Europa 

EU vor Ort: Smart Service Power 

KI für ein autonomes Leben im Alter

Im Alter dank Smart-Home-Lösungen solange wie möglich zuhause wohnen bleiben – darum geht es bei dem von der EU mit dem RegioStars-Award 2017 ausgezeichneten Verbundprojekt Smart Service Power unter Leitung der VIVAI Software AG. Im Interview erzählt Vorstand Bettina Horster, wo das Projekt heute steht, welche Rolle die EU bei der Umsetzung der Idee spielt und welche Chancen KI für die Gesellschaft bietet. 

Eine ältere Dame sitzt auf einem Sofa und liest ein Buch. Im Vordergrund steht ein intelligenter Sprachassistent in Form einer Lautsprecherbox auf dem Couchtisch.

Das Projekt soll durch High-Tech-Lösungen, insbesondere durch KI, ältere und pflegebedürftige Menschen dabei unterstützen, länger im eigenen Zuhause wohnen zu können.

Foto: VIVAI

Worum geht es bei Ihrem Projekt Smart Service Power?

Bettina Horster: Unser Projekt soll durch Hightech-Lösungen ältere und pflegebedürftige Menschen dabei unterstützen, länger im eigenen Heim zu wohnen. KI und das Internet der Dinge werden normalerweise nicht mit Menschen mit Einschränkungen in Verbindung gebracht – aber es funktioniert für diese Zielgruppe ganz wunderbar. Mit Hilfe von Sensoren und einer KI-Software, die die Sensordaten auswertet, werden beispielsweise Stürze detektiert, der Herd wird abgestellt, wenn er nicht mehr benötigt wird, das Trinkverhalten wird überwacht - und dies alles beispielsweise mittels eines Sprachassistenten gesteuert. Die dabei ermittelten Daten können Aufschluss darüber geben, ob der Betroffene noch in der Lage ist, seinen Tagesablauf eigenständig zu gestalten.  

Ziel des Projekts Smart Service Power ist es, mittels einer Reihe von IT-Technologien Menschen im Alter möglichst lange ein eigenständiges und autonomes Leben zuhause zu ermöglichen. Dazu kombiniert das Konsortium aus unterschiedlichen Technologiespezialisten, Forschungseinrichtungen, Netzwerken, Multiplikatoren und Anwendern unter Leitung der Dortmunder VIVAI Software AG Funktionen aus den Bereichen e-Gesundheit und Pflege 4.0, intelligente Haustechnik, umgebungsunterstütztes Wohnen, Notfall-Alarmierung und Dienstleistungen miteinander und bereitet diese digital auf. Finanziert wird das Projekt mit Mitteln aus dem EFRE.

Kann das nicht auch zur Vereinsamung führen? 

Bettina Horster: Die Frage müssen Sie anders stellen. Die Frage ist, warum die Menschen den Pflegedienst als erste Anlaufstelle sehen und er oft der Kontaktpunkt zur Außenwelt ist. Uns geht es um bedarfsgerechte Pflege - nämlich vorbereitende Systeme, die wissen, was ein Bewohner tatsächlich braucht. Das bringt gleichzeitig auch Zeiteinsparungen bei den Pflegekräften. Sie können exakt das tun, was nötig ist, und haben dann auch Zeit für Gespräche und einfühlsame Handreichungen.

Wir bauen daher gerade eine zusätzliche Plattform Smart Care Services auf, die die Menschen zusammenbringen soll. Um die Zeitung vorzulesen, braucht man keine examinierte Altenpflegerin.

Wichtig ist, es muss eine Qualitätssicherung geben. Einen solchen Dienst kann man nicht einfach über das Internet buchen.

Was bedeutet Ihre Idee für das Leben in Deutschland und in der EU

Bettina Horster: Der demografische Wandel und damit die Überalterung der Gesellschaft führen nicht nur in Deutschland zu einem Pflegenotstand. Vielmehr mangelt es weltweit an Personal und die Kosten steigen stetig.  

