1. November 1989 - Auf dem Weg zur Deutschen Einheit

Wahrheit über Verschmutzung der Umwelt

1. November 1989: In der Nacht fällt in Halle ein Kesselwagen mit giftigem Chlor um. Erstmals berichtet das DDR-Fernsehen über eine Umweltverschmutzung. Bisher duften die Medien nichts über verseuchte Seen, ungesicherte Deponien oder Smog melden.

Blick auf einen verschmutzen Zufluss (mit Sessel) des Silbersees.

Umweltverschmutzung kein Tabu mehr

Foto: Robert-Havemann-Gesellschaft/Andreas Kämper

Verschlusssache Umweltverschmutzung

Zu groß ist inzwischen der Druck der Bevölkerung, endlich die Wahrheit über die Umweltverschmutzung zu erfahren. Zwei Tage zuvor hat sich der Leipziger Oberbürgermeister bereit erklärt, die Luftmessdaten für die Region Leipzig zu veröffentlichen.

1968 hat die DDR den Umweltschutz als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen. Doch die Realität sieht anders aus. Umweltpolitik in der DDR ist vor allem eines: Vertuschung. 1982 erklärt der Ministerrat Umweltdaten weitgehend zur Verschlusssache. Umweltverschmutzung gilt im "real existierenden Sozialismus" als "systemfremd". Verursacher, so das SED-Regime, sei "der Kapitalismus".

Die DDR führt jedoch den Negativ-Rekord in Europa an, was Schadstoffe in der Luft betrifft. Als schmutzigster und meistvergifteter Fluss des Kontinents gilt die östliche Elbe samt ihrer Nebenflüsse.

Giftige Luft

1989 stößt die DDR 2,2 Millionen Tonnen Staub und 5,2 Millionen Tonnen Schwefeldioxid aus. Zum Vergleich: Die größere Bundesrepublik emittiert im gleichen Jahr nur noch 878.000 Tonnen Schwefeldioxid.

In den Industrieregionen der DDR atmen die Menschen Schadstoffe in gesundheitsgefährdender Konzentration ein. Fast jedes zweite Kind leidet dort an Atemwegserkrankungen, jedes dritte hat Ekzeme.

Verseuchte Flüsse

Die Elbe und ihre Nebenflüsse verkommen zur Industriekloake. Der Fluss nimmt jährlich rund 23 Tonnen Quecksilber, 380 Tonnen Kupfer, 120 Tonnen Blei, 2.000 Tonnen Zink und 3,5 Millionen Tonnen Chlorid auf.

1989 ist das Rohrleitungssystem zur Versorgung mit Trinkwasser völlig marode. Fast die Hälfte aller Ostdeutschen wird mit Trinkwasser versorgt, das verunreinigt ist.

Energieverschwendung

Beim Verbrauch von Primärenergie hat die DDR eine fragwürdige internationale Führungsposition: Um die gleiche Menge Strom herzustellen wie der europäische Durchschnitt, wendet der SED-Staat 50 Prozent mehr Rohstoffe auf. Die Braunkohlekraftwerke haben einen Wirkungsgrad von 20 Prozent. 80 Prozent der Energie bleiben beim Verfeuern der Braunkohle ungenutzt.

Die dramatische Umweltzerstörung sind ein zentrales Motiv der Opposition in der DDR. In den achtziger Jahren machen vor allem kirchliche Gruppen auf das Thema aufmerksam. Im Herbst 1989 fordern auch die Bürgerrechtsgruppen wie "Demokratie jetzt" oder der "Demokratische Aufbruch" die ökologische Umgestaltung der Gesellschaft. Die Umweltbewegung wird zu einer tragenden Säule der Friedlichen Revolution.

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