Fake News keine Chance geben

#journalistenschule Fake News keine Chance geben

Viele junge Leute informieren sich auf Social Media und im Netz. Doch angesichts der Flut von Posts, Storys und Kommentaren fällt es mitunter schwer, den Überblick zu behalten: Was ist die Quelle einer Nachricht? Wie lässt sich eine Fake News erkennen? Wie funktioniert eigentlich professioneller Journalismus? Mit diesen Fragen beschäftigt sich ein Projekt der Deutschen Journalistenschule.                              

Ein fiktives Plakat gegen Fake News

Fake News keine Chance geben: Das Projekt #Journalistenschule klärt junge Menschen über Falschnachrichten, seriöse Quellen und nachrichtlichen Journalismus auf.

Foto: imago images/Future Image/C.Hardt

Um „Fake News“ und „Lügenpresse“-Rufen etwas entgegenzusetzen, entstand 2018 an der Deutschen Journalistenschule (DJS) München das Projekt “#journalistenschule“. Seither gehen Journalistinnen und Journalisten an Schulen in ganz Deutschland, um zu erklären, wie sie arbeiten und was Journalismus für die Demokratie bedeutet. Zwei von ihnen sind Gabriele Knetsch und Matthias Zuber. Mit ihren Workshops an den Schulen wollen sie die Medienkompetenz stärken und Vertrauen schaffen, aber auch zuhören und Fragen beantworten.

Gabriele Knetsch berichtet gerne allgemeinverständlich über wissenschaftliche Themen – und sucht nach der Geschichte dahinter. Die promovierte Romanistin absolvierte die Deutsche Journalistenschule und arbeitet als freie Hörfunkjournalistin für den Bayerischen Rundfunk und für die ARD. Ein Stipendium von der Robert-Bosch-Stiftung und Media Lab Bayern ermöglichte ihr 2020 die Entwicklung eines Wissenschaftspodcasts für Jugendliche, „Die Wissenschaftsreporter“, der am 1.12.2020 an den Start ging.

Matthias Zuber ist ebenfalls Absolvent der DJS. Er arbeitet als freier Autor für Print, Radio und Fernsehen. Aktuell ist er Redaktionsleiter von „Der Fall“ bei FUNK (YouTube). Sein Dokumentarfilm „Deutsche Seelen -Leben nach der Colonia Dignidad“ lief auf internationalen Festivals und in deutschen Kinos. Mit Hildegard Knef überquerte er als Co-Autor den Atlantik für den Dokumentarfilm „A Woman and a Half“. An der DJS unterrichtet er Videojournalismus und Mobile Reporting.

Warum engagieren Sie sich bei dem Projekt “#journalistenschule“?
Gabriele Knetsch: Mir ist es ein Anliegen, dass junge Leute begreifen, was sind überhaupt Fake News? Sie sollen erkennen, was eine seriöse, zuverlässige Quelle ist, der ich trauen kann. Oder handelt es sich um eine Information, über die ich nochmal nachdenken oder sie kritisch hinterfragen muss?

Ich hatte mal einen Workshop, in dem junge Leute inhaltlich nicht unterscheiden konnten, was der Unterschied beispielsweise zwischen dem Social Media-Auftritt eines Schuhherstellers und der „Tagesschau“ ist. Das eine ist mitunter gut gemachte, aber sehr offensive und einseitige Werbung. Das andere ist seriöser Journalismus, der recherchiert, seine Quellen offenlegt und jeweils zwei Seiten anhört. Nach meinen Workshops sollen die jungen Leute diese Unterschiede auf jeden Fall benennen können.

Matthias Zuber: Ich habe auch schon mehrere Workshops an Schulen gegeben wie meine Kollegin. Es macht mir große Freude und ich finde die Diskussion mit den jungen Leuten auch inhaltlich sehr spannend. Gerade wenn man beobachtet, wie in der Gruppe das Meinungsbild entsteht, und wie die Gespräche unter den Jugendlichen selbst verlaufen.       
 
Wie ist denn das Feedback auf die Workshops?
Gabriele Knetsch: Die Jugendlichen sind oft überrascht! Selbst Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe wissen oft nicht: Wie genau recherchieren Journalisten? Was für Fehler passieren da? Und wie findet man die richtigen, zuverlässigen Quellen? Aber auch die Lehrkräfte sind immer dankbar, wenn ich einen Workshop an einer Schule gegeben habe. Wie sie mir erzählen, lernen sie selbst oft noch dazu, wenn es um das Erkennen von Fake News oder die Arbeitsweise von Journalisten geht.

Ist die Diskussion um Fake News eigentlich ein neues Phänomen?  
Mattias Zuber: