„Russland versucht ständig, die Realität zu verzerren“

Interview mit Geschäftsführerin des Aspen Institute Kiew „Russland versucht ständig, die Realität zu verzerren“

Im Krieg gegen die Ukraine setzt Russland auch auf das Mittel der Desinformation. Mit diesen gezielt verbreiteten irreführenden und falschen Informationen will Russland vorsätzlich täuschen oder beeinflussen. Im Interview schildert Yuliya Tychkivska vom Aspen Institute Kiew, warum russische Desinformation für ihr Land gefährlich ist, welche Narrative Russland verbreitet und wie sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter dieser gezielten Falschinformation entgegenwirken.  

Ukrainische Flagge vor zerstörten Häusern

„Zu den Zielen der Desinformation gehört es, alles zu zerstören, was die Zivilgesellschaft aufzubauen versucht“, sagt die Geschäftsführerin der Denkfabrik Aspen Institute Kiew.

Foto: picture alliance/Anadolu Agency/Metin Aktas

Frau Tychkivska, Sie arbeiten derzeit von der ukrainischen Hauptstadt aus. Inwieweit kann Aspen Kiew seine Arbeit fortsetzen?

Yuliya Tychkivska: Ein Teil unseres Teams ist in Kiew geblieben und hat dort weitergearbeitet, selbst an den schwierigsten Tagen der russischen Invasion. Als Mutter muss ich mich um die Sicherheit meiner Kinder kümmern. Deshalb habe ich in den ersten Tagen des Krieges mit meinen drei Kindern unter sechs Jahren die Ukraine verlassen müssen. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen sowie Millionen von Ukrainerinnen und Ukrainern waren gezwungen, das Gleiche zu tun. Während der drei Monate des Krieges bin ich auch viel gereist, um für die Ukraine zu werben und ihr zu helfen, sich zu behaupten. Wir arbeiten und kämpfen weiter. 

Gegenwärtig liegt der Schwerpunkt des Aspen Institute Kiew darauf, zum Sieg der Ukraine beizutragen. In erster Linie konzentrieren wir uns auf internationale Aktivitäten. Das Aspen Institute Kiew hat beeindruckende internationale Partner in 13 Ländern, davon sieben in Europa. Hierzu gehört auch das Aspen Institute Deutschland. Wir haben gemeinsam eine Dialogplattform für ukrainische Führungskräfte und internationale Vertreterinnen und Vertreter geschaffen, um Informationen aus erster Hand über den russisch-ukrainischen Krieg zu teilen und Möglichkeiten zur Unterstützung der Ukraine zu diskutieren. Als unabhängige Plattform bringen wir auch Führungskräfte der ukrainischen Gesellschaft dazu, über Fragen der Staatsführung, der nationalen Identität und so weiter nachzudenken und zu diskutieren.

Mein Land kämpft für demokratische Werte und den europäischen Frieden und zahlt dafür einen sehr hohen Preis. Wir sind unseren Freunden, ihren Gemeinschaften und allen, die der Ukraine beistehen, sehr dankbar.

Das Aspen Institute ist eine US-amerikanische Denkfabrik mit Sitz in Washington, D.C. und unterhält ein internationales Netzwerk mit Niederlassungen unter anderem in Deutschland und der Ukraine. Es versteht sich als überparteiliche, private, nichtkommerzielle Denkfabrik und befasst sich nach eigenen Angaben mit den schwierigsten Problemen der Welt. Geschäftsführerin des Aspen Institute Kiew ist Yuliya Tychkivska, eine ukrainische Bürgeraktivistin. 

Das Aspen Institute sieht seine Kernaufgabe darin, einige der komplexesten Probleme der Welt anzugehen. Ist Desinformation eines davon, und wenn ja, warum?

Tychkivska: Entscheidend ist es, das eigentliche Ziel der Desinformation zu verstehen. Sie wird eingesetzt, um ein verzerrtes Bild der Realität zu erzeugen, um Gesellschaften zu verunsichern und zu spalten. Was wollen die Propagandisten damit erreichen? Es ist gegenseitiges Misstrauen, das unweigerlich zu sozialen Spannungen und Konflikten und damit zu Stagnation und Niedergang in den Ländern führt, die zur Zielscheibe von Desinformation werden.

Je schlimmer es für diese Gesellschaften ist, desto besser für die Propagandisten und ihre Auftraggeber. Dies ist die Strategie, von der sie sich leiten lassen. Im Gegensatz dazu strebt das Aspen Institute Kiew, wie andere Aspen Institute in der Welt, die Schaffung einer besseren Gesellschaft an. Für uns ist dies das Ziel und für die Propagandisten ist es etwas, das niemals geschehen sollte. Aus meiner Sicht ist Desinformation eines der größten Probleme der Welt. Wir alle müssen daran arbeiten, dieses Problem zu lösen.

