"Passen Sie auf auf unser Land"

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus "Passen Sie auf auf unser Land"

In Berlin haben der Bundestag und Repräsentanten der deutschen Verfassungsorgane der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Die Gedenkreden hielten Charlotte Knobloch und Marina Weisband. Das Gedenken stand zugleich im Zeichen des Erinnerns an 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Die Restaurierung einer über 200 Jahre alten Torarolle wurde im Andachtsraum des Bundestages zeremoniell abgeschlossen.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, spricht im Bundestag.

Der Kampf gegen Antisemtismus sei eine "Sisyphusarbeit"", erklärte Charlotte Knobloch im Bundestag.

Foto: Bundesregierung/Kugler

76 Jahre ist es her, dass am 27. Januar 1945 das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit wurde. Auschwitz steht stellvertretend für die vielen Orte, an denen Millionen von Menschen - meist jüdischen Glaubens - während der nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft  misshandelt und ermordet wurden. Der Deutsche Bundestag gedachte heute den Opfern des Nationalsozialismus. Neben Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Steinmeier nahmen auch Repräsentanten der weiteren Verfassungsorgane an der Gedenkstunde teil.

Die kollektive Verantwortung bleibt

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble betonte zu Beginn der Gedenkstunde, dass "die Geschichte der Juden Teil der deutschen Geschichte ist". Er erklärte, es sei niederschmetternd, eingestehen zu müssen, dass unsere Erinnerungskultur "nicht vor einer dreisten Umdeutung oder sogar Leugnung der Geschichte" schütze. Auch in Deutschland zeigten sich "Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wieder offen, hemmungslos und gewaltbereit". Die Formen des Erinnerns müssten erneuert werden - die "kollektive Verantwortung" aber bleibe.

Der Bundestagspräsident unterstrich, dass junge Juden als selbstverständlicher Teil einer vielfältigen deutschen Gegenwart leben - und wahrgenommen werden wollten. Umso mehr sei Ziel des Gedenk- und Jubiläumsjahrs "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland", den Zivilisationsbruch der Shoah zu verdeutlichen, indem über die viele Jahrhunderte währende jüdische Geschichte in Deutschland verwiesen wird.

Ausgrenzung und Anfeindungen hinterlassen schwere Spuren

"Ich stehe vor Ihnen als stolze Deutsche", erklärte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, zu Beginn ihrer Gedenkrede. Gleichzeitig würden Ausgrenzung und Anfeindungen "schwere Spuren" hinterlassen - "egal, wie stark man sein will", so Knobloch. Die 88-jährige schilderte ihre Erfahrungen und Erinnerungen aus der Kindheit unter der nationalsozialistischen Diktatur.

Der Kampf gegen Antisemtismus sei eine "Sisyphusarbeit". Zugleich mahnte die ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland eindringlich: "Wo Antisemitismus Platz hat, kann jede Form von Hass um sich greifen". Sie wisse, dass Deutschland viel leiste, damit jüdische Menschen sicher und nie wieder allein seien. Ausdrücklich formulierte sie die Bitte an das Plenum: "Ich bitte Sie, passen Sie auf auf unser Land".

Charlotte Knobloch ist seit 1985 Präsidentin der der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und war von 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland. 1932 geboren, gehört sie zur Generation der Holocaust-Überlebenden, die noch als Zeitzeugen von den Schreckenstaten der Nationalsozialisten berichten können. 

Das Gedenken weitertragen

Die zweite Gedenkrede hielt Marina Weisband. Die jüdische Publizistin wurde 1987 in Kiew geboren und kam Mitte der Neunzigerjahre im Rahmen der Regelungen für Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Weisband sprach damit als Vertreterin der dritten Generation nach der Shoah. Sie betonte, ihre Generation müssen einen Weg finden, das Gedenken weiterzutragen, ohne "uns selbst zu einem lebendigen Mahnmal zu reduzieren". 

Seit sie in Deutschland lebe habe sie gelernt, dass Teil einer Minderheit zu sein immer auch bedeute, alle zu repräsentieren, aber auch von allen repräsentiert zu werden. Sie stellte klar, dass Antisemitismus nicht erst dann beginne, wenn auf eine Synagoge geschossen werde, sondern mit "Verschwörungserzählungen und Tiraden über eine angebliche jüdische Opferrolle".

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Video Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

#WeRemember: Die Staatsministerin für Kultur und Medien bietet eine Übersicht über ausgewählte digitale Angebote zum Holocaust-Gedenktag.

Feierliche Fertigstellung der Sulzbacher Torarolle

Zum Abschluss der Gedenkstunde wurde ein Film über die Sulzbacher Torarolle gezeigt, die ein bedeutsames Stück jüdischer Geschichte in Deutschland weit vor der Zeit des Nationalsozialismus darstellt. Der Film leitete gleichzeitig zur anschließenden Zeremonie im Andachtsraum des Bundestages über, in der die Wiederherstellung der Torarolle aus dem Jahr 1793 vollendet wurde. An dieser Zeremonie nahmen neben dem Bundespräsidenten auch Bundeskanzlerin Merkel und die Repräsentanten der anderen Verfassungsorgane teil. 

Die Wiederherstellung der Sulzbacher Torarolle wurde mit Mitteln des Bundes gefördert. "Bücher, Akten und Urkunden in den Bibliotheken und Archiven unseres Landes bilden das nationale Gedächtnis und sind eine wesentliche Grundlage unserer Erinnerungskultur. Deshalb ist die Erhaltung des schriftlichen Kulturgutes von großer kulturpolitischer Bedeutung", so Kulturstaatsministerin Grütters. Sie betonte, dass als die Sulzbacher Torarolle im Jahre 2014 bei der Wiederentdeckung in einem sehr schlechten Zustand gewesen sei. Die Gemeinde sei sehr gerne und aus Überzeugung bei der Restaurierung durch Förderung aus dem Bundeskulturetat unterstützt worden.

Jüdische Geschichte digital kennenlernen

Die Sulzbacher Torarolle ist Teil der Ausstellung Shared History,die im Bundestag auf Glastafeln präsentiert wird, aber auch als digitales Projekt konzipiert ist. Die Exponate zeigen, welche Erfahrungen jüdische Menschen im Laufe ihrer nunmehr 1.700 jährigen Geschichte in Deutschland gemacht haben. Erarbeitet wurde die Ausstellung vom Leo Baeck Institut im Auftrag des Deutschen Bundestages.

1996 wurde der 27. Januar vom damaligen Bundespräsident Roman Herzog als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus eingeführt. Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit. Dort waren etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet worden. Seit 1996 findet jährlich eine Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag statt. 2005 erklärten die Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Tag zum Gedenken an die Opfer des Holocausts.