„Jedes Kind kann von Mobbing betroffen sein“

„Zeichen gegen Mobbing e. V.“ „Jedes Kind kann von Mobbing betroffen sein“

Gewalt, Ausgrenzung, Übergriffe im Netz: Mobbing hat viele Gesichter. Etwa jeder sechste 15-Jährige ist betroffen. Der Verein „Zeichen gegen Mobbing“ will Kinder und Jugendliche stärken. Etwa 150 junge Ehrenamtliche führen dazu Workshops in Schulen durch und suchen das Gespräch – mit Schulklassen, Eltern und Lehrkräften. Vereinsgründer Marek Fink über die Arbeit des Vereins und die Folgen von Mobbing.

Marek Fink, Gründer „Zeichen gegen Mobbing e.V.“

Hat in jungen Jahren selbst Erfahrung mit Mobbing gemacht: Gründer von „Zeichen gegen Mobbing e. V.“, Marek Fink.

Foto: Bundesregierung/Hofmann

Der 25-Jährige Marek Fink hat “Zeichen gegen Mobbing e. V.“ 2017 gegründet. Der Verein engagiert sich insbesondere gegen Mobbing unter Kindern und Jugendlichen. Etwa 150  Ehrenamtliche, sogenannte „Social Visionarys“, organisieren Workshops an Schulen in ganz Deutschland. Dabei arbeiten die jungen Freiwilligen auf Augenhöhe mit Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern zusammen.

Wofür steht „Zeichen gegen Mobbing e. V.“ konkret?
Marek Fink: Zum einen unterstützen wir Schülerinnen und Schüler, die Hilfe brauchen und diese Hilfe von uns wünschen. Zum anderen bieten wir Präventionsprojekte an Schulen an, um Mobbing-Situationen erst gar nicht entstehen zu lassen. Dabei gehen wir in vier Schritten vor: Zunächst machen wir eine Umfrage, um die Situation der Schülerinnen und Schüler besser kennenzulernen und auf ihre Bedürfnisse eingehen zu können. Im zweiten Schritt ziehen wir die Lehrkraft hinzu, die uns ihren Blick auf die Klasse schildert. Danach wird ein Workshop durchgeführt, der individuell auf die Situation der Klasse eingeht und die Ergebnisse der Datenerhebung berücksichtigt. Diese Workshops sind dazu da, Impulse zu setzen für ein besseres Miteinander. Wir geben dabei keine Lösungen vor. Sondern wir vermitteln den Jugendlichen das Werkzeug, um selbst Ansätze für ein auf demokratischen Werten basiertes Miteinander zu entwickeln.

In einem vierten Schritt beziehen wir in einer zusätzlichen Veranstaltung die Eltern ein. Diese werden dadurch für das Thema sensibilisiert. Und den Schülerinnen und Schüler wird deutlich, dass sie sich auch bei Erwachsenen Hilfe holen können, wenn sie diese benötigen.

Über Mobbing zu sprechen fällt den meisten Betroffenen sicher schwer. Wie lässt sich das Vertrauen der Kinder und Jugendlichen gewinnen?

Mark Fink: Unser Team besteht aus jungen, ehrenamtlichen „Social Visionarys“ zwischen 16 und 28 Jahren. Das Alter ist ein wesentlicher Aspekt, um das das Vertrauen der Schülerinnen und Schüler gewinnen zu können. Wir sind nah an den Jugendlichen dran, bekommen aktuelle Trends mit und können spontan reagieren. Entscheidend ist zudem, dass wir mit einer rein helfenden Absicht in die Klasse gehen. Wir haben nicht das Ziel, irgendjemand zu sanktionieren oder bloßzustellen. Es ist uns wichtig, dass es den Schülerinnen und Schülern gut geht. Und wir gemeinsam überlegen, was dafür zu tun ist. Die Jugendlichen merken schnell, dass wir das Fachwissen haben und dass es unsere Leidenschaft ist, gegen Mobbing vorzugehen. Das alles führt dazu, dass sich die meisten Schülerinnen und Schüler uns gegenüber öffnen.

Wie greifen Sie ein, wenn es zu einer Mobbing-Situation gekommen ist?

Marek Fink: Bei Interventionen orientieren wir uns an dem “No Blame Approach“. Zunächst gib es ein Gespräch mit allen an der Situation Beteiligten. Danach wird eine sogenannte Unterstützungsgruppe gebildet. Dazu gehören diejenigen Schülerinnen und Schüler, mit denen sich das betroffene Kind gut versteht. Aber auch die, mit denen dies nicht der Fall ist. Dieser Gruppe wird die komplette Verantwortung dafür übertragen, Lösungen zu entwickeln, durch die es dem betroffenen Kind wieder besser geht. Durch dieses Vorgehen entsteht eine neue Gruppendynamik, die die Mobbing-Situation kurzfristig durchbricht und zumeist nachhaltig beendet. Dieses “No Blame Approach“-Verfahren ist deutschlandweit evaluiert und hat eine Erfolgsquote von 90 Prozent.

