Nachhaltigkeit als Kompass für die Zukunft

Interview mit dem Vorsitzenden des Nachhaltigkeitsrates Nachhaltigkeit als Kompass für die Zukunft

Konsum, Mobilität, Wohnen - und in vielen weiteren Bereichen müsse sich viel ändern, wenn wir Klimaneutralität im Sinne der globalen Nachhaltigkeitsziele erreichen wollen, so Dr. Werner Schnappauf, Vorsitzender des Rates für Nachhaltige Entwicklung. Im Interview spricht er auch darüber, dass die Corona-Pandemie die Zielerreichung nicht gerade leichter mache.

Dr. Werner Schnappauf, Vorsitzender des Rates für Nachhaltige Entwicklung

Nachhaltigkeit kann heute, morgen und übermorgen ein gutes Leben ermöglichen, so Dr. Werner Schnappauf, Vorsitzender des Rates für Nachhaltige Entwicklung.

Foto: Viviane Wild / RNE

Herr Dr. Schnappauf, warum ist Nachhaltigkeit so wichtig?

Dr. Werner Schnappauf: Das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung ist eine positive Vision für die heutigen und zukünftigen Generationen: Wir wollen so leben, arbeiten und wirtschaften, dass sowohl den Menschen von heute als auch jenen von morgen und übermorgen ein gutes Leben auf dieser Erde ermöglicht wird. Das klingt banal, ist es aber nicht. Unser Konsum, unsere Mobilität, unsere Wohnungen, unsere Energieerzeugung, unsere Art des Produzierens und unsere Landwirtschaft werden sich ändern müssen, wenn wir das Ziel der Klimaneutralität im Sinne der Pariser Ankommens und die globalen Nachhaltigkeitsziele erreichen wollen.

Das Prinzip Nachhaltigkeit ist dabei der sichere Kompass, der uns hilft, in unübersichtlichen und schwierigen Situationen den richtigen Weg in eine lebenswerte Zukunft zu finden. Diesen Ansatz hat auch das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung zum Klimaschutzgesetz bestätigt.

Wo stehen wir heute? Was haben wir bisher erreicht?

Schnappauf: Wir haben schon einige wichtige Schritte auf dem Weg zu Nachhaltigkeit und Klimaneutralität geschafft. Ein Beispiel: Das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat für Energietechnologien in Deutschland und später auch weltweit wichtige Impulse gesetzt. Erneuerbare Energie ist heute wettbewerbsfähig, ja sogar günstiger als fossile Energieträger.

Für eine vollständige Dekarbonisierung auch der Mobilität und der Industrie brauchen wir aber eine Vervielfachung der Energieproduktion aus erneuerbaren Quellen, zum Beispiel für die Produktion von grünem Wasserstoff. Das setzt einen starken Ausbau der Erneuerbaren, vor allem von Windkraft und Photovoltaik, in Deutschland aber auch international voraus. Dafür müssen wir mit einem wirksamen CO2-Preis, aber auch mit einem Ausbau der Infrastruktur jetzt die richtigen Weichen stellen.

Der Nachhaltigkeitsrat und die Leopoldina haben dazu bei der Jahreskonferenz des Rates gemeinsame Handlungsoptionen vorgestellt. Auch in anderen wichtigen Themenbereichen wie bei Gebäuden und in der Landwirtschaft haben wir gute Lösungen zur Hand, um deutlich nachhaltiger zu werden. Wir müssen sie nur jetzt umsetzen. Dafür ist es wichtig, öffentliche und private Finanzmittel zu mobilisieren und in die richtigen Investitionen zu leiten.

Was müssen wir unternehmen, um die globalen Nachhaltigkeitsziele bis 2030 zu erreichen?

Schnappauf: Die globalen Nachhaltigkeitsziele bis 2030 zu erreichen ist schwer, es wird aber durch die fortschreitende Erderwärmung und die Corona-Pandemie für viele nochmals erschwert. Der Klimawandel hat in vielen Regionen schon jetzt drastische Folgen. Deutschland, die EU und die anderen Industrieländer müssen durch eine neue Art der internationalen Nachhaltigkeitskooperation und mit neuen Klimapartnerschaften ihrer internationalen Verantwortung nachkommen. Deshalb muss vor allem unsere Zusammenarbeit mit Ländern des Globalen Südens intensiviert werden.

Wir empfehlen zusammen mit der Leopoldina, unter anderem durch Schuldenerlasse, Investitionen und den Aufbau fairer internationaler Finanz- und Steuersysteme, die globale Transformation zu unterstützen. Von steigender Bedeutung sind hierbei auch neue Technologiepartnerschaften, zum Beispiel für grünen Strom und grünen Wasserstoff, aber auch transparente und faire Lieferketten und eine solidarische Pandemiebekämpfung.

Dr. Werner Schnappauf ist seit Januar 2020 Vorsitzender des Rates für Nachhaltige Entwicklung. Er gehört dem Rat seit November 2016 an.