Dr. Benjamin Held, FEST e.V. - Institut für Interdisziplinäre Forschung, Leiter des Arbeitsbereichs "Nachhaltige Entwicklung"

Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie (DNS) stellt ein ambitioniertes und äußerst begrüßenswertes Unterfangen dar. An einer zentralen Stelle greift diese jedoch zu kurz und verschenkt Potenzial: und zwar bezüglich der Frage der integrierten Nachhaltigkeits- und Wohlfahrtsmessung. Dabei handelt es sich fraglos um ein äußerst komplexes Themengebiet, nichtsdestotrotz sollten die bereits vorliegenden Erkenntnisse in die DNS aufgenommen und insbesondere auch die Forschungen weiter vorangetrieben werden. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie erscheint eine solche integrierte Betrachtungsweise als besonders geboten, müssen doch wirtschaftliche mit sozialen Auswirkungen abgewogen werden.
Besonders augenfällig wird die Notwendigkeit einer integrierten Nachhaltigkeits- und Wohlfahrtsmessung – wobei dieser Begriff hier so verstanden wird, dass aus Nachhaltigkeitsperspektive relevante Entwicklungen in einem Indikator zusammengeführt werden, um eine integrierte Betrachtung zu ermöglichen – in der DNS beim Indikator „8.4. BIP je Einwohner“ (S.181-184). Dieser soll die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit abbilden. Schon daran kann man Kritik üben , aber grundsätzlich ist das BIP für die Abbildung der wirtschaftlichen Aktivität konstruiert, insofern ist die Wahl des BIP als Indikator dafür plausibel. Allerdings wird in der DNS als Ziel bezüglich der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit das folgende vorgegeben: „Wirtschaftsleistung umwelt- und sozialverträglich steigern“ (S. 182). Diese Zielsetzung ist absolut zu unterstützen; genau dies, nämlich die umwelt- und sozialverträgliche Steigerung der Wirtschaftsleistung, vermag das BIP allerdings nicht zu messen. Problematisch ist nun zum einen, dass die genannte Zielsetzung dem Indikator „BIP je Einwohner“ zugeordnet wird und damit der Eindruck entstehen kann, dass das BIP zu einer solchen Messung eben doch fähig sei. Im Text der DNS wird zwar ausführlich erläutert, dass das BIP dies nicht vermag. Wie jeder, der sich etwas intensiver mit Indikatoren und deren Rezeption befasst hat, weiß, werden bei Indikatoren jedoch oft nur die Grafik und die zentrale Botschaft aufgenommen, der erläuternde Text fällt hingegen leider häufig hinter den Tisch.

Zum anderen zeigen sich in dieser Formulierung jedoch auch der Bedarf und die Notwendigkeit eines Indikators, der eine solche integrierte Betrachtung ermöglicht und so das Ziel einer umwelt- und sozialverträglichen Steigerung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit abbilden könnte. Wie bereits eingangs erwähnt, ist die Erstellung eines solchen Indikators äußerst anspruchsvoll, die enorme Relevanz der Problematik und die potenzielle Wirkmächtigkeit eines solchen Indikators rechtfertigen es aber, dieses Unterfangen mit Nachdruck anzugehen.

Erste Ansätze einer solchen integrierten Betrachtung gibt es bereits in der DNS, zum Beispiel durch den Indikator „8.1. Gesamtrohstoffproduktivität“ (S.171-173), der die wirtschaftliche Wertschöpfung mit den dafür eingesetzten Rohstoffen in Verbindung setzt. Über diese ersten, zweifelsfrei sehr wichtigen Schritte hinaus sind jedoch weitere notwendig. In der Wissenschaft wurden dafür schon verschiedene Ansätze entwickelt, die in der DNS auch bereits aufgeführt werden, zum Beispiel der Better Life Index der OECD und der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI) (S.184).

