Theres Philipp

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel, sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung,

ich danke Ihnen für die Möglichkeit zur Mitarbeit an der Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie.
Ich möchte mich diesbezüglich vorrangig auf die Punkte 2 und 3 Ihrer Dialogfassung beziehen. Dazu erachte ich es als sinnvoll, einen Auszug aus dem Weltagrarbericht von 2019 (S. 37) zu zitieren:
"Fehlernährung in all ihren Formen, einschließlich Fettleibigkeit, Unterernährung und anderen Ernährungsrisiken, ist weltweit die Hauptursache für schlechte Gesundheit. In naher Zukunft werden die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels diese gesundheitliche Herausforderung noch beträchtlich verschärfen. Der Klimawandel kann wegen seiner weitreichenden Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen und von Natursystemen, von denen wir abhängen (d.h. der planetarischen Gesundheit), als eine Pandemie angesehen werden. Diese drei Pandemien – Adipositas, Unterernährung und Klimawandel – sind eine globale Syndemie, von der die meisten Menschen in allen Ländern und Regionen der Welt betroffen sind. Sie stellen eine Syndemie bzw. Synergie von Epidemien dar, weil sie gleichzeitig und am selben Ort ausbrechen, miteinander interagieren und dabei komplexe Folgeerscheinungen erzeugen, sowie gemeinsame gesellschaftliche Ursachen haben."
Um diese globale Syndemie zu stoppen, bedarf es umfangreicher Maßnahmen, die schnellstmöglich umgesetzt werden müssen und die sich ihrerseits perspektivisch auf die Landnutzung, die Ernährung und den Konsum unseres Landes auswirken.
In Ihrer DNS 2021 halten Sie auf S. 86  den Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte fest, in welchem verankert ist, dass jeder Mensch zu jeder Zeit physischen und wirtschaftlichen Zugang zu ausreichender, gesundheitlich unbedenklicher und ernährungsphysiologisch ausgewogener Nahrung haben sollte. Allerdings zählen in Deutschland auch Lebensmittel zu den Grundnahrungsmitteln, die von der WHO als karzinogen eingestuft werden. Als Beispiel sei hierbei verarbeitetes Fleisch in Form von Wurst sowie in Form anderer Fleischwaren angeführt, die der WHO folgend als krebserregende Stoffe der Gruppe 1 gelten. Obschon also viele der als Grundnahrungsmittel geltende Güter (insbesondere tierische Erzeugnisse in Form von Milch- und Fleischprodukten) gesundheitlich bedenklich sind, werden sie aktuell mit dem begünstigten Steuersatz von 7% besteuert, während unbedenklichere Varianten aus pflanzlichen Quellen als Genussmittel mit 19% besteuert werden. Ich denke, es sollte eines der obersten Ziele sein, Grundnahrungsmittel wie verarbeitetes Fleisch und Milch als Genussmittel zu besteuern und pflanzliche Produkte, die weniger schädlich sind, als Grundnahrungsmittel zu klassifizieren. Dies würde nicht zuletzt den Landwirten zugutekommen, die für eine artgerechte Haltung von Nutztieren besser entlohnt werden würden und die zugleich weniger subventioniert werden müssten.
Ebenfalls auf S. 86 halten Sie fest, dass Hunger und Mangelernährung oftmals eine Folge von multidimensionalen Krisen seien. Dazu zähle ich unter anderem auch den starken Import Deutschlands von Nahrungsmitteln aus Drittstaaten, die ihre Lebensmittel statt für den Export, lieber für die Ernährung der eigenen Bevölkerung nutzen sollten. Die starke Nachfrage aus den europäischen Staaten fördert jedoch den Ausbau von Monokulturen in diesen Ländern, die dort den Boden und damit die Lebensgrundlage der Menschen vor Ort zerstören. Bedeutsamer wäre es also stattdessen, den Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern nachhaltige Anbausysteme näher zu bringen, den Export auch innerhalb Europas einzuschränken und ihn gleichzeitig stärker zu entlohnen, sodass der Konsum durch höhere Preise auch hierzulande geregelt wird. Umgekehrt sollte eine Rückbesinnung auf Regionalität und Saisonalität erfolgen, um primär auch Kleinbauern hierzulande zu unterstützen.