Inwiefern ist Desinformation eine Gefahr für die Zivilgesellschaft?

Tychkivska: Gegenseitiges Vertrauen und die Achtung der Menschenrechte, Transparenz und Einigkeit sind die Eckpfeiler einer funktionierenden Zivilgesellschaft. Desinformation, ihre Erzeuger und Profiteure stehen in völligem Widerspruch zu diesen Werten. Zu den Zielen der Desinformation gehört es, alles zu zerstören, was die Zivilgesellschaft aufzubauen versucht. Daher werden auch Nichtregierungsorganisationen häufig zur Zielscheibe von Propagandaangriffen.  

Bei der Arbeit in Kiew und im Angesicht des russischen Krieges: Welche Art von russischer Desinformation beobachten Sie?

Tychkivska: Die russische Propaganda in der Ukraine ist darauf ausgelegt, unsere Gesellschaft zu spalten, die mehr denn je geeint ist. Es wird versucht, ein Bild von einer Welt zu zeichnen, in der uns sowohl die Regierung als auch die westlichen Partner im Krieg allein gelassen haben. Jeder lügt, betrügt und versteckt einen Stein hinter seinem Rücken – diese Vorstellungen versucht die russische Propaganda unter den Ukrainern zu verbreiten. Wir sehen jedoch, dass fast alle Menschen auf der Welt die Ukraine unterstützen.

Zusätzlich versucht die russische Propaganda, die Geschichtsschreibung zu manipulieren. Gleichzeitig spricht die russische Propaganda selten über die Zukunft. Sie kann nichts anderes anbieten als eine Rückkehr zur Sowjetunion, in der angeblich alles friedlich war. Allerdings kam es in dieser Zeit zum Holodomor (künstliche Hungersnot, Völkermord), zu massiven politischen Repressionen und zur offensichtlichen Einschränkung der Grundrechte. 

Porträtbild von Yuliya Tychkivska

Yuliya Tychkivska ist Geschäftsführerin des Aspen Institute Kiew.

Foto: Aspen Institute Kiew

Welche Narrative verwendet Russland? 

Tychkivska: In den ersten Tagen des Krieges war das wichtigste Narrativ der russischen Propaganda in der Ukraine die Unabwendbarkeit unserer Niederlage. In der russischen Propaganda war die Rede von der Zerstörung aller ukrainischen Flugzeuge und davon, dass die Streitkräfte nicht auf die Verteidigung der Ukraine vorbereitet seien. Der Heroismus unserer Streitkräfte und das aktive Engagement der Zivilgesellschaft haben all diese Mythen entlarvt. Inzwischen gehört zu den Narrativen der russischen Propaganda der unumkehrbare Verlust der von russischen Truppen besetzten Gebiete. Ich bin sicher, dass wir auch dies mit Hilfe der zivilisierten Welt entlarven werden. Wie schon erwähnt, versucht Russland auch, die Ukrainer von der Unaufrichtigkeit der westlichen Unterstützung zu überzeugen. Wir haben jedoch Vertrauen in unsere Partner und ebenso können diese uns vollkommen vertrauen.

Wenn wir über die westliche Welt sprechen, besteht eines der derzeitigen Narrative der russischen Propaganda darin, die Hilfe für die Ukraine mit der Unterstützung für gefährdete Bürger der unterstützenden Länder zu kontrastieren. Solche Fälle finden sich in den moldawischen oder rumänischen Teilen der sozialen Netzwerke. Generell versucht die russische Propagandamaschine, die ukrainischen Geflüchteten zu diskreditieren. 

Darüber hinaus wird versucht, ein Bild von der Ukraine als „Nazi-Staat“ zu zeichnen. In Wirklichkeit sind nationalsozialistische und kommunistische Ideologien sowie deren Symbole in der Ukraine offiziell verboten.

Inwiefern beeinflussen oder beeinträchtigen die Narrative Ihre Arbeit?

Tychkivska: Wir arbeiten mit Führungspersonen der ukrainischen Gesellschaft zusammen. Sie sind erwachsene und gefestigte Persönlichkeiten. Es ist also äußerst schwierig, sie einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Nichtsdestotrotz ist die russische Propaganda für uns alle eine große Herausforderung, die viel Zeit und Ressourcen raubt. Russland versucht ständig, die Realität zu verzerren, nicht nur in der ukrainischen Gesellschaft, sondern auch in den Ländern, die uns unterstützen, und mobilisiert Akteure im dortigen politischen Establishment.

Strategisch gesehen verlagert es unseren Schwerpunkt von der gesellschaftlichen Weiterentwicklung auf den Widerstand gegen feindliche und missgünstige Ideen oder Positionen. Man kann sagen, dass wir die Zeit unserer Führungsriege darauf verwenden sollten, Propagandabotschaften zu adressieren anstatt uns auf die Verbesserung der Regierungsführung zu konzentrieren.

