Institut für Radiobiologie der Bundeswehr

Tschernobyl und seine Folgen

30 Jahre liegt der Reaktorunfall von Tschernobyl zurück – ein trauriges Jubiläum. Die medizinischen Folgen der Reaktorkatastrophe sind noch heute ein Forschungsthema für das Institut für Radiobiologie der Bundeswehr.

Dosimetrie und Versorgung einer vermeintlich strahlenexponierten Person

Das Notfallteam übt einen Einsatz

Foto: Dr. Matthias Port

Die Strahlenkrankheit ist tückisch, Spätfolgen auch nach 30 Jahren durchaus wahrscheinlich. Um diese Krankheit bekämpfen zu können und auf mögliche zukünftige Unfälle besser vorbereitet zu sein, ist eine intensive medizinische und biologische Forschung erforderlich.

Langzeitwirkung radioaktiver Strahlung

Zelldokumentation in der Zentralen Zellkultur

Zellen werden im Labor untersucht

Foto: Dr. Matthias Port

Das Institut für Radiobiologie der Bundeswehr erhält dafür Blut und Gewebe betroffener Personen aus der Region um Tschernobyl. Insbesondere Veränderungen an den Zellen und dem Erbgut geben Auskunft über die Langzeitfolgen. Das Institut hat bereits solche Auswirkungen analysiert. Bekanntermaßen steigt das Krebsrisiko nach radioaktiver Bestrahlung. Aber auch zahlreiche andere chronische Erkrankungen treten strahlenbedingt häufiger auf.

Je nach Intensivität ionisierender Bestrahlung - beispielsweise mit Röntgen- oder Gammastrahlen – treten nach kürzerer oder längerer Zeit Symptome der Strahlenkrankheit auf. Diese reichen von leichter Übelkeit und Hautirritationen bis hin zu schwersten Erkrankungen, bei denen nur bei schneller intensivmedizinischer Behandlung bis hin zur Gabe von Stammzellen und Wachstumsfaktoren Überlebenschancen bestehen. Eine frühzeitige Einschätzung des Schwergrades der Erkrankung kann Leben retten. Dazu sind komplexe hochspezialisierte Messungen erforderlich, um den Krankheitsverlauf sicher vorherzusagen.

Institutes für Radiobiologie der Bundeswehr

Gebäude des InstRadBioBw

Foto: Dr. Matthias Port

Zum Glück liegt der Einsatz von Atomwaffen lange zurück. Dafür steigt aber das Risiko von Reaktorunfällen, wie die Katastrophe von Fukushima vor fünf Jahren zeigt. Auch Mitarbeiter im zivilen Leben gehen viel häufiger als allgemein von der Bevölkerung wahrgenommen mit gefährlichen Strahlungsquellen um – Arbeiter in der technischen Werkstoffprüfung, ebenso wie Personal, das Röntgengeräte oder Geräte für eine Strahlentherapie bedient und wartet. Bei Unfällen, in denen radioaktive Quellen eine Rolle spielen, ist es sehr wichtig, auch mögliche geringe Strahlendosen auszuschließen oder sicher nachzuweisen. Mitunter gilt es, nicht exponierte Personen zu beruhigen, wenn sie fürchten, einer gefährlichen Strahlungsdosis ausgesetzt gewesen zu sein.

Bestmögliche medizinische Hilfe

Hauptaufgabe des Instituts für Radiobiologie der Bundeswehr ist es dafür zu sorgen, dass Soldaten, die einer radioaktiven Strahlung ausgesetzt waren, die bestmögliche medizinische Hilfe bekommen. Oberstarzt PD Dr. Matthias Port, der Leiter des Instituts sagt allerdings: „Radioaktive Strahlung unterscheidet nicht zwischen Soldaten und Zivilisten“. Die Arbeitsergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit fließen direkt in die Beratung der Bundesregierung auch bei Fragen der medizinischen Diagnose und Therapie ziviler Opfer ein.

Institut für Radiobiologie der Bundeswehr

Interview Oberstarzt PD Dr. Matthias Port, Leiter des Instituts für Radiobiologie der Bundeswehr

Das Institut verfügt als einzige strahlenmedizinische und strahlenbiologische Einrichtung in Deutschland über eine mobile medizinische Einsatzgruppe, die bei Strahlenunfällen weltweit tätig wird. Modernste strahlen- und molekularbiologische Verfahren zur Abschätzung von Strahlenschäden werden ständig optimiert und weiterentwickelt, um eine möglichst frühzeitige und genaue Abschätzung von Strahlenschäden zu ermöglichen. Das Institut arbeitet eng in Forschung und Lehre mit der Universität Ulm zusammen und kooperiert mit militärischen und zivilen Partnern im In- und Ausland.

Von Strahlung umgeben

Dosimetrie und Versorgung einer vermeintlich strahlenexponierten Person

Messung der Radioaktivität

Foto: Dr. Matthias Port

Es geht aber nicht nur um radioaktive Strahlung in der Forschung. Schließlich sind wir ständig von Strahlung umgeben: von Licht, Wärme, Radiowellen, um nur drei Formen elektromagnetischer nicht-radioaktiver Strahlung zu nennen. Wir betrachten diese Strahlung meist als ungefährlich, spätestens bis wir uns einen Sonnenbrand geholt haben. Sorgen machen sich viele Bürger auch wegen allgegenwärtiger Strahlung durch technische Geräte wie der Smartphones. Elektromagnetischer Strahlung sind beispielsweise auch Soldaten ausgesetzt, die mit Radaranlagen arbeiten oder Störsender betreiben müssen.

Das Institut beschäftigt sich mit dieser so genannten nicht-ionisierenden Strahlung. Zunächst geht jeder Nutzer davon aus, dass sie unschädlich ist, doch stimmt diese Annahme? Niemand weiß heute, ob es nicht langfristige Folgen gibt. Wie gefährlich ist ein Mobiltelefon, wie gefährdet sind Menschen, die nahe an einer Hochspannungsleitung wohnen? Die Frage, ob langfristige Schäden wie Krebs zu erwarten sind, wird das Institut vielleicht in einigen Jahren beantworten können.

Das Institut für Radiobiologie der Bundeswehr (InstRadBioBw) ist das wissenschaftliche Kompetenzzentrum der Bundeswehr auf dem Gebiet des Medizinischen A-Schutzes. Für diese Aufgabenerfüllung führt das Institut wehrmedizinische Forschung und Entwicklung zum Schutz vor radioaktiven Stoffen sowie ionisierender und nicht-ionisierender Strahlung durch, um im Fall einer Strahlenexposition die bestmögliche sanitätsdienstliche Versorgung sicherzustellen.

Auf der Grundlage eines vom Bundesverteidigungsministeriums genehmigten Forschungskonzeptes umfassen die Forschungsschwerpunkte des Institutes unter anderem den medizinischen Umgang mit strahlenexponierten, die Aufklärung molekularer und zellulärer Mechanismen einer Strahlenreaktion, die Identifikation biologischer Indikatoren zur Diagnose und Behandlung der Strahlenreaktion, die Entwicklung therapeutischer Verfahren, sowie Untersuchungen zu kurz- mittel- und langfristigen Effekten einer akuten und chronischen Strahlenexposition.

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