Ein Sprungbrett in die Selbständigkeit

Existenzgründung für geflüchtete Ukrainerinnen Ein Sprungbrett in die Selbständigkeit

Der gemeinnützige Verein „Initiative Selbständige Immigrantinnen“ unterstützt Frauen mit Migrationshintergrund dabei, sich ein eigenes Unternehmen in Deutschland aufzubauen. Derzeit wenden sich zunehmend geflüchtete Frauen aus der Ukraine an den Verein. Ein Besuch in Berlin.

Kursteilnehmerinnen mit Kursleiterin im Kursraum

Im Kurs „Start in die Selbständigkeit“ von Hatice Ersoy lernen die Teilnehmerinnen Grundlagen zur Gründung ihres eigenen Unternehmens.

Foto: Janine Bartsch

„Was bedeutet für euch Selbständigkeit?“, fragt Kursleiterin Hatice Ersoy die zehn Teilnehmerinnen des Kurses „Start in die Selbständigkeit“, die sich an diesem Dienstagmittag in den Räumlichkeiten der Initiative Selbstständige Immigrantinnen (ISI) zusammengefunden haben. Eine von ihnen ist Tetiana Hudoshnyk. Die 44-jährige Ukrainerin ist im März aus ihrer Heimat geflohen und lebt seitdem in Berlin. Als selbständige Projektmanagerin im Bauwesen ist es ihr Wunsch, weiterhin beruflich unabhängig zu bleiben. Zusammen mit ihren beiden Freundinnen, die ebenfalls aus der Ukraine stammen, besucht sie die ISI-Kurse, um sich einen Überblick zu verschaffen, was man als Selbständige in Deutschland beachten muss.

Großes Interesse am Kursangebot

Seit 1990 gibt es die Initiative Selbstständige Immigrantinnen schon. Mit dem Projekt „Competenzzentrum für Selbständige“ bietet der gemeinnützige Verein kostenfreie Kurse von und für Immigrantinnen an, die grundlegende Kompetenzen zur Gründung eines eigenen Unternehmens vermitteln. Zulauf bekommt der Verein derzeit verstärkt von Frauen, die wegen des Krieges aus der Ukraine geflohen sind. Deshalb plant er ein neues Kursprogramm, das sich ausschließlich an diese Frauen richtet. „Wir haben dazu ein Konzept entwickelt und suchen nun nach einer Förderung“, erzählt Projektleiterin Selma Yilmaz-Schwenker. Sie hoffe, dass es mit der Finanzierung bis Herbst klappt.

Dass der Bedarf an einem solchen Programm mehr als vorhanden ist, habe die Jobmesse für Geflüchtete der Industrie- und Handelskammer Berlin und der Bundesagentur für Arbeit Anfang Juni verdeutlicht, sagt Yilmaz-Schwenker. „An unserem Stand haben sich rund 95 Interessentinnen in eine Liste eingetragen – und das nach nur einem halben Tag Messe.“ Auch Tetiana Hudoshnyk ist durch die Jobmesse auf den Verein aufmerksam geworden: „Die Begeisterung der ISI-Mitarbeiterinnen hat mich einfach angesteckt.“

Kursteilnehmerinnnen sitzen an einem Tisch.

Die Frauen bekommen nicht nur Unterstützung auf ihrem Weg in die Selbständigkeit. Auch der Austausch untereinander ist wichtig.

Foto: Janine Bartsch

Von Immigrantinnen für Immigrantinnen

Ein halbes Dutzend ehemalige Teilnehmerinnen haben sich bereiterklärt, an dem neuen Kursprogramm für die Frauen aus der Ukraine mitzuwirken. „Es geht darum, den Frauen das Ankommen hier so angenehm wie möglich zu gestalten. Wir wollen ihnen eine erste Orientierung bieten“, erklärt Yilmaz-Schwenker das Konzept. Geplant sind etwa Unterstützung beim Deutschlernen und ein Mentorinnenprogramm. So sollen die Teilnehmerinnen in einem geschützten Raum von den zahlreichen Möglichkeiten zur Existenzgründung in Deutschland erfahren. Durch feste Ansprechpartnerinnen sollen die Frauen auch im Alltag Unterstützung erhalten – wie beispielsweise bei Behördengängen.

Projektleiterin Selma Yilmaz-Schwenker in ihrem Büros

Projektleiterin Selma Yilmaz-Schwenker: Den Frauen aus der Ukraine eine erste Orientierung geben.

Foto: Janine Bartsch

Unterstützung, Austausch und Netzwerk

Eine der ehemaligen Teilnehmerinnen, die das neue Kursprogramm unterstützen will und sich als Mentorin gemeldet hat, ist Olena Maximow. Seit 13 Jahren lebt die Ukrainerin in Berlin. Die Kurse von ISI e.V. hätten ihr auf dem Weg in die Selbständigkeit sehr geholfen, erzählt die junge Frau. Neben Tätigkeiten als Model und Sprachwissenschaftlerin betreibt sie zusammen mit ihrer Schwester ein eigenes Modelabel. Verlassen hat die ehemalige Teilnehmerin den Verein trotzdem nicht: „ISI e.V. ist wie eine Familie für mich, hier fühle ich mich wohl. Außerdem lerne ich hier immer wieder interessante Frauen kennen, mit denen ich mich austauschen und vernetzen kann.“

Teilnehmerinnen aus 88 Ländern

Die Arbeit des Vereins zeigt Erfolge: Von 2019 bis 2021 hat die Initiative Selbständige Immigrantinnen nach eigenen Angaben 297 Kurse zur Weiterbildung angeboten. Insgesamt haben 522 Teilnehmerinnen aus 88 verschiedenen Ländern teilgenommen. Vor dem Kursbesuch gaben 21 Prozent der Teilnehmerinnen an, selbständig zu sein. Vier Wochen nach Projektende waren es bereits 36 Prozent der Absolventinnen, die sich selbständig gemacht haben. „Das beweist uns, wie wichtig unsere Arbeit ist“, sagt Yilmaz-Schwenker.

Und was auch zählt: „Die Frauen haben mit ISI e.V. einen Ort, an den sie immer wieder zurückkehren können. Ob als ehemalige Teilnehmerin, die nun als Dozentin ihr Wissen weitergibt, als Freiwillige, die an unseren Projekten mitarbeitet, oder als Interessierte, die regelmäßig unser Kursangebot besucht – unsere Türen stehen immer offen.“

Die Initiative Selbständige Immigrantinnen wird vom Europäischen Sozialfonds (ESF) und der Stadt Berlin, Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Abteilung Frauen und Gleichstellung gefördert.