Deutschlands höchste Aussichtsplattform

Aufzugstestturm in Rottweil Deutschlands höchste Aussichtsplattform

1.617 Stufen in 30 Sekunden – mit dem Aufzug kein Problem. Seit Anfang Oktober können Besucher in Rottweil die höchste Aussichtsplattform Deutschlands im thyssenkrupp-Testturm "erklimmen". Der Turm dient allerdings in erster Linie der Forschung auf dem Weg zu völlig neuen Aufzugskonzepten.

Blick auf die Stadt Rottweil – im Hintergrund der überragende thyssenkrupp-Testturm.

Der Testturm überragt die mittelalterliche Stadt Rottweil.

Foto: thyssenkrupp

Es ist ein Turm der Superlative: mit 246 Metern höchstes Bauwerk Baden-Württembergs und höchste Besucherplattform Deutschlands in 232 Metern Höhe. 1.617 Treppenstufen wären zu steigen – dann schon besser mit dem Aufzug. Dieser bringt die Besucher in 30 Sekunden auf die Aussichtsplattform. Der am 7. Oktober eröffnete Turm ist inzwischen für die Öffentlichkeit zugänglich.

Turm für die Forschung

Testturm Aussichtsplattform

Die Aussichtsplattform im Testturm

Foto: thyssenkrupp

Das Bauwerk nahe Rottweil, der ältesten Stadt Baden-Württembergs, verspricht eine große Touristenattraktion zu werden. Dennoch dient er vor allem der Forschung: Unsere Städte wachsen, aber nicht nur in der Fläche, sondern auch in die Höhe. Aufzüge spielen dabei eine besondere Rolle, auch wenn sich am grundlegenden technischen Prinzip in den letzten 160 Jahren wenig geändert hat.

Selbst in den höchsten Wolkenkratzern hängen Fahrstuhlkabinen an Seilen, eine pro Aufzugsschacht. Je größer das Haus und die Nutzerzahl, desto länger wird die Wartezeit. Nach einer Studie zur Aufzugslogistik von 2010 warten alle New Yorker Büroangestellten jährlich zusammengenommen fast 17 Jahre auf einen Aufzug und verbringen fast sechs Jahre in den Kabinen.

Weniger Warten mit Multi

Schema des Multi-Aufzugs

So funktioniert das Konzept Multi.

Foto: thyssenkrupp

Mit einem ganz neuen Konzept, dem Konzept Multi, will die thyssenkrupp AG ein neues Kapitel im Aufzugbau aufschlagen. Es erinnert etwas an den alten Paternoster. In zwei Schächten verkehren mehrere Kabinen im Umlaufbetrieb. Als Folge wartet man maximal eine halbe Minute, bis sich die Aufzugstür für einen öffnet.

Diese Kabinen besitzen ein völlig neues, seilloses Antriebskonzept und können sich so nicht nur horizontal, sondern auch vertikal fortbewegen. Damit werden architektonisch ganz neuartige Bauten möglich. Das Konzept basiert auf den Erfahrungen der Firmen thyssenkrupp und Siemens bei der Entwicklung des Transrapid, die weitgehend aus öffentlichen Mitteln finanziert wurde.

Nach dem Prinzip der Magnetschwebebahn läuft die Kabine berührungslos magnetisch in einer Art Schiene, die vertikal und bei Bedarf auch horizontal an der Schachtwand verläuft. Die Kabine selbst besitzt starke Permanentmagnete. Die Schiene enthält Spulen, die ein wanderndes Magnetfeld erzeugen und so die Kabine halten und bewegen. Dafür ist viel Energie notwendig und erfordert deshalb die Konstruktion von möglichst leichten Kabinen.

Bei thyssenkrupp ist man sich sicher, bei diesem Konzept Vorreiter zu sein. Zumindest ist weltweit keine andere Firma bekannt, die an einem vergleichbaren Aufzugssystem arbeitet. Die Innovationsführerschaft für den Aufzugsbau gewinnt damit ein deutsches Unternehmen

Geschwindigkeit reicht nicht

Technisch ist es leicht möglich, die Geschwindigkeit von Aufzügen immer mehr zu erhöhen. Allerdings empfinden die Nutzer eine zu starke Beschleunigung als unangenehm – auch kann sie sich gesundheitsschädlich auswirken. Um also die Transportleistung bei sehr hohen Gebäuden zu erhöhen, ist die Steigerung der Geschwindigkeit kein geeignetes Mittel – eine höhere Zahl der Kabinen jedoch sehr wohl. Durch mehrere Kabinen in den Schächten verringert sich auch der Raumbedarf für die Aufzüge im Gebäude, was die Baukosten erheblich senkt.

Aber das ist noch Zukunftsmusik, denn das neue Konzept muss bis zur Marktreife noch intensiv wissenschaftlich erprobt werden. Im Hochleistungsrechenzentrum der Universität Stuttgart ließ sich das Konzept bereits in allen Einzelheiten erfolgreich testen.

Aber wie erprobt man Aufzüge, die künftig für gewaltige Hochhäuser einsetzbar sind? Die spektakuläre Lösung, die erst nach längerer Diskussion mit der Stadtvätern und der Bevölkerung akzeptiert wurde, ist der Testturm.

Der Turm ermöglicht Test und Zertifizierung von Innovationen im Aufzugsbau, was insbesondere für das nahegelegene Aufzugswerk in Neuhausen auf den Fildern von Bedeutung ist. Es wird mit dem Turm zu einem Technologiepark und bildet so eine hochmoderne Innovationsschmiede für Aufzugstechnik mit insgesamt über 1.500 Mitarbeitern. Neue Konzepte für die überall entstehenden Wolkenkratzer können hier schnell und effektiv erprobt werden.

Lösung kommender Herausforderungen

Luftbild des thyssenkrupp Testturms.

Der Testturm kurz vor der Eröffnung

Foto: thyssenkrupp

Mit zwölf Schächten und Fahrgeschwindigkeiten von bis zu 18 Meter pro Sekunde bietet der Turm nie dagewesene Möglichkeiten zur Lösung kommender Herausforderungen. Drei Schächte davon sind für den Multi-Aufzug vorgesehen, drei für die Besucher. In weiteren Schächten wird das Twin-Konzept erprobt, bei dem zwei Kabinen unabhängig voneinander in einem Schacht fahren.

Auch an Nachhaltigkeit ist gedacht: Der Raum oberhalb einiger nur 120 Meter hohen Fahrstuhlschächte wird als Energiespeicher genutzt. Wärme von Motoren und Rechnern wird aufgefangen und je nach Bedarf über Wärmetauscher zurückgeführt. Eine weitere Besonderheit ist die bei der Eröffnung noch nicht ganz fertiggestellte Außenhaut, eine Membran aus Glasfasergewebe. Sie schützt den Beton vor Wind und Wetter und verringert die Windlasten auf den Turm.

Trotz allem schwankt der Turm um bis zu 75 Zentimeter. Besucher sollten daher einigermaßen schwindelfrei sein. Dann allerdings eröffnet sich ihnen ein einmaliger Rundblick, der bei schönem Wetter bis zu den Alpen reicht.