Ernährungsräte der Städte Frankfurt/M, Berlin, Hannover und Region, Köln und Umgebung, München, und Unna sowie des Landes Niedersachsen

Wir als Bürgerinnen und Bürger, die sich in Ernährungsräten in ganz Deutschland zusammengeschlossen haben (siehe Liste der angefügten Logos), übermitteln hiermit unsere Stellungnahme zur Weiterentwicklung 2021 der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie zum Stichtag am Samstag, dem 31. Oktober 2020.

Wir begrüßen die Aussage der Bundesregierung aus der aktuell vorliegenden Dialogfassung der Nachhaltigkeitsstrategie ausdrücklich, die besagt: „Die Entwicklung zu nachhaltigeren Ernährungssystemen kann nur gelingen, wenn Politik, Wirtschaft und Konsumenten ihre jeweilige Verantwortung wahrnehmen. Die Bundesregierung begrüßt in diesem Zusammenhang die zahlreichen Initiativen der Wirtschaft und Zivilgesellschaft, z. B. für klima- und umweltfreundliche sowie faire Produktion, Stärkung regionaler Erzeuger aber auch für eine nachhaltigere Ernährung und zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung innerhalb des gesamten Ernährungssystems.“ (S. 32)

Als Ernährungsräte der Städte Frankfurt/Main, Berlin, Hannover und Region, Köln und Umgebung, München, Unna und des Landes Niedersachsen verstehen wir uns als eben solche Initiativen der Zivilgesellschaft, die sich für eine ressourcenschonende Produktion, eine Stärkung regionaler Erzeuger und eine nachhaltige und damit in umfassendem Sinne ‚gesunde‘ Ernährung durch z. B. Reduzierung von Lebensmittelverschwendung, Verpackungen, und Versiegelung von Acker- und Grünland, einsetzen. Mit unseren zahlreichen lokalen Initiativen und konkreten Projekten rund um das sektorübergreifende Thema ‚Ernährung‘ unterstützen die Ernährungsräte die Ziele 2, 11, 12, 13, 14 und 15 der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie maßgeblich (S. 57-62).

Wir organisieren uns als Ernährungsräte, um gemeinsam unsere zivilgesellschaftlichen Positionen und Forderungen für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem öffentlich zu vertreten und ihnen zu politischer Geltung zu verhelfen. Insofern kommen wir der Aufforderung zu einer aktiven Beteiligung an dem Dialogverfahren zur Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie gern nach und reichen diesen schriftlichen Beitrag ein. Auch für weiterführende Beratungen stehen wir gern zur Verfügung.

Wir schließen uns der Sichtweise des Ausschusses zum Thema ‚Anforderungen einer nachhaltigen Entwicklung an das Ernährungssystem‘ vom Juli 2020 an, der verdeutlicht, „dass die Sicherung der Ernährung als Herausforderung nachhaltiger Ernährungssysteme, über die gesamte Wertschöpfungskette von der Produktion über Verarbeitung und Handel bis zu Verbrauch und Entsorgung, begriffen werden müsse, dies schließt den Schutz der Umweltgüter mit ein. Dabei komme es u.a. darauf an, eine nachhaltige Landwirtschaft zu fördern, die negative Auswirkungen auf Entwicklungsländer vermeidet.“ (S. 46)


Ernährungssysteme haben ein lokales Fundament

Uns ist es darüber hinaus wichtig zu betonen, dass Ernährungssysteme nicht nur global, auf EU-Ebene und national nachhaltiger gestaltet werden müssen, sondern auch der lokalen Ebene eine zentrale Rolle zukommt. Diese muss im Rahmen der Ausgestaltung von Förderprogrammen bzw. Beteiligungsverfahren unbedingt mitgedacht und strategisch einbezogen werden. Denn vor allem auf der lokaler Ebene ist die Nachfrage nach Lebensmitteln verankert - beim individuellen Einkauf im Supermarkt, auf dem Wochenmarkt, oder der Bestellkiste, bei der Schulverpflegung oder dem Restaurantbesuch.


Steigende Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln

Die Trends der letzten Jahre zeigen, dass immer mehr Bürger*innen nachhaltige Lebensmittel und Klarheit darüber schätzen, wo und wie sie erzeugt werden. Sie kaufen ökologische, saisonale und vor allem – sofern möglich - regionale Produkte. Ein Wandel des Ernährungssystems ist möglich. Allein können Initiativen und Vereine die vielfältigen Prozesse und Projekte, die so dringend zur Realisierung dieses Umbaus an der Basis gebraucht werden, aber nicht umsetzen.