Welche Kanäle nutzen die Absender – und wer sind sie?

Tychkivska: Russland versucht, alle möglichen Kanäle zu nutzen. Traditionelle Medien, die von der russischen Propagandamaschine in der Ukraine genutzt wurden, sind größtenteils blockiert worden. Eine der wichtigsten Quellen, die sie jetzt nutzen, sind anonyme Telegram-Kanäle. Sie tarnen sich als ukrainische Telegram-Medien, bedienen sich aber russischer Narrative und Ausdrucksweisen. Russland verfügt auch über ein Netz von sogenannten Meinungsführern in der Ukraine. Sie vergiften den ukrainischen Informationsraum seit Jahren mit russischen Narrativen. Zusätzlich gibt es ein weites Netz an Fake-Accounts in anderen sozialen Medien, die von russischen Akteuren genutzt werden. 

Auch in Deutschland und anderen EU-Ländern verfügen die russischen Propagandisten über eine breite Palette von Instrumenten. Wir unterstützen die Entscheidung der deutschen Medienaufsicht, die Ausstrahlung des russischen Propaganda-Senders Russia Today Deutsch zu verbieten. Wir unterstützen auch die Entscheidung von YouTube, die Konten von Russia Today in der Europäischen Union zu sperren. Offen gesagt, hätte dies aber schon viel früher geschehen müssen, denn es gibt immer noch Dutzende von russischen Medien, die sich als europäische Medien ausgeben und weiterhin Desinformationen verbreiten. Noch immer gibt es Tausende von russischen Fake-Accounts. Es gibt also noch viel zu tun.

Ist die russische Desinformation eine besondere Art der Desinformation? 

Tychkivska: Aus meiner Sicht ist das Hauptmerkmal der russischen Propaganda ihre Totalität: Alles, was hier oder dort geschieht, soll mit allen Mitteln zum Gegenstand einer verzerrten Interpretation werden. Sie schaffen Plattformen, die nach dem klassischen 60/40-Propaganda-Prinzip funktionieren. Die meisten Berichte sind relativ neutral und nur wenige sind propagandistisch. Oft werden solche Informationen als etwas dargestellt, das die Regierung vor der Gesellschaft geheim hält, womit Verschwörungstheorien gefördert werden. Sie appellieren auf kreative Weise an die Emotionen und Schwachstellen der jeweiligen Gesellschaft. Für ein externes Publikum stellt sich Russland als Opfer globaler Ungerechtigkeit dar, das vom Westen dazu inspiriert wurde.

Russische Propaganda, die sich an inländische Empfänger richtet, vermittelt das genaue Gegenteil. Es geht um die Größe und Allmacht des russischen Staates und seines Volkes. Die westliche Welt wird als existenziell feindlich und zutiefst pervertiert dargestellt. Die Propagandisten erfinden so undenkbare Behauptungen über die Ukraine und die westliche Welt, dass es schwer vorstellbar ist, dass sich das jemand mit Absicht ausgedacht hat. Die Errichtung von Biolaboren, die Züchtung von Vögeln, die gezielt Russen mit dem Coronavirus infizieren, der grassierende Nationalsozialismus in ukrainischen Städten und Dutzende anderer verrückter Ideen – diese Dinge mögen für Sie wie ein schlechter Scherz klingen, aber Russland lebt heute in dieser Realität.

Dafür gibt die russische Regierung allein für die Finanzierung der staatlichen Medien Milliarden von Rubel aus. Diese Kosten haben sich seit dem Beginn der groß angelegten Invasion in der Ukraine um ein Vielfaches erhöht. Die russischen Massenmedien erhielten im Zeitraum Januar bis März 2022 17,4 Milliarden Rubel (289 Millionen Euro) aus dem Staatshaushalt. Im gleichen Zeitraum des letzten Jahres wurden 5,4 Milliarden Rubel (90 Millionen Euro) für staatliche Medien ausgegeben. 

Das Aspen Institute will zur Lösung der Probleme der Welt betragen. Was sind Ihre Mittel gegen die russische Desinformation? 

Tychkivska: Einer der wichtigsten Bestandteile des Auftrags des Aspen Institute Kiew ist die Stärkung einer Dialogkultur. Wenn Propaganda versucht, Sie einer Gehirnwäsche zu unterziehen, dann hilft der Dialog, um alle rationalen Argumente zu hören, Fakten zu erkennen und dann eine Entscheidung zu treffen. Wenn wir nicht nur über das Aspen Institute Kiew sprechen, bin ich sicher, dass die entscheidende Waffe gegen die russische Propaganda die Verbreitung objektiver und wahrheitsgetreuer Informationen ist. Außerdem muss alles getan werden, um propagandistische Kanäle von der zivilisierten Welt zu isolieren, in der die Menschen den Medien vertrauen.

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