Wichtig ist, dass es hierbei keine Einteilung in Opfer und Täterinnen und Täter gibt. Sondern wir sprechen die Schülerinnen und Schüler als Expertinnen und Experten an. Ziel ist, dass sie ihre Fähigkeiten und Kenntnisse aus dem Alltag nutzen, ein Umfeld für das betroffene Kind zu schaffen, indem es sich wohlfühlt. Durch dieses Verfahren muss niemand befürchten, sein Gesicht zu verlieren.
              
Was sind die Folgen von Mobbing?

Marek Fink: Oft ist bei dem Betroffenen zunächst ein geringeres Selbstwertgefühl festzustellen. Wenn man mir zum Beispiel jeden Tag sagt: „Du bist blöd, weil Du fett bist“, dann glaube ich das irgendwann selbst. Vor allem weil ich ja nicht das Gegenteil höre. Und dies führt dazu, dass ich mich weniger wert fühle, weniger Selbstbewusstsein habe und ich einsam und traurig bin. Je länger die Mobbing-Situation anhält, desto nachhaltiger sind auch die Folgen: bis hin zu Depressionen, Suizidgedanken oder Suizidversuchen. Und auch wenn das eigentliche Mobbing endet, ist die Situation nicht sofort gelöst. Wer jahrelangem Mobbing ausgesetzt ist, muss meistens lange daran arbeiten, bis es ihm wieder besser geht.

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Zeichen gegen Mobbing e.V. – Video Kampf gegen Mobbing – für die Demokratie

Was ist die Motivation der Mitglieder von „Zeichen gegen Mobbing e. V.“

Marek Fink:
Wir haben mittlerweile ein Team von etwa 150 Ehrenamtlichen, die jeden Tag dafür einstehen, Mobbing-Situationen zu verbessern. Die Motivation ist teilweise sicher sehr unterschiedlich. Fast zwei Drittel unserer Mitglieder haben eigene Mobbing-Erfahrungen gemacht. Sie wissen also selbst aus eigenem Erleben, was Mobbing bedeutet. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass wir innerhalb des Teams zeigen wollen, dass jede und jeder Einzelne(r) einen wertvollen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten und diese mitgestalten kann.

Es geht auch darum, sich selbst weiterzuentwickeln. Wir hatten zum Beispiel ein Mitglied, das unbedingt die Ausbildung zum „Social Visionary“ machen wollte. Die junge Frau hatte aber Angst, vor einer größeren Gruppe Jugendlicher zu sprechen. Dennoch hat sie die Ausbildung angefangen. Und als dann der erste Workshop kam, hat sie sich getraut, sich vor der Gruppe zu präsentieren. Das Ergebnis war überwältigend: Die Atmosphäre war so gut, dass die Jugendlichen zwischendurch und am Ende des Vortrags immer wieder rhythmisch zum Song „We will rock you“ geklatscht haben. Heute übernimmt die junge Frau eine große Verantwortung innerhalb unseres Social Media-Teams. Und sie hat überhaupt keine Probleme mehr, vor einer Gruppe aufzutreten.  

Außerdem zeichnet unser Team sicher der Spaß aus, den wir alle an unserer Aufgabe und gemeinsam miteinander haben. Wir könnten uns ja auch schlecht für ein besseres Miteinander einsetzen, wenn wir selbst kein gutes Team wären. Unser Netzwerk erleben wir praktisch als zweite Familie.

Führt die Corona-Pandemie nach Ihrer Einschätzung zu mehr Mobbing?

Marek Fink
: Absolut. Wir haben seit Beginn der Pandemie so viele Hilfsanfragen wie niemals zuvor. Wir glauben, dass das einerseits daran liegt, dass viele andere Beratungs- oder Anlaufstellen nicht in vollem Umfang erreichbar waren. Andererseits gibt es aber auch faktisch einen Anstieg von Mobbing-Fällen, gerade im Bereich Cyber-Mobbing. Dies ist besonders drastisch, weil man Übergriffen im Netz rund um die Uhr ausgesetzt ist. Und die Betroffenen keine Chance haben, sich diesen einmal zeitlich zu entziehen. Durch die Rückkehr zum Präsenzunterricht erleben wir jetzt, dass die Mobbing-Situationen aus dem Internet auf den Schulhof erweitert werden.

Wie wichtig ist die Rolle der Eltern?

Marek Fink: Ich finde es wichtig, dass Eltern das Bewusstsein dafür haben, dass jedes Kind von Mobbing betroffen sein kann. Es gibt nicht das klassische Mobbing-Opfer. Wirklich alle können in diese schwierige Situation geraten. Die Eltern sollten aus ihrer Rolle heraus die Verantwortung annehmen, Signale wahrzunehmen und mit ihrem Kind darüber zu sprechen. Nichts ist schlimmer, als wenn ein verändertes Verhalten des Kindes wie beispielsweise Traurigkeit oder Zurückziehen zwar wahrgenommen, aber einfach hingenommen wird. Dabei ist es entscheidend, dass Eltern ihrer Rolle gerecht werden und an einer Lösung der Situation mit ihrem Kind arbeiten. Den Eltern kommt auch eine so hohe Bedeutung zu, weil sie ihr Kind in der Regel viel intensiver und näher erleben als beispielsweise die Lehrkräfte in den Schulen, die sich ja auf eine ganze Klasse konzentrieren müssen. Natürlich sind sie damit aber nicht allein und können Hilfsangebote wie jene unseres Vereins hinzuziehen.