Weiterhin heißt es auf S. 86-87, dass bis 2050 voraussichtlich mehr als neun Milliarden Menschen auf der Welt leben werden, wodurch der Mehrbedarf an Nahrungsmitteln bis 2050 auf bis zu 60 % steigt. Hier möchte ich anmerken, dass es vonnöten ist, eine nachhaltige Landnutzung anzustreben, um die Produktivität vor allem auch im Inland zu steigern. Dies kann mithilfe von Agroforstsystemen wie dem Agrosilvopastoralen System erfolgen, das Bäume, Acker und Vieh simultan nutzen kann. So wird es möglich, die Produktivität bei gleichzeitig geringerem Landverbrauch zu erhöhen. Außerdem wird der Boden gestärkt und die Landwirte sind nicht mehr von nur einem Ertrag abhängig. Darüber hinaus können neun Milliarden Menschen nur dann ernährt werden, wenn die endliche Ressource des Ackerlandes nachhaltig für den Menschen und nicht für die Nutztiere eingesetzt wird. Immerhin benötigen die 17% des Kalorienbedarfs, der durch tierische Produkte gedeckt wird, 77% des globalen Agrarlandes (vgl. Fleischatlas 2018, S. 10). Auch hier spielt erneut die Besteuerung der Lebensmittel eine Rolle, um Ernährungsgewohnheiten wieder zu verändern respektive um den Konsum von Genuss- und Grundnahrungsmitteln angemessen zu steuern.
Weiterhin ist S. 87 zu entnehmen, dass es für eine nachhaltige Entwicklung unablässig ist, die stetigen Verluste an Agrarflächen weltweit einzudämmen. Daraus folgt die Notwendigkeit, den Einsatz von Herbiziden, Insektiziden und Fungiziden sofort einzustellen, um die Bodengesundheit und damit die Fruchtbarkeit dessen wiederherzustellen. Außerdem sollten die bisherigen Monokulturen im Sinne der Ackerbaustrategien Permakulturen und Agroforstsystemen weichen. Auch eine flächengebundene Tierhaltung (wie sie auf S. 94 bereits angedacht wurde) sollte im großen Maßstab umgesetzt werden, wobei es von großer Bedeutung ist, dass die anfallende Gülle nur auf den Flächen ausbracht werden darf, wo auch Futtermittel angebaut wird. Damit spreche ich mich zugleich gegen den weiteren Import von Gülle aus dem Ausland aus.
Laut SDG 2.3 sollen kleinbäuerliche Betriebe und Familienbetriebe hinsichtlich ihrer Produktivität unterstützt werden. Ich bitte Sie an dieser Stelle darum, ihre kürzlich gefasste Agrarreform dahingehend zu überdenken. Es sollte nicht das Ziel sein, Betriebe nach Flächenmaßstab zu subventionieren. Stattdessen sollte Nachhaltigkeit eines der obersten Kriterien darstellen, sodass Großbetriebe nur dann Subventionen erhalten sollten, wenn sie zu einer nachhaltigen Bewirtschaftung übergehen, woraus folgt, dass es einen Abbau von Massentierhaltungsanlagen und dem bisher üblichen Monofeldanbau geben muss (Punkt 4, S. 89).
Zu den bisher benannten Punkten bedarf auch der Umgang mit Lebensmittelabfällen einer Überarbeitung. So sollten Gemüse und Fleischerzeugnisse in ihrer Gesamtheit zum Verkauf stehen. Als Beispiel sei hier der Blumenkohl angeführt, der bereits während des Erntevorgangs durch seine großen Blätter zu 60% aus Abfall besteht. Würde er samt essbarer (!) Blätter verkauft werden, würde sich die Müllmenge reduzieren und es gäbe einen weiteren Beitrag zur Ernährung einer zunehmend wachsenden Bevölkerung. Außerdem möchte ich anmerken, dass Gemüseabfälle von Supermärkten nicht in Containern landen sollten, sondern alternativ an Viehbetriebe gehen, wo sie als Futtermittel eingesetzt werden können.
Eng mit diesem Ansatz der geringen Verschwendung verknüpft ist die Verfügbarkeit und der Zugang zur Nahrung, der laut Ihrer Dialogfassung (S. 87) auch mit der richtigen Verwendung einhergeht. Diesbezüglich würde es sich anbieten, Schul- und Kitagärten nach dem Beispiel Großbritanniens einzuführen, die im Gesamten einen Großteil des Essenangebotes der Einrichtungen abdecken könnten. Dazu wäre es notwendig, Personal auszubilden, dass einerseits die Lebensmittel aus dem Anbau adäquat verarbeiten und andererseits die Kinder lehren kann, damit umzugehen. Damit würden Lieferungen von Cateringfirmen wegfallen, die nährstoffarmes, verarbeitetes Essen liefern und durch den Transport sowie die Lagerung in Form der Kühlung hohe CO2-Emissionen aufweisen.
Zuletzt möchte ich mich zur Adipositasquote äußern, der durch Zucker- und Fettsteuern entgegengewirkt werden kann, so wie es in anderen Ländern bereits erfolgreich umgesetzt wird. Auch eine einheitliche, von der Regierung vorgegebene Nährstoffampel auf Produkten könnte hier rechnungstragend sein.
Zusammenfassend möchte ich meine Änderungsvorschläge noch einmal in Kürze darlegen:

