„Begegnung ist wichtig für das Verstehen“

Interview mit „Frauen Europas“ „Begegnung ist wichtig für das Verstehen“

Der Preis „Frauen Europas“ wurde 2021 gleich an zwei Frauen für ihr außerordentliches Engagement verliehen – an Lisi Maier, Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings, und an Ingeborg Tömmel, die den bundesweit ersten Vollzeitstudiengang European Studies gegründet hat. Im Interview berichten beide, warum ihnen Europa wichtig ist. 

Grafik "Frauen Europas"

Würdigung für zwei starke Frauen Europas: Ingeborg Tömmel und Lisi Maier.

Foto: Bundesregierung

Sie haben beide den Preis Frauen Europas bekommen. Was waren Ihre ersten Erfahrungen mit Europa, Frau Tömmel?

Ingeborg Tömmel: Meine ersten Europa-Erfahrungen gehen zurück auf meine Kindheit und Jugend in Trier. Ich hatte vielfältige Kontakte mit liebenswerten Menschen aus Frankreich und den Beneluxländern. Die europäische Einigung erschien mir eine positive und zugleich selbstverständliche Perspektive. Ein Erlebnis bei einer kleinen Radtour mit Freunden nach Luxemburg bestärkte mich darin. Da ich meinen Pass vergessen hatte, verwehrten mir die deutschen Zöllner den Grenzübertritt. Während ich auf die Rückkehr der anderen wartete, sagte der Beamte etwas voreilig: „Ab 1960 kannst Du hier ohne Pass über die Grenze gehen.“ 

Und wie war es bei Ihnen, Frau Maier?

Lisi Maier: Der Jugendverband war für mich „das Tor zur Welt“. Durch mein Engagement ab meinem elften Lebensjahr in der Kolpingjugend, konnte ich über den Tellerrand bis nach Europa blicken. Sehr prägend waren dabei für mich die Praxiswochen im Europaparlament: Junge Erwachsene aus elf europäischen Mitgliedstaaten begleiteten Parlamentarierinnen und Parlamentarier. Durch das gemeinsame Programm sind wir zugleich als Gruppe zusammengewachsen. 

Frau Tömmel, Sie haben sich später dann beruflich mit Europa beschäftigt. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

Tömmel: Das Europathema hat mich zwar schon während des Studiums beschäftigt; konsequent griff ich es aber erst während meiner Arbeit an der niederländischen Universität Nijmegen auf, wo ich wieder in einem EU-Grenzgebiet lebte. In der Forschung weckte die Europäische Union als neuartiges politisches System, das nicht so leicht zu durchschauen war, meine Neugier. In der Lehre fand ich es wichtig, das Wissen und die Reflexion über das zusammenwachsende Europa zu stärken.

Hat Europa auch Sie neugierig gemacht, Frau Maier? Warum engagieren Sie sich für Europa?

Maier: Aufgrund des Austausches mit jungen Menschen aus anderen europäischen Ländern wurde mir deutlich, wie stark die europäischen Werte für viele außerhalb der EU einen wichtigen Anker darstellen. Die europäischen Werte müssen aber auch innerhalb der EU immer wieder hart erkämpft werden. Dies hat man in den vergangenen Wochen nicht zuletzt im Umgang mit den Rechten von LGBTIQ-Personen in Polen und dem frauenfeindlichen und anti-rechtsstaatlichen Agieren in Ungarn gesehen. Das ist für mich Anlass und Motivation genug, mich gemeinschaftlich für diese Werte zu engagieren. 

Der Preis Frauen Europas der Europäischen Bewegung Deutschlands wird seit 1991 an starke Frauen vergeben, die sich mit ihrem ehrenamtlichen Engagement für ein vereintes Europa einsetzen. Die Preisträgerinnen erhalten als symbolische Auszeichnung eine Brosche und werden damit Teil des Netzwerks europäisch engagierter Frauen.

Für Sie sind die europäischen Jugendverbände „Werkstätten der Demokratie“. Was meinen Sie damit?

Maier: Wir Jugendverbände sind der Überzeugung, dass „Demokratie lernen“ nur durch „Demokratie erleben“ gelingt. Ganz praktisch heißt das: Gemeinsam das Zeltlager zu planen, das Jahresprogramm des Ortsverbands aufzustellen oder Positionen zu entwickeln, die man gegenüber Politik einnimmt. In den Jugendverbänden praktizieren und erlernen junge Menschen damit in ganz Europa demokratische Aushandlungsprozesse. Sie erdulden den Kompromiss, sie reflektieren ihre eigenen politischen Strategien, sie gehen auf die Suche nach gleichberechtigter Teilhabe, sie protestieren und demonstrieren.

