„Für mich ist Europa wie eine Sportmannschaft“

6 Fragen zu Europa „Für mich ist Europa wie eine Sportmannschaft“

Ophélie Ranquet (26) kommt aus Colmar im französischen Elsass. Bereits während ihres Chemiestudiums in Straßburg verbrachte sie mit Erasmus ein Semester in Trondheim, Norwegen. Derzeit absolviert sie ihre internationale Promotion mit Stationen in Pisa und Karlsruhe. Im Interview erzählt sie, wie die Auslandserfahrungen ihre Sicht auf Europa und auch ihre Heimat beeinflusst. 

Foto zeigt Ophelie Ranquet

Ophelie Ranquet war eine von zehn europäischen Studentinnen und Studenten mit denen sich Kanzlerin Merkel in einem Online-Dialog ausgetauscht hat.

Foto: Ophélie Ranquet

Sie haben gleich in mehreren Ländern Europas studiert. Was hat Sie dazu motiviert?

Ophélie Ranquet: Neben dem Wunsch, Fremdsprachen zu lernen oder zu verbessern, war es vor allem die Neugier, die mich in andere EU-Länder zog: sich auszutauschen und von anderen lernen zu wollen; zu erkennen, dass unsere Prinzipien im Grunde die gleichen sind, auch wenn sie sich unterschiedlich ausdrücken. Und das ist das Schöne daran.

Ich wollte meine Komfortzone verlassen – sowohl sprachlich als auch kulturell –, um zu sehen, wozu ich fähig bin. Ich entdeckte und entdecke immer noch, dass man eine Menge über sich selbst lernt, wenn man sich Herausforderungen stellt. Darüber hinaus wurde ich viel selbstbewusster, ich stelle mich unbekannten oder komplizierten Situationen leichter.
Außerdem wollte ich meine Chancen bei der späteren Jobsuche erhöhen.

Was hat Sie an Ihren Gastländern am meisten überrascht?

Ranquet: Ich hatte das Glück, Erfahrungen im Norden und Süden Europas zu machen. Dabei war ich überrascht, wie unterschiedlich das gesellschaftliche Leben ist. Dies betriff vor allem die Art sich zu treffen und Zeit miteinander zu verbringen. In einigen Ländern ist es einfach, Menschen zum Essen nach Hause einzuladen. In anderen Ländern sind die Treffen eher nicht so persönlich, sondern finden häufig unter freiem Himmel oder beim Sport statt. Der Raum, den wir der Privatsphäre geben, oder das, was wir als Privatsphäre betrachten, wird anders definiert.

Auch werden unterschiedliche Dinge wichtig erachtet: Pünktlichkeit, Vertrauen, Verantwortung oder Traditionen. Ich denke, das ist es, was mich am meisten beeindruckt hat. Denn im Gespräch mit den Einheimischen wurde mir klar, dass die Herangehensweise an manche Dinge in gleichen Lebenssituationen überhaupt nicht gleich ist. Was für die einen höflich ist, können die anderen als unangemessen empfinden.

Auch die Art im Studium zu unterrichten unterscheidet sich innerhalb Europas sehr stark. Der praktischen Arbeit – ich habe Chemie studiert –, den Noten oder Gruppenarbeit wird von Land zu Land ein recht unterschiedlich Wert beigemessen. Und ich habe festgestellt, dass dies ganz allgemein unsere Wahrnehmung der Dinge enorm beeinflusst.

Hat Ihr Aufenthalt in einem anderen Land Ihre Sicht auf die EU oder auf Ihr Heimatland Frankreich verändert? 

Ranquet: Ja, ich verstehe jetzt ein bisschen besser, woher einige der Klischees kommen! Aber ich habe den Eindruck, dass sie meist durch kulturelle Unterschiede verstärkt werden: Wenn man Dinge kennt und versteht, hat man viel weniger Angst vor ihnen und findet sie weniger fremd.

Zum Beispiel wird oft gesagt, dass wir Franzosen uns viel beschweren, meckern und viel protestieren. Das dachte ich auch. Dem ist aber nicht so: Wir Franzosen beschränken uns einfach nicht auf den privaten Bereich. In anderen Ländern neigen die Menschen hingegen dazu, dies nur vor ihren Freunden und Verwandten zu tun. Es ist einfach eine Frage der Perspektive.

Aus Ihrer Sicht: Wie wird die EU in Ihrem Heimatland wahrgenommen?

Ranquet: Als sehr selbstverständlich. Ich komme aus dem Elsass. Dort ist die EU eine logische Institution für die Meisten von uns: Das EU-Parlament ist in Straßburg. Es gibt viele ausländische Studenten und Arbeitnehmer in der Region. Selbst im Rest Frankreichs, denke ich, dass die Menschen, zumindest in meiner Generation, Europa als etwas Notwendiges und Unverzichtbares für die Entwicklung des Landes sehen. Aber ich kann natürlich nicht für alle sprechen.

Welche Bedeutung hat die EU für Ihr Leben? Hat sich diese Bedeutung durch Ihre Auslandserfahrungen in Europa verändert?

Ranquet: Für mich ist Europa wie eine Sportmannschaft. Nur gemeinsam schaffen wir es, zu punkten. Es gibt Spieler, die scheinbar das Spiel anführen, aber ohne all die anderen Spieler ist das Team nichts. Der Zusammenhalt ist der entscheidende Faktor. Bei einem Sieg stellt man fest: Gemeinsam ist es noch viel besser. 

Für mich ist Europa wichtig und großartig. Ich hatte und habe immer noch viel Freude daran, Gemeinsamkeiten in unseren unterschiedlichen Kulturen zu finden, in unserem Wortschatz, unseren Küchen, aber auch in unseren Traditionen. Meine Vision von Europa hat sich seit meinen Auslandserfahrungen erheblich erweitert. 

Ophélie Ranquet war eine von zehn europäischen Studentinnen und Studenten mit denen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Online-Dialog ausgetauscht hat. Die Veranstaltung fand am 28. Juni innerhalb der Konferenz zur Zukunft Europas statt, bei der Menschen EU-weit Ideen für ein künftiges Europa diskutieren.

Gibt es Ihrer Ansicht nach eine europäische Identität? Haben Europäerinnen und Europäer etwas gemeinsam?

Ranquet: Ja, definitiv. Aber das merkt man erst, wenn man die Komfortzone Europas verlässt. Während der Pandemie habe ich gesehen, wie es ist, wenn es wieder Grenzen zwischen den Ländern gibt. Als lebenslange Grenzgängerin und geboren in einer Generation, die (fast) nie Grenzbeschränkungen in der EU kannte, hat mich das wirklich betroffen gemacht. 

In Europa selbst haben wir so viele verschiedene Sprachen und Kulturen, so scheint es zumindest. Historische Fakten stehen uns entweder entgegen oder bringen uns zusammen, aber so oder so: Ich glaube, dass sie uns verbinden. Überall in Europa essen wir unterschiedliche Dinge, wir sprechen unterschiedliche Sprachen und Dialekte. Aber es gibt großartige Institutionen, die uns zusammenbringen: keine Grenzen, eine gemeinsame Währung fast überall, Grundprinzipien, die auf Demokratie und Menschenrechten basieren, viele ähnliche Traditionen, gemeinsame Gesetze usw. 

Und das habe ich gemerkt, als ich mein Praktikum in Japan gemacht habe, oder als ich mit Studenten von anderen Kontinenten gesprochen habe. Wenn ich um die Welt reise, fühle ich mich als Europäerin. In Europa fühle ich mich eher als Französin. Aber in letzter Zeit dann doch immer mehr als Europäerin. Ich denke, dass das unsere Stärke ist. 

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