  • Bedenkliche „Grundnahrungsmittel“ wie verarbeitetes Fleisch und Milch sollten als Genussmittel besteuert werden, während pflanzliche Alternativen zu den Grundnahrungsmitteln gerechnet werden sollten
  • Landwirten in Entwicklungs- und Schwellenländern nachhaltige Anbausysteme (Agroforstwirtschaft/Permakultur) näherbringen und gleichzeitig den Import von Lebensmitteln aus diesen Gebieten einschränken und zusätzlich entlohnen
  • Agroforstsysteme und Permakulturen auch innerhalb Deutschlands fördern und die Subventionen von Massentieranlagen und Monokulturen einstellen
  • Flächengebundene Tierhaltung deutschlandweit durchsetzen
  • Import von Gülle stoppen
  • Einsatz von Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden sofort einstellen
  • Lebensmittel in Gänze zum Verkauf stellen
  • Pflanzliche Abfälle aus dem Handel an Landwirte übergeben
  • Schul- und Kitagärten als Alternative zu Cateringfirmen fördern
  • Zucker- und Fettsteuer einführen
  • Eine einheitliche Nährstoffampel zur Produktkennzeichnung erarbeiten

Sie mögen an dieser Stelle anmerken, dass es sich um einen hohen Kostenaufwand handelt, um die von mir benannten Ziele umzusetzen. Ich möchte Sie jedoch auf die positiven Arbeitsmarkteffekte meiner Vorschläge sowie auf die zusätzlichen Einnahmen von Steuern bei gleichzeitig geringerer Zahlung von Subventionen aufmerksam machen, die letztendlich dazu führen, dass Landwirte und die daran gekoppelten Berufsgruppen für ihre Arbeit endlich angemessen bezahlt werden würden und die bei gerechter Bezahlung bessere Arbeit leisten würden.

Ich bedanke mich für Ihr Interesse und wünsche im Namen meines Mannes und meiner beiden kleinen Söhne großen Erfolg bei der Erarbeitung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie, die hoffentlich dazu in der Lage ist, uns eine Welt zu hinterlassen, die auch in 40 Jahren noch bewohnbar ist.

Mit freundlichen Grüßen

Theres Philipp