Sollte auf Grund der fortgeschrittenen Phase des Prozesses der aktuellen Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie 2021 eine substanzielle Fortentwicklung im Bereich der integrierten Nachhaltigkeits- und Wohlfahrtsmessung nicht mehr möglich sein – was angesichts der Komplexität des Unterfangens und der damit einhergehenden Vor- und Umsicht, die dabei an den Tag gelegt werden sollte, durchaus nachvollziehbar wäre – so könnten folgende Schritte überlegt werden:

  1. Ergänzung des Indikators „8.4 BIP je Einwohner“ um die Entwicklung des Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI). Durch die Ergänzung des BIP um den Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI) – der im Gegensatz zum BIP auch soziale und ökologische Komponenten enthält  – könnte der ansonsten problematische Eindruck vermieden werden, dass das BIP die umwelt- und sozialverträglich Steigerungen der Wirtschaftsleistung abzubilden vermag und es könnten die komplexen Zusammenhänge zwischen Wirtschaftsleistung und Wohlfahrt verdeutlicht werden. Beim NWI handelt es sich um einen Gesamtrechnungsansatz, der ökonomische, ökologische und soziale Komponenten enthält und zu einem Index zusammenfasst. Er wurde 2009 von der FEST und dem Forschungszentrum für Umweltpolitik (FFU) der Freien Universität Berlin (FU Berlin) mit finanzieller Förderung des Umweltbundesamts ent-  und seitdem stetig fortentwickelt.
    Der NWI müsste hierzu nicht als offizieller Indikator der DNS etabliert werden, sondern könnte allein als Instrument zur Aufmerksamkeitsschaffung eingesetzt werden. Wie unterschiedlich die Botschaften ausfallen, zeigt der Vergleich der Zeitreihe des NWI mit dem des BIP (siehe Schaubild 1).  Der NWI wird bereits in dem Indikatorenset des Umweltbundesamts „Daten zur Umwelt“  und in verschiedenen Bundesländern eingesetzt.
  2. Intensivierung der Forschungen zur integrierten Nachhaltigkeits- und Wohlfahrtsmessung. Um die integrierte Betrachtung der Nachhaltigkeit in der DNS zukünftig noch stärker etablieren zu können, sollten die Forschungsbemühungen in diesem Bereich intensiviert werden. Dabei ist offensichtlich, dass Maße wie der NWI, die auf einer Monetarisierung beruhen, nur einen Ausschnitt der relevanten Bereiche abbilden können. Mindestens genauso wichtig ist zum Beispiel die verstärkte Untersuchung von Indikatoren, die momentan weltweit sehr intensiv im Kontext von Well-Being-Ansätzen diskutiert werden, wobei auch subjektiven Indikatoren eine größere Bedeutung eingeräumt wird. Diese Ansätze reichen beispielsweise in Neuseeland so weit, dass der Staatshaushalt mit Well-Being-Indikatoren verknüpft wurde.

    Was dies letztlich für Deutschland und die DNS bedeutet, ist keinesfalls ausgemacht. Eine intensive Beschäftigung mit dieser Thematik – und auch den neuen Möglichkeiten, die sich durch neue Technologien und Datenquellen ergeben – ist aber unbedingt sinnvoll und notwendig. Im Anschluss an die sogenannte Stiglitz-Kommission 2009 (Stiglitz/Sen/Fitoussi 2010) wurde in Deutschland die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ (2011-2013) eingesetzt. Die „Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands- bzw. Fortschrittsindikators“, der „die Einflussfaktoren von Lebensqualität und gesellschaftlichem Fortschritt angemessen berücksichtigt und […] zusammengeführt“ , ist dort nicht geglückt. Trotzdem gingen von der Enquete-Kommission einige Impulse aus. Aktuell wurde bei der OECD nun der neue Bericht von Joseph E. Stiglitz, Jean-Paul Fitoussi und Martine Durand unter dem Titel „Jenseits des BIP - Was bei der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung wirklich zählt“  veröffentlicht. In Verbindung mit dem in den Sustainable Development Goals (SDGs) in SDG 17.19 formulierten Ziel, Fortschrittsmaße für die nachhaltige Entwicklung zu erarbeiten , könnte dies als Anlass gesehen werden, die Bemühungen in Deutschland in diesem Bereich ebenfalls wieder zu verstärken. Dabei müsste und könnte das Ziel diesmal – im Vergleich zur Enquete-Kommission 2011-2013 – nicht in der Findung eines alleinigen Indikators liegen, wohl jedoch in der möglichst breiten Abdeckung der für die nachhaltige Entwicklung und Lebensqualität entscheidenden Bereiche und einer – so umfassend wie möglich – integrierten Betrachtungsweise derselben. Die Aussagekraft und Relevanz der DNS könnte davon enorm profitieren.