfelsaft- oder Traubensaftkonzentrat dazugegeben, damit die Konsistenz etwas flüssiger und weicher bleibt.

Zum anderen haben „Quetschies“ aus kinderärztlicher Sicht noch einen weiteren negativen Aspekt. Mit etwa sechs Monaten beginnt ein Kind in der Interaktion mit der Mutter, seine Beikost zu löffeln. Bei den „Quetschies“ ist dies jedoch häufig nicht der Fall, da der Säugling das Obst in einem Fruchtbeutel-Format in den Mund gedrückt bekommt bzw. er das Fruchtpüree aus dem Beutel heraussaugt. Dadurch unterbleibt unter anderem der motorische Lerneffekt, den Säuglinge durch die Zufuhr von Nahrung über einen Löffel erfahren. 

Das Bundesernährungsministerium hat eine Nationale Strategie zur Stillförderung erarbeitet, um Deutschland stillfreundlicher zu machen und um die Stillförderung nachhaltig zu verbessern.

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