Interview mit Gundula Sell

Verstehen, was Europa ausmacht

Am 20. März 2019 hat die russisch-US-amerikanische Journalistin und Schriftstellerin Masha Gessen den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten. Jury-Vorsitzende Gundula Sell berichtet, warum sie große Hochachtung vor der Autorin hat und wie Bücher den Blick von Europa auf Europa zurechtrücken können.


Gundula Sell im Porträt.

Gundula Sell ist Vorsitzende der Jury des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2019.

Foto: Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst/Anja Hagenström

Frau Sell, wofür braucht es einen Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung? 

Gundula Sell: Es zeigt sich immer deutlicher, dass es bei der europäischen Verständigung eine Menge zu tun gibt.

In den 90er-Jahren, als der Preis gegründet wurde, hatte man das Ziel: Ost- und West-Europa müssen jetzt in Kontakt treten und sich ihre Geschichten erzählen, sich miteinander verständigen. Was ist für die einen und was ist für die anderen Europa? Inzwischen stellt sich heraus: Die Problematik in Europa ist vielschichter, komplexer. Da kommen immer neue Themen hinzu. Und das, was zunächst selbstverständlich schien, wird auf einmal wieder infrage gestellt.

Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ist einer der wichtigsten Literaturpreise in Deutschland. Jährlich seit 1994 wird die mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung auf der Eröffnung der Leipziger Buchmesse an eine Autorin oder einen Autor vergeben, deren beziehungsweise dessen Werk zum gegenseitigen Verständnis in Europa beiträgt. Voraussetzung für die Nominierung ist, dass das Buch in den vergangenen zwei Jahren erstmalig in deutscher Sprache erschienen ist. Kooperationspartner des Preises ist die Bundeszentrale für politische Bildung.

Deshalb ist es sehr wichtig, dass man sich verständigt, und dass auch in Deutschland zur Kenntnis genommen wird: Was wird anderswo in Europa über Europa gedacht? Wichtig ist sowohl der Blick von außen als auch der Blick nach außen. Europa - Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Woher kommen wir? Wo gehen wir hin? 

Der Blick von Europa auf Europa gibt uns dann wiederum Impulse für unsere innerdeutsche Diskussion. Dabei zeigt sich, dass Themen, die über die eigene Lebenswelt hinausgehen, immer wieder auf diese zurückwirken. Dass es sehr viele Sachen gibt, die viel größer sind als die innerdeutschen Probleme. Und dann merkt man plötzlich, dass manches, worüber wir uns hier Gedanken machen, doch nicht so bedeutend ist. 

Ganz allgemein gefragt: Wie können Bücher zum gegenseitigen Verständnis in Europa beitragen?

Gundula Sell: Ich denke, Bücher können Dinge bemerken, die beispielsweise Zeitungsschlagzeilen oder Tweets nicht können: Sie können gründliche Diskussionen abbilden. Sie können tiefer gehen als es kurzfristige Texte oder Meinungsäußerungen können. Sie können zum langen und gründlichen Nachdenken anregen. Die Diskussionen, die dadurch entstehen, die gehen dann weiter, auch über die Leser dieser Bücher hinaus. 

Zusammengefasst kann man also sagen: Dadurch, dass Bücher einen viel tieferen Blick in ein Thema ermöglichen, regen sie zum Nachdenken an und können helfen, andere Sichtweisen zu verstehen?

Gundula Sell: Ja, genau! Das gilt auch für unterschiedliche Lebenswelten und verschiedene historische Zusammenhänge.

Kommen wir zu Ihrer Arbeit. Welche Kriterien muss ein Buch erfüllen, um in die engere Auswahl zu kommen?

Gundula Sell: Einerseits ist es wichtig, dass das Buch aktuelle Themen aufgreift. Aber nicht in einer Aktualität von Schlagzeilen, sondern in einer Aktualität von längerfristigen und ernsthaften Strömungen des Denkens - was die Europäer, auch speziell die Deutschen, umtreibt. Es geht darum, dass Fragen gestellt und Antworten gegeben werden, die zur Verständigung beitragen und dass das Buch einen hohen Anspruch hat, den es auch einlöst.

Dabei kommen sowohl belletristische Werke, als auch Sachbücher oder Essays infrage. Auch Romane können zur europäischen Verständigung beitragen, indem sie den Leserinnen und Lesern klar machen: Wie leben, wie denken die Menschen? Das geht auch durch eine fiktive oder eine poetische Herangehensweise. Da kommt man vielleicht auf andere Schlüsse, aber auf genauso ernsthafte Schlüsse über das, was Europa ausmacht. 

Der diesjährige Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ging an Masha Gessen für ihr Werk "Die Zukunft ist Geschichte". Was hat Sie an dem Buch überzeugt?

Gundula Sell: Die Autorin hat anhand von sehr konkreten Schicksalen ein Bild des heutigen Russlands geliefert. Nicht das Bild, aber ein Bild. Durch die sehr konkrete und eindrückliche Schilderung der Schicksale gibt sie die Möglichkeit zur Verallgemeinerung und zeigt auf: Wie funktioniert und warum funktioniert Putins Russland heute, wie es funktioniert? 

Uns in Deutschland kann das Buch anregen, nicht auf vorschnelle Argumente hereinzufallen. Etwas tiefer zu blicken: Wo kommt das her, was da stattfindet?

Masha Gessen hat sowohl den Blick von innen als auch den von außen. Sie stammt aus Russland, lebt heute aber in den USA. Es gelingt ihr, den nicht in Russland Lebenden verständlich zu machen, was da abläuft - mit all seinen Absurditäten und Problemen. Und natürlich ergreift sie auch Partei. Aber das tut sie auf eine sehr begründete Art, die überzeugt, und gerade dadurch, dass sie subjektiv ist, sich selber nicht rausnimmt. Man bekommt eine große Hochachtung vor ihr.

Über die Preisträgerin oder den Preisträger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung entscheidet eine fünfköpfige internationale Jury. Den Vorsitz hat traditionell eine Vertreterin oder ein Vertreter der Stadt Leipzig oder des Freistaates Sachsen inne. Für den Preis 2019 ging der Vorsitz an Gundula Sell, Referentin im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. Die anderen vier Mitglieder sind Fachjuroren, sie werden vom Kuratorium auf die Dauer von drei Jahren gewählt.

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