15. Januar 1990 - Auf dem Weg zur Deutschen Einheit

Stasi-Besetzung in Berlin

15. Januar 1990: Demonstranten nehmen in der Normannenstraße die Berliner Zentrale des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit in Besitz. Der Höhepunkt einer ganzen Serie von Besetzungen ist der erste Schritt zur Aufarbeitung der Vergangenheit.

Demonstranten stürmen die Stasizentrale am 15.01.1990 in Berlin

Kampf um die Wahrheit

Foto: Robert-Havemann-Gesellschaft/Rolf Walter

Beweise vor der Vernichtung retten

Es ist ein atemloser Wettlauf gegen die Zeit: Seit Wochen und Monaten rattern Reißwölfe in der ganzen DDR. Fleißige Hände füttern sie mit Akten, Bildern, Dokumenten, während auf den Straßen die Demonstranten stehen. Die Wahrheit soll im Schredder sterben, getilgt aus der Geschichte. Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit persönlich, hatte bereits am 6. November 1989 befohlen, die Archive gezielt zu säubern.

Mit bloßen Händen gehen die Stasi-Mitarbeiter zu Werke, als mancher Reißwolf versagt. Während die SED am Runden Tisch noch ihren alten Geheimdienst schützt, enden tausende Tonnen Wahrheit in Fetzen. Doch das Volk schaut nicht länger zu: Bis "die Partei" widerstrebend der Auflösung aller Nachrichtendienste zustimmt, haben die Bürger die Dinge längst selbst in die Hand genommen. Erfurt und Rathenow stehen am Beginn einer regelrechten Welle von Gebäude-Besetzungen. Leipzig, Rostock und weitere Bezirksstädte folgen.

Stasi vernichtet ihr Spitzelwissen

Teils erreicht schon eine Handvoll Bürgervertreter die geordnete Übergabe ganzer Liegenschaften, teils übt die Staatssicherheit noch manche List. Sie nennt sich nunmehr "Amt für nationale Sicherheit" und nutzt manche politische Panne. So erhält beispielsweise die ehemalige "Hauptverwaltung Aufklärung" die Erlaubnis, sich "selbst aufzulösen" – einschließlich ihrer Aktenbestände. Auch Dateien auf Magnetbändern werden systematisch zerstört, geschichtliches Wissen geht verloren.

Es ist einer der heikelsten Momente der Friedlichen Revolution, der Kampf um die Erkenntnis. Einige wollen Aufarbeitung, die anderen fordern einen "Schlussstrich". Im Gewirr einiger Besetzungen geschieht beides – Akten werden aufgefunden oder verschwinden für immer.

Demonstranten retten Akten

Das Neue Forum ruft für den 15. Januar 1990 zu einer Demonstration vor dem Stasi-Hauptquartier in Berlin-Lichtenberg auf.

Tausende versammeln sich. Als die Menge am Nachmittag einzelne Menschen zu erdrücken droht, öffnen sich die Tore. Die Männer und Frauen gelangen in verschiedene Gebäude und retteten Tausende zerrissener Akten.

"Wir hatten das Gefühl, nun muss endlich in Berlin, der Hauptstadt, was passieren", sagt Hannelore Köhler, die damals dabei war.

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