Zivile Krisenprävention

Von Wirkungen und Nebenwirkungen

Prävention statt Bearbeitung von bereits ausgebrochenen Gewaltkonflikten – dieser Leitgedanke liegt der zivilen Krisenprävention zugrunde. Seit Mai 2004 wird zivile Krisenprävention von der Bundesregierung im Rahmen des Aktionsplans „Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung“ als ressortübergreifende Aufgabe wahrgenommen.

Junge afghanische Männer werden in einem Bildungsprojekt der GIZ geschult.

Alternative für die Zukunft: Erwachsenenbildung in Afghanistan

Foto: Bettina Taraki/DED

Kolumbien, Sudan, Afghanistan oder Sri Lanka – die deutsche Entwicklungszusammenarbeit (EZ) ist in vielen Ländern tätig, in denen gewaltsame Konflikte existieren. Es sind Regionen, in denen die Entwicklung von Gesellschaften und Staaten durch gegenseitiges Misstrauen und Hass verloren zu gehen scheint.

Kann in einem solchen Kontext überhaupt von externen Akteuren Entwicklung gefördert werden? Und wie kann festgestellt werden, wann Entwicklungszusammenarbeit einen sinnvollen Beitrag leisten kann und wann ihr die Hände gebunden sind?

Bearbeitung und Auswertung von Wahlunterlagen unter Beteiligung von Frauen

Demokratische Strukturen schaffen: Wahlbeobachtung in Afghanistan

Foto: ZIF

Konflikte sind ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Sie können sowohl positive wie negative Auswirkungen haben. Friedlich ausgetragen, können sie gesellschaftlichen Fortschritt initiieren, während sie gewaltsam geführt Sicherheit und Wohlergehen der Menschen gefährden.

Gewaltsame Konflikte verhindern gesellschaftliche Entwicklung. Sie führen zu menschlichem Leid, zerstören Gemeinschaften und Infrastruktur und behindern damit die sozio-ökonomische Entwicklung. Für die Entwicklungspolitik ist es deshalb entscheidend, die Fähigkeit der Gesellschaften zu stärken, auf konstruktive und friedliche Weise mit ihren Konflikten umzugehen.

Konfliktsensibilität in der Praxis

Gewaltsame Konflikte erfordern von den Entwicklungsorganisationen eine besondere Sensibilität für die möglichen Auswirkungen ihrer Arbeit. Die konfliktsensible Gestaltung der entwicklungspolitischen Praxis wird als „Do No Harm“-Prinzip bezeichnet: „Keinen Schaden anrichten“ bedeutet, dass unbeabsichtigte Folgen, die den Konflikt verschärfen, erkannt, vermieden und abgefedert sowie friedensfördernde Maßnahmen verstärkt werden sollen.

Wie aber kann konfliktsensible Entwicklungszusammenarbeit in der Praxis umgesetzt werden und welchen Einfluss kann sie auf Konflikte haben?

Seit mehr als 40 Jahren wird in Kolumbien ein bewaffneter Konflikt zwischen staatlichen Akteuren, paramilitärischen Einheiten und verschiedenen Guerillagruppen ausgetragen. Es handelt sich um eine komplexe Konfliktsituation.  

Sie ist geprägt von Verletzungen der Menschenrechte, Drogenhandel, mangelnder Rechtsdurchsetzung, Korruption, Alltagskriminalität, sozialer Ungerechtigkeit, Armut sowie der mangelnden Präsenz staatlicher Strukturen. In Kolumbien existieren jedoch auch zahlreiche lokale und regionale Friedensinitiativen der Zivilgesellschaft und von staatlichen Akteuren.

Jugendliche in Friedensprogramme einbinden

Das Programm Cercapaz arbeitet dort viel mit kolumbianischen Jugendlichen. Sie sollen dazu befähigt werden, sich mehr in politische Entscheidungsprozesse einzubringen. Es wurde zunächst überwiegend mit Jugendgruppen gearbeitet, die bereits im Friedens- und Entwicklungsprogramm der kolumbianischen Regierung und der Europäischen Union engagiert sind.

Durch regelmäßige Reflexionsrunden wurde deutlich, dass andere Jugendgruppen dadurch den Eindruck gewannen, deutsche EZ arbeite nur mit den ohnehin privilegierten Jugendlichen zusammen. Sie fühlten sich durch das Programm diskriminiert und marginalisiert. Diese Wahrnehmung in bestimmten regierungskritischen Jugendgruppen stärkte das Misstrauen in das Friedensprogramm und wirkte damit konfliktverschärfend. 

Das Projektteam entschied daher, stärker mit Gruppen zusammenzuarbeiten, die noch nicht in die Friedens- und Entwicklungsprogramme der kolumbianischen Regierung eingebunden waren. Auch deshalb, weil sie sich selbst als eher „vernachlässigte“ Jugendgruppen sahen. So konnte ein Dialog ins Leben gerufen werden, der ermöglichte, Vorurteile abzubauen und Kooperation möglich zu machen.

Konfliktsensibilität bedeutet folglich nicht, dass die EZ in gewaltsamen Konflikten darauf verzichten muss, gesellschaftliche Veränderungen zu unterstützen. Sie erfordert vielmehr eine ständige Reflexion über die Zusammenhänge zwischen den eigenen Maßnahmen und den Dynamiken des Konflikts. Und, wenn nötig, erfordert sie eine Anpassung der Projekte.

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