„Alle Stimmen wurden gehört“

Europäisches Bürgerforum „Alle Stimmen wurden gehört“

Das Wochenende war für Gabriele Schulze Hobeling (55) aus Reken im Münsterland ein Abenteuer: Als eine von 200 europäischen Bürgerinnen und Bürgern diskutierte sie in Straßburg Ideen für die Europäische Union von morgen. Ihr Fazit: „Alle müssen erfahren, dass es die Konferenz zur Zukunft Europas gibt.“ 

2. Bürgerforum der Konferenz zur Zukunft Europas

Auf den europäischen Bürgerforen werden Ideen für die Zukunft des Kontinents gesammelt und diskuiert.

Foto: European Union 2021

Das Abenteuer von Gabriele Schulze Hobeling begann mit vier Stunden Verspätung. Über Frankfurt am Main wollte sie mit dem Zug nach Straßburg. Während der Wartezeit am Bahnhof traf Schulze Hobeling auf eine 17-jährige Schwedin, die von ihrer Mutter nach Straßburg begleitet wurde, einen jungen Slowaken und einen Malteser, Mitte 50. Aus allen Teilen Europas kamen sie zum Bürgerforum im Rahmen der Konferenz zur Zukunft Europas. Hier berieten sie drei Tage über wichtige Themen: europäische Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit. 

Die europäischen Bürgerforen sind ein wichtiger Teil der Konferenz zur Zukunft Europas.  An diesem europaweiten Dialogprozess sind alle Bürgerinnen und Bürger eingeladen, sich zu beteiligen.

Austausch im großen Plenarsaal

Am Freitagmorgen begann das Bürgerforum im Plenarsaal, in dem sonst die Mitglieder des Europäischen Parlaments Platz nehmen. Der Weg dorthin führte alle an den Fahnen der 27 EU-Mitgliedsstaaten vorbei. „Ich hatte den Eindruck, alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer schauen zu der Fahne ihres eigenen Landes auf. Ich dachte mir beim Anblick der Deutschlandfahne: ‚Du vertrittst hier dein Land‘“, schildert die Industirekauffrau ihre Eindrücke. Im großen Plenarsaal nahm sie eine andächtige Stille wahr – trotz der vielen Menschen aus 27 Nationen. „Binnen Minuten waren alle 200 Menschen ein Team, mit einem gemeinsamen Ziel: Europa besser zu machen“, so ihr Empfinden. 

Gruppendiskussionen mit Expertenunterstützung

Die inhaltlichen Diskussionen des Bürgerforums wurden in 15 kleinen Gruppen von zehn bis 15 Personen geführt. Bei der Einteilung war den Organisatoren wichtig, dass jeweils mindestens zwei Personen aus dem gleichen Land vertreten sind. Schulze Hobeling beriet in einer Gruppe mit fünf Nationen: neben Deutschland, Estland, Österreich, Spanien und Ungarn.

Unterstützt wurde die Gruppe von insgesamt sechs Expertinnen und Experten. Darunter unter anderem die polnisch-belgische Philosophin Alicja Gescinska und Miguel Maduro, einem portugiesischer Jurist und Politiker. Der ehemalige Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof beeindruckte Schulze Hobeling besonders, da er alle in der Gruppe nach den Problemen in ihren Heimatländern befragte.

Schulze Hobeling

Gabriele Schulze Hobeling ist von der Meinungsvielfalt und Debattenfreude der Teilnehmenden der Konferenz zur Zukunft Europas begeistert.

Foto: Privat

Jede Meinung zählt

Schulze Hobeling ist – sowohl in den Gruppendiskussionen als auch im Plenum – eines aufgefallen: „Die Sitzungen werden erst abgeschlossen, wenn jeder der etwas sagen wollte, dies auch getan hat. Alle Stimmen wurden gehört.“ Natürlich sei dies auch anstrengend. Aber es habe ihr gezeigt, dass in der EU der Meinung der Menschen mit Anstand und Respekt begegnet werde. 

Erste Ergebnisse

Am Sonntag stellten die Organisatoren der Konferenz zur Zukunft Europas die fünf wichtigsten Punkte vor, die sie aus den Diskussionen der 15 Gruppen herauskristallisiert hatten:
1.    Die Wahrung von Rechten und Nicht-Diskriminierung gewährleisten,
2.    Demokratie und Rechtsstaatlichkeit schützen,
3.    die EU reformieren und insbesondere Transparenz schaffen,
4.    eine europäische Identität aufbauen,
5.    Bürgerbeteiligung stärken.

Auch Schulze Hobeling findet sich und die Diskussionen in ihrer Gruppe in diesen Punkten wieder. Eines freut sie besonders: Sie stand das gesamte Wochenende in engen Austausch mit der kleinen Gruppe, die sich bei der Anreise gefunden hatte. Einer davon, der junge Slowene, wurde gewählt: Er wird vom 22. bis 23. Oktober in der Plenarversammlung der Konferenz als Bürgervertreter teilnehmen und die Ergebnisse einbringen. Auch freut Schulze Hobeling sich sehr auf ihre weiteren beiden Bürgerforen, virtuell im November und wieder persönlich im Dezember in Florenz.

Geburtstagsständchen von 27 Nationen

Das gemeinsame Abendessen am Samstag wird Schulze Hobeling lange in Erinnerung bleiben. Ihre Tischnachbarn erfuhren vom 55. Geburtstag der Münsterländerin an diesem Tag. Spontan sang ein Großteil der 200-köpfigen Gesellschaft aus 27 EU-Ländern „Happy Birthday“ für sie. Gerührt bedankte sich die Jubilarin in vier Sprachen und mit einem von allen verstandenen Herzsymbol, das sie mit den Händen formte. 

Zurück im heimischen Reken tauscht sich Schulze Hobeling weiter mit den anderen europäischen Bürgerforumsteilnehmern aus, allen voran ihrer kleinen Reisegesellschaft. Die Industriekauffrau ist überwältigt von den Erfahrungen des Wochenendes. „Ich muss das alles verarbeiten. Dass ich mich als normale Bürgerin an diesem Prozess beteiligen darf, ist großartig. Alle müssen erfahren, dass es die Konferenz zur Zukunft Europas gibt. Sie kann Europa und die Welt verändern.“ 

In den europäischen Bürgerforen kommen zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger zusammen. Sie bilden die Vielfalt Europas mit Blick auf Alter, Geschlecht, Herkunft und Hintergrund repräsentativ ab. Dabei soll ein Drittel jünger als 25 Jahre sein. Getrennt in vier Themenbereichen, werden sie jeweils an vier Wochenenden diskutieren – auf Grundlage der auf der Onlineplattform gesammelten Ideen. Die Ergebnisse werden einerseits auf der digitalen Plattform veröffentlicht. Anderseits werden sie in die Plenarversammlung eingebracht.

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