Gestaltung der Rahmenbedingungen und Förderung nachhaltiger Wertschöpfungsketten (WSK)

Daher ist es wichtig, dass wir als Gesellschaft und mit uns unsere politischen Vertreter*innen die Verantwortung für eine zukunftsfähige Ernährungsweise nicht nur auf Lebensmittelproduzent*innen und Konsument*innen übertragen. Vielmehr ist es Aufgabe der Politik, die erforderlichen Rahmenbedingungen bzw. den Aufbau von Strukturen zu gewährleisten, effektive Unterstützungen anzubieten und so dafür zu sorgen, dass ein zukunftsfähiges, re-lokalisiertes Ernährungssystem entstehen kann.


Veränderte Rahmenbedingungen durch politische Verantwortung

Der Zugang zu nachhaltig erzeugten Lebensmitteln muss auch als Ausdruck des Vorsorgeprinzips Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge sein. Städte und angrenzende Regionen spielen eine zentrale Rolle bei der Schaffung einer nachhaltigen Lebensmittelversorgung. Die aktuell bestehenden planerischen und entwicklungspolitischen Instrumente müssen verstärkt die Belange der Lebensmittelerzeugung und -verteilung berücksichtigen – und zwar weit über die Stadt- bzw. Gemeindegrenzen hinaus. Das betrifft auch die dringend erforderliche langfristige und überregionale Eindämmung der Flächenversiegelung! Denn der aktuelle Umfang der Baulandausweisung und die fehlenden Steuerungsmechanismen für eine effiziente Flächennutzung bedingen die ungebremste Bodenversiegelung. Bisher blieben die Forderungen der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie zum Schutz landwirtschaftlicher Erwartungen weitgehend wirkungslos. Das muss sich unbedingt ändern, um die regionale Ernährungssicherung auch zukünftig zu gewährleisten!


Kosten negativer Umweltwirkungen und Transparenz im wirtschaftlichen System

Die aktuellen Wirtschaftsstrukturen mindern die Wettbewerbsfähigkeit einer nachhaltigen Lebensmittelversorgung. Wir brauchen eine korrekte Einpreisung externer Effekte (das bedeutet die Berücksichtigung der direkt und indirekt verursachten ökologischen Kosten und sozialen Probleme) bei Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung.
Die Verantwortung kann nicht allein auf die Verbraucher*innen abgewälzt werden, während echte Möglichkeiten zur aktiven Mitgestaltung fehlen. Appelle zu nachhaltigem Konsum scheitern unter anderem an fehlenden attraktiven Alternativen.


Von anonymen Wertschöpfungsketten zu integrierten Wertschöpfungskreisläufen

Regionale Lebensmittelversorgung erfordert funktionierende (lokale) Wertschöpfungskreisläufe und Infrastrukturen. Ein Wandel des Ernährungssystems gelingt dabei nur bei gleichzeitiger Anpassung der oftmals nicht (mehr) nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktionsverfahren. Dies umfasst vor- und nachgelagerte Unternehmen. Alle Stufen der Wertschöpfung müssen eingebunden sein.
Sie können und müssen sich koordinieren, um Produkt- und Prozessqualität gemäß gemeinsam erarbeiteter Nachhaltigkeitskriterien gewährleisten zu können. Der Transparenz kommt dabei eine zentrale Rolle sowohl für die landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Betriebe als auch die unterschiedlichen Verbrauchergruppen zu. Die Digitalisierung eröffnet hierbei vielversprechende Möglichkeiten, bleibt jedoch immer nur ein Instrument, das seine Wirkung aber nur durch engagierte und informierte Nutzer*innen aus der Wirtschaft und in Kooperation mit der Gesellschaft entfalten kann.


Voneinander lernen und existierende Lösungen übertragen

In vielen Regionen gibt es bereits zahlreiche Erfolgsbeispiele nachhaltiger und oftmals innovativer Lebensmittelerzeugung und -versorgung. Diese gilt es zu fördern und zu verbreiten. Hierbei kommt den Politiker*innen in Städten und Gemeinden, unterstützt von der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft, eine große Verantwortung zu. Tatsächlich bieten sich vielfältige Möglichkeiten, alle Beteiligten in diese Umbauprozesse hin zu mehr Nachhaltigkeit auf lokaler Ebene einzubinden. Aber das will gelernt sein und zeitlich sowie finanziell machbar erscheinen. Lernprozesse auf allen Ebenen sind zentrales Element einer erfolgversprechenden Nachhaltigkeitsstrategie, müssen insofern eingeplant und angenommen werden. Die Ernährungsräte sind als junge und motivierte Initiativen Lernprozessen gegenüber aufgeschlossen und daher bereit, sich gemeinsam mit politischen Entscheidungsträgern auf der Bundes-, Länder- oder Städte-Ebene für ein nachhaltiges Ernährungssystem zu engagieren.