„Europas Vielfalt: Dafür lohnt es sich zu kämpfen“

6 Fragen zu Europa „Europas Vielfalt: Dafür lohnt es sich zu kämpfen“

Die Heidelbergerin Stella Kim (23) macht gerade mit Erasmus Mundus ihren Master in Security, Intelligence and Strategic Studies. Das Besondere: Jedes Semester führt sie in ein anderes europäisches Land. Von ihren Erfahrungen im europäischen Ausland und ihre Sicht auf die gemeinsamen Werte berichtet sie im Interview. 

Foto zeigt Stella Kim

„Meine Auslandsaufenthalte haben meine Dankbarkeit für die EU und ihre Errungenschaften wie Reisefreiheit und Währungsunion nur bestärkt“, so Stella Kim.

Foto: Stella Kim

Sie machen Ihren Master gleich in mehreren europäischen Ländern. Was hat Sie dazu motiviert?

Stella Kim: Ich habe mich in meinem Masterstudiengang für das Konzept eines Erasmus Mundus Masters entschieden: Das bedeutet, dass jedes Semester an einer anderen europäischen Universität stattfindet. Mein Master in Sicherheitsstudien findet in Glasgow, Trient und Prag statt. Die unkomplizierte Möglichkeit aufgrund von Erasmus im Ausland studieren zu können, hat mich in meiner Entscheidung bestärkt, den gesamten Master im Ausland zu absolvieren. Da ich mich nicht für ein Land entscheiden konnte, waren Erasmus Mundus Studiengänge die perfekte Wahl für mich.

Was hat Sie in Ihren Gastländern am meisten überrascht?

Kim: Während meines Semesters in Schottland hat mich insbesondere die pro-EU Einstellung und die Offenheit der Menschen in Schottland überrascht. Davon hatte ich zwar vorher schon gehört, aber nicht nachvollziehen können. Ich habe mich sehr willkommen gefühlt und nicht als Ausländerin. 

Auch in Italien bin ich mit solch einer Gastfreundschaft aufgenommen worden, dass ich es mittlerweile als mein zweites Zuhause sehe. Besonders meine Mitbewohnerin in Italien hat mir nicht nur jede kulinarische Besonderheit erklärt, sondern auch Italienisch beigebracht und mich direkt in ihren Freundeskreis integriert. Ich habe mich nie alleine gefühlt. Beides waren sehr positive Erfahrungen für mich.

Haben Ihre Aufenthalte in einem anderen Land Ihre Sicht auf die EU oder auf Ihr Heimatland verändert?

Kim: Meine Auslandsaufenthalte haben meine Dankbarkeit für die EU und ihre Errungenschaften wie Reisefreiheit und Währungsunion nur bestärkt. Ich habe keine Studentenvisa oder irgendetwas gebraucht. Der bürokratische Aufwand war im Vergleich zu meinem Auslandssemester in Südkorea wirklich sehr gering. Die Möglichkeit, ein komplettes Erasmusstudium zu absolvieren, hat erneut meine positive Sicht auf die Möglichkeiten, die die EU erarbeitet hat, bekräftigt. Auslandsaufenthalte sind so bereichernd – man lernt neue Perspektiven kennen, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. 

Gleichzeitig habe ich auch mein Heimatland zu schätzen gelernt und bin dankbar dafür, was ich hier in Deutschland mitbekommen habe, so wie beispielsweise meinen kostenlosen Bildungsweg bis zum Bachelor.

Aus Ihrer Sicht: Wie wird die EU in Ihrem Heimatland Deutschland wahrgenommen?

Kim: Diese Frage lässt sich leicht pauschalisieren, und genau das sollte nicht passieren. Deutschland ist schließlich immer noch ein großes Land mit verschiedenen Meinungen. In meinem Umfeld, das hauptsächlich von deutschen und internationalen Studierenden geprägt ist, wird die EU positiv wahrgenommen. Dennoch wird häufig kritisch über die EU reflektiert, wie z.B. über die Intransparenz in Entscheidungsfindungsprozessen. 

Die Vorteile der EU stehen im Vordergrund, besonders die der Währungsunion, des Binnenmarkts und von Schengen. Aber auch das Verbesserungspotenzial wird betont, wie etwa, dass die EU insbesondere im Rahmen sozialer Gerechtigkeit noch stärker agieren könnte. Die Solidaritätsfrage stellt sich hier schnell: Inwiefern kann die EU Solidarität zwischen den einzelnen Mitgliedsländern verlangen, aber gleichzeitig ihre Außengrenzen dicht machen? Wie kann die EU interne Solidarität proklamieren, diese aber nicht nach außen hin demonstrieren? Innere Solidarität geht aber auch Hand in Hand mit äußerer, und die EU muss außenpolitisch stärker und vereinter auftreten.

Solidarität muss in beide Richtungen gehen. Die EU kann sich nicht komplett abschotten, besonders nicht von Ländern, die sich auch auf dem europäischen Kontinent befinden und ein „wir“ und „ihr“ Gefühl kreieren: Europa steht für Frieden und Vielfalt und muss dies auch wirklich verkörpern.

Welche Bedeutung hat die EU für Ihr Leben? Hat sich diese Bedeutung durch oder nach Ihren Erasmus-Erfahrungen verändert?

Kim: Wenn man die einzelnen Aspekte, die die EU in meinem Alltag beeinflusst, hervorhebt, wird die Bedeutung der EU schnell deutlich: Es beginnt mit dem „Roam like home“ und dem Wegfall von Roaminggebühren im europäischen Ausland. Dadurch konnte ich während meines Auslandsaufenthaltes kostengünstig mit Freunden und Familie daheim in Kontakt bleiben. 

Gleichzeitig ist mein aktuelles Masterstudium nur dank der EU und Erasmus möglich: Die Freiheit, unkompliziert in einem anderen Land leben, studieren und arbeiten zu können. Die EU ist so insgesamt für mich eine einzigartige Chance!

Stella Kim war eine von zehn europäischen Studentinnen und Studenten mit denen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Online-Dialog ausgetauscht hat. Die Veranstaltung fand am 28. Juni innerhalb der Konferenz zur Zukunft Europas statt, bei der Menschen EU-weit Ideen für ein künftiges Europa diskutieren.

Gibt es Ihrer Ansicht nach eine europäische Identität? Haben Europäerinnen und Europäer etwas gemeinsam?

Hier stellt sich für mich als erstes die Frage, was eine europäische Identität ausmacht. Ich persönlich denke, eine europäische Identität kann man am besten als einen kulturellen Werteverbund beschreiben. Sie existiert jedoch zusätzlich bzw. ergänzend zu nationalen Identitäten, aber soll keineswegs die nationale Identität ersetzen. In meiner Generation würde ich sagen, dass eine europäische Identität auf jeden Fall zu einem gewissen Grad existent ist. Projekte wie Erasmus ermöglichen es, Erfahrungen im europäischen Ausland zu sammeln und seine eigene Identität neu zu definieren. 

Allerdings muss diese Wertegemeinschaft kontinuierlich gepflegt und ausgebaut werden, damit sie eine nachhaltige Zukunft hat. Ebenso müssen Worten Taten folgen: Man kann Werte wie Frieden nur hochhalten, wenn man auch dafür aktiv wird. Die EU kann nicht für Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Menschenwürde stehen, und gleichzeitig Entwicklungen wie in Ungarn und Polen durchgehen lassen. 

Das frustriert viele junge Menschen – mich eingeschlossen. Doch für mich ist auch klar: Die europäische Diversität weiterhin zelebrieren zu können, ist eine Bereicherung und dass wir trotz dieser Vielfalt uns geeint sehen können, dafür lohnt es sich zu kämpfen. 

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