Dr. Kiran Virmani, Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir begrüßen seitens der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) die Vorlage des Bundeskanzleramts zur Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie sowie die Aufforderung zum Dialog. In der Vorlage finden sich bereits viele Aspekte, die für die Ernährungssituation in Deutschland relevant sind. Dennoch möchten wir die folgenden Punkte besonders betonen.

Der individuellen Ernährung kommt im Hinblick auf die Transformation unseres Ernährungssystems eine wichtige Rolle zu: Die Art und Weise wie wir uns ernähren, beeinflusst zum einen wesentlich unseren individuellen Gesundheitsstatus, unsere Lebensqualität und unser Wohlbefinden, zum anderen haben viele Lebensmittel einen großen sozialen, umwelt-, klima- und tierschutzbezogenen Fußabdruck (WBAE - Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim BMEL (2020)). Politik für eine nachhaltigere Ernährung: Eine integrierte Ernährungspolitik entwickeln und faire Ernährungsumgebungen gestalten. Unsere tägliche Lebensmittelwahl kann, insbesondere durch die Entscheidung weniger tierische Produkte zu verzehren, dazu beitragen, dass unsere Ernährung nachhaltiger wird. Eine solche Entscheidung wird durch eine faire Ernährungsumgebung, in dem Sinne wie vom Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim BMEL (WBAE-Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim BMEL (2020)) gefordert, maßgeblich unterstützt.

Die DGE erarbeitet die offiziellen Ernährungsempfehlungen für Deutschland. Lebensmittelbezogene Ernährungsempfehlungen stellen die Grundlage für Maßnahmen der Ernährungsbildung und -aufklärung dar und sollen darüber hinaus auch eine Grundlage für die Ausrichtung und Entscheidungen der Ernährungs-, Gesundheits- und Agrarpolitik sein.
Die aktuellen lebensmittelbezogenen Ernährungsempfehlungen der DGE basieren auf dem Erreichen einer angemessenen Nährstoffzufuhr und berücksichtigen Aspekte der Prävention von ernährungsmitbedingten Erkrankungen. Sie sind durch Hinweise und Empfehlungen zu einer ökologisch nachhaltigen Ernährungsweise ergänzt.

Charakteristisch für ein Ernährungsmuster, das den Empfehlungen der DGE entspricht (10 Regeln der DGE für eine vollwertige Ernährung, DGE-Ernährungskreis und Dreidimensionale DGE-Lebensmittelpyramide) ist ein hoher Anteil an pflanzlichen Lebensmitteln wie Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst, Nüsse, sowie an Getreideprodukten, vorzugsweise Vollkorn. Tierische Lebensmittel wie Milch, Eier, Fisch und Fleisch steuern nur einen kleinen Beitrag zur Energiebedarfsdeckung bei.

Derzeit überarbeitet die DGE die wissenschaftliche Ableitung ihrer lebensmittelbezogenen Ernährungsempfehlungen. Um mehrere Dimensionen von Ernährung bereits in die Bestimmung der Lebensmittelmengen integrieren zu können, wird ein mathematisches Optimierungsmodell entwickelt. Dieses erlaubt die gleichzeitige Berücksichtigung mehrerer Dimensionen, sodass neben Essgewohnheiten, Nährstoff- und Energiebedarf sowie präventiven Aspekten auch die Minimierung des Umwelteinflusses im Sinne einer nachhaltigen Ernährungsweise in die Ableitung integriert wird. Damit leistet die DGE einen Beitrag für das übergreifende Ziel „Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern“.

Neben verhaltenspräventiven Maßnahmen (z.B. 10 Regeln der DGE für eine vollwertige Ernährung, DGE-Ernährungskreis und Dreidimensionale DGE-Lebensmittelpyramide) müssen für die Transformation unseres Ernährungssystems Maßnahmen der Verhältnisprävention in den Fokus genommen werden, um die Ernährungsumgebung der Konsument*innen gesundheitsfördernd und nachhaltig zu gestalten. Die Gemeinschaftsverpflegung, d. h. die Verpflegung in Kitas, Schulen, Betrieben, Krankenhäusern und Kliniken sowie Senioreneinrichtungen ist ein wichtiges Handlungsfeld, da täglich ca. 12 Mio. Personen verpflegt werden. Hier bietet sich die Chance, viele Menschen mit einer nachhaltigen Verpflegung zu erreichen, ihre Geschmacks- und Handlungsmuster positiv zu prägen bzw. über ein attraktives nachhaltiges Speisenangebot weitere Kunden zu gewinnen.

Die DGE hat im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) Qualitätsstandards für die Verpflegung in Kitas, Schulen, Betrieben, Kliniken und Essen auf Rädern/Senioreneinrichtungen entwickelt. Die DGE-Qualitätsstandards wurden aktuell unter Berücksichtigung von Gesundheits- und Nachhaltigkeitszielen überarbeitet und stehen ab dem 30.11.2020 in der neuen Fassung zur Verfügung. Die DGE-Qualitätsstandards enthalten Empfehlungen zu aus Sicht der Ernährungsphysiologie und der Nachhaltigkeit besonders empfehlenswerten Lebensmitteln und bieten eine Orientierung für Portionsgrößen, was u. a. für die Reduzierung von Lebensmittelabfällen relevant ist. Des Weiteren ist die Umsetzung der DGE-Qualitätsstandards eine Maßnahme, um die Ziele der Nachhaltigkeitsstrategie „Senkung der Adipositasquote bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ sowie „Umsetzung einer nachhaltigen Beschaffung“ zu fördern.

Das Ziel „Ausbau der Ganztagsbetreuung für Kinder“ sollte nach Meinung der DGE den Ausbau und die Sicherstellung einer hochwertigen Verpflegung in Tageseinrichtungen für Kinder und Schulen beinhalten. Dies kann über die flächendeckende Einführung der DGE-Qualitätsstandards für Kita und Schule erreicht werden. Hier schließt sich die DGE dem WBAE an, die DGE-Qualitätsstandards für die Kita- und Schulverpflegung in allen Bundesländern verpflichtend einzuführen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Kiran Virmani
Geschäftsführerin