Sie arbeiten auch eng mit europäischen Partnerjugendringen zusammen, beispielsweise in der Ukraine oder in Belarus, deren Arbeit gerade verboten wurde. Warum ist für Sie das Engagement gerade von jungen Menschen in Europa so wichtig?

Maier: Gerade die junge demokratische Zivilgesellschaft braucht Räume für ihr Engagement – also überhaupt Orte, wo man zusammenkommen kann. Diese Orte können auch durch Jugendverbände geschaffen werden. Aus der eigenen verbandlichen Erfahrung weiß ich, dass Menschen durch das eigene Demokratie erleben im Jugendverband auch Demokratie erlernen können. Insofern unterstützen wir unsere Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine und in Belarus durch Workshops, Begegnungsarbeit und gemeinsame bilaterale Kooperationsprojekte nicht nur darin, dass sie ihr verbandliches Leben jetzt aktiv gestalten können, sondern auch in ihrem Ziel einen Beitrag für eine demokratischere Gesellschaft zu leisten.

Frau Tömmel, Ihr Engagement liegt in einem anderen Bereich. Sie waren in Deutschland die Gründungsprofessorin des ersten Vollzeitstudiengangs der Europawissenschaften. Warum war und ist dieser Studiengang wichtig?

Tömmel: Mit dem Zusammenwachsen von Europa wurde klar, dass in zunehmendem Maße gut ausgebildete Fachleute für Europathemen gebraucht wurden: in Politik, öffentlicher Verwaltung, Verbänden sowie der privaten Wirtschaft, von der europäischen bis zur regionalen und lokalen Ebene. Dementsprechend erschien mir eine spezialisierte akademische Ausbildung unerlässlich. Unsere Absolventinnen und Absolventen konnten dann auch problemlos anspruchsvolle Arbeitsplätze in den genannten Bereichen finden. 

Sie engagieren sich schon lange auch für die europapolitische Erwachsenenbildung. Was war hier eine Ihrer wichtigsten Erfahrungen?

Tömmel: Angesichts begrenzter Kenntnisse und hartnäckiger Vorurteile über die EU habe ich das Jean Monnet Centre of Excellence in European Studies ins Leben gerufen. Mit verschiedenen Formaten – Volkshochschulvorträgen, Caféhausdebatten, Schülerakademien – unterstützen wir die Bildung und Urteilsfähigkeit Jugendlicher sowie Erwachsener zum Thema europäische Integration. Die Teilnehmerzahlen an diesen Veranstaltungen waren zwar nicht immer zufriedenstellend; aber bei denen, die teilnahmen, konnte erkennbar Interesse geweckt, das Wissen über die EU erweitert und die kritische Reflexion vertieft werden. 

Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen, sich an einem europaweiten Dialogprozess zu beteiligen, der Konferenz zur Zukunft Europas. Bringen auch Sie sich ein – mit  Ihren Ideen, Visionen oder sogar eigenen Veranstaltungen. Weitere Informationen finden Sie auf einer Themenseite.

Die Konferenz zur Zukunft Europas eröffnet einen neuen Raum für die Debatte mit den Bürgerinnen und Bürgern der EU. Was würden Sie besonders jungen Menschen raten, die sich für Europa einbringen wollen? 

Tömmel: Entgegen landläufiger Meinung haben die Institutionen der EU, die Kommission und das Parlament, ein offenes Ohr für Anliegen der Bürger. Jungen Menschen möchte ich daher besonders raten, sich mit ihren Wünschen, Forderungen und politischen Präferenzen aktiv in die Konferenz zur Zukunft Europas einzubringen.  Themen, die gerade Jugendliche bewegen, wie Klimawandel, Umweltschutz, internationale Solidarität sowie eine menschenwürdige Flüchtlings- und Migrationspolitik, könnten so offensiver von Kommission und Parlament gegenüber den bremsenden Mitgliedstaaten vertreten werden.

Maier: Leider setzt die Konferenz zur Zukunft Europas weniger auf repräsentative Jugendstrukturen wie ich es mir erhofft hätte. Sicherlich werden jedoch viele Jugendverbände ihren Ideen einbringen. Jugendlichen, die sich nachhaltig für Europa engagieren wollen, würde ich raten, sich über Formate von Jugendverbänden oder anderen Selbstorganisationen junger Menschen auf das Abenteuer europäische Begegnungen einzulassen. Denn Begegnung ist wichtig für Verstehen und das ist der erste Schritt auf dem Weg zur Völkerverständigung.

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