Uns geht es um Lösungen für das altersgerechte Wohnen im Quartier durch intelligente Digitalisierung. Moderne Technik kann zur Stärkung der häuslichen Pflege einen großen gesellschaftlichen Beitrag leisten. So können Pflegekosten und soziale Folgekosten für Krankenkassen, kirchliche Träger und Kommunen reduziert werden.

2017 sind Sie von der Europäischen Kommission mit dem RegioStars-Preis ausgezeichnet worden. Damit möchte die EU Menschen dabei unterstützen, Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze auf regionaler Ebene zu schaffen. Ist das aus Ihrer Sicht gelungen? 

Bettina Horster: Unser Projekt ist nicht nur technologisch anspruchsvoll, sondern beinhaltet sehr komplexe Prozesse und große Ökosysteme, wenn wir einen echten Rundumservice bieten wollen, der auch funktioniert. Die räumliche Nähe mit unseren Konsortialpartnern sowie den Städten Dortmund und Arnsberg hat uns bei der Weiterentwicklung sehr geholfen. 

Die Förderung durch EFRE ist großartig. Für KMU ist eine derartige Förderung viel einfacher zu bewerkstelligen als die großen Programme unter Horizon 2020, insbesondere aus administrativer Sicht. Wir hatten eine Idee und wir hatten viel Erfahrung - aber wir hätten es uns niemals leisten können,  ein Projekt dieser Größenordnung ohne Unterstützung zu stemmen. Unser Dank geht daher an die EU, die uns dieses großartige Projekt, für das wir alle brennen, möglich gemacht hat.

Mit den RegioStars-Awards zeichnet die Europäische Kommission EU-finanzierte Projekte aus, die Exzellenz beweisen und neue Ansätze in der regionalen Entwicklung vorstellen. Ziel ist es, die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Behörden auf regionaler Ebene europaweit zu fördern und auch andere Projektmanager und Verwaltungsbehörden zu inspirieren. 

Künstliche Intelligenz spielt eine wesentliche Rolle bei Ihrem Projekt. Wie geht es mit KI in Europa und weltweit weiter?  

Bettina Horster: Ich beschäftige mich schon seit circa 25 Jahren mit KI. Ich bin davon überzeugt, in vielen Bereichen wird es zukünftig nicht mehr ohne KI gehen. Leider ist dieses Thema heute sehr stark auf China und die USA fokussiert, die sehr viel investiert haben. Hier muss in Europa noch viel mehr getan werden. 

Und ja, es gibt auch ethisch schwierige Punkte, die mit KI zusammenhängen. Deshalb begrüße ich sehr, dass die EU ethische Richtlinien aufgestellt hat, die den Umgang mit KI regeln. Hier wurden sehr fähige Wissenschaftler einbezogen und es ist etwas Kluges dabei herausgekommen.

Der Schutz der Daten und ihre Kontrolle spielen eine wesentliche Rolle bei Smart Service Power. So legt der Nutzer im Voraus fest, wie seine Daten genutzt werden. Zusätzlich sind Sicherheitsmodule, die eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gewährleisten, sowie ein juristisch abgesichertes und geprüftes Datennutzungskonzept mit flexiblen und kontextbasierten Zugriffsrechten geplant.

Ihre Förderung läuft im Herbst 2019 aus. Wo stehen Sie heute?  

Bettina Horster: Unser Projekt endet zum 30. September 2019 und wir sind im Plan und werden auch fertig sein. Wir sind augenblicklich im Feldtest und somit können die Nutzer auch noch einmal zu Wort kommen. Es läuft wirklich  gut für uns. Derzeit starten wir mit der Vermarktung.

Ganz wichtig ist uns auch die soziale Teilhabe: Smart Service Power soll für alle Menschen bezahlbar sein. So etwas gibt es nicht zum Nulltarif. Unser Ziel ist es, in den Hilfsmittelkatalog der Pflegekassen aufgenommen zu werden, sodass die laufenden Kosten übernommen werden. Das ist unserer Hürde, die wir nehmen müssen, damit unser Service für alle zugänglich und bezahlbar ist.