Nachhaltigkeitspolitik

Bedrohte Seegräser

Seegraswiesen gegen den Treibhauseffekt

Seegräser sind ein wichtiger Bestandteil des Ökosystems Meer und von großer Bedeutung für die Umwelt und den Menschen. Sie wirken als Kohlenstoffsenke und damit klimaregulierend. Doch menschliche Aktivitäten und steigende Wassertemperaturen bedrohen die Bestände weltweit.

Seegras

Seegraswiesen in der Cenderawasih Bucht West Papua, Indonesien.

Foto: imago images/OceanPhoto

Seegraswiesen bedecken weltweit etwa 600.000 Quadratkilometer des Meeresbodens, mehr als die Fläche Frankreichs. Sie sind Lebensraum für viele Organismen, darunter bedrohte Arten wie Seepferdchen und Seekühe, und Brut- und Rückzugsort wirtschaftlich bedeutsamer Fischarten. Zudem schützen Seegräser die Küsten und halten das Wasser sauber.

Gefährdete Lebensräume

Die Küstenregionen gehören zu den dichtest besiedelten Gebieten der Erde, daher sind Küstenökosysteme starken Belastungen ausgesetzt. Intensive Aquakultur, Küstennutzung und Fischerei sowie Umweltverschmutzung setzen auch Seegräser unter Druck.

Laut der Roten Liste  der Weltnaturschutzunion (IUCN) schrumpft die Seegrasbedeckung weltweit um 1,5 Prozent pro Jahr, andere Schätzungen liegen noch deutlich höher. Vermutlich ist bisher etwa ein Drittel der globalen Bestände verschwunden. Seegraswiesen gehören damit neben Korallenriffen und tropischen Regenwäldern zu den am stärksten bedrohten Ökosystemen der Erde.

Nachhaltige Nutzung von Küstenökosystemen in China

Besonders drastisch ist der Rückgang der Seegraswiesen in Südostasien. Die Insel Hainan, einzige tropische Region Chinas und damit ein beliebtes Reiseziel, steht im Zentrum eines deutsch-chinesischen Projekts, das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird. Hainans Küste säumen artenreiche Mangrovenwälder, Korallenriffe und Seegraswiesen. Sie bilden die Grundlage für Fischerei und Tourismus, gleichzeitig nehmen diese Ökosysteme zunehmend Schaden. 

"Wir konnten feststellen: Die größten Probleme macht die Aquakultur. Sie entlässt Abwässer in das Küstenmeer, deren hoher Gehalt an Nähr- und Schwebstoffen die Seegraswiesen massiv schädigt", erklärt Projektleiter Tim Jennerjahn vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung. Teil der Aktivitäten ist ein organisierter Wissenschaftsdialog mit lokalen Partnern. Die Teilnehmenden lernten die Ökologie der Seegräser kennen und werden in den kommenden Jahren Vielfalt und Bewuchs einiger Seegrasflächen überwachen.

"Durch die Beteiligung der lokalen Öffentlichkeit schärfen wir das Bewusstsein der Bevölkerung für die wichtige Rolle dieser Ökosysteme", so Jennerjahn. "Wir wollen Wissen vermitteln und Prozesse anstoßen, in Politik und Gesellschaft. Es scheint zu funktionieren. Mittlerweile gibt es beispielsweise Grenzwerte für verschiedene Schadstoffe und Schonzeiten für Jungfische."

Seegräser unter Temperatur- und Nährstoffstress

Auch im Mittelmeer und im Roten Meer wird untersucht, wie Seegräser auf Stress reagieren. Im BMBF-Projekt SEANARIOS arbeiten deutsche Forschende mit Institutionen in Italien und Israel zusammen. "Wir vergleichen verschiedene Seegrasarten mit unterschiedlicher geografischer Verbreitung", erklärt Projektleiterin Mirta Teichberg vom Zentrum für Marine Tropenforschung. "Dadurch können wir viele verschiedene Reaktionen von Seegräsern auf Umweltstress erforschen."

Gerade ist Teichberg aus dem Golf von Neapel zurückgekehrt. "Dort haben wir Flächen eines langsam wachsenden Seegrases abgegrenzt, um daraus Proben zu entnehmen. Vergleichbare Arbeiten gibt es auch zu einer schnell wachsenden Seegrasart im Golf von Aqaba. Einige Flächen düngen wir kontinuierlich, um starken Nährstoffeintrag zu simulieren. Wir beobachten die Seegräser vom Frühjahr über den heißen Sommer bis in den Herbst." Die Forschenden wollen lernen, Stressreaktionen von Seegräsern auf zwei Hauptbedrohungen –  steigende Temperaturen und Nährstoffeinträge –  frühzeitig zu erkennen.

"Kennen wir die frühen Warnsignale, können wir eingreifen, ehe es zu irreversiblen Schäden kommt", so Teichberg. Die Daten sollen auch genutzt werden, um das Verhalten von Seegras unter zukünftigen Klimabedingungen zu modellieren. "Ein solches Modell kann dann auf andere Regionen und Seegrasarten übertragen werden und das Management dieser sensiblen und wichtigen Lebensräume erheblich verbessern."

Bedrohtes Seegras vor unserer Haustür

Auch in der Ostsee bildet Seegras einen wichtigen Lebensraum. Dort ist das Ökosystem vor allem durch Nährstoffe aus der Landwirtschaft bedroht. Die Helsinki-Kommission zum Schutz der Ostsee (HELCOM) stuft die Bestände als stark gefährdet ein.

Im von Forschern der Universität Kiel koordinierten europäischen Verbundprojekt BONUS ECOMAP wird der Meeresboden der Ostsee mit modernsten Methoden zentimetergenau vermessen. Die Ergebnisse helfen, die verschiedenen Lebensräume in der Fläche darzustellen und deren Vorkommen damit besser zu verstehen.

Schlüsselfunktion für das Klima

"Seegräser sind eines der produktivsten Ökosysteme im Meer", sagt Maggie Sogin vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie. Sie erforscht die Wechselwirkung des Seegrases mit dem Meeresboden.

"Der größte Teil des Kohlenstoffs, den Seegräser aufnehmen, landet im umgebenden Sand. So entfernen sie große Mengen des Treibhausgases CO2 langfristig aus der Atmosphäre." Pro Jahr binden sie bis zu 83 Millionen Tonnen Kohlenstoff, das entspricht den jährlichen CO2-Emissionen aller Autos in Italien und Frankreich. "Seegräser sind sehr wichtig für die Regulierung des Klimas und die weltweite Kohlenstoffbilanz", so Sogin.

Es gibt sogar Bestrebungen, Seegraswiesen wieder aufzuforsten, um diese CO2-Senke zu nutzen. Das haben sich auch die Forscher aus Kiel zu Herzen genommen. Im Rahmen des Projektes ECOMAP werden deshalb Daten erhoben und Modelle erarbeitet, um ideale Wachstumsgebiete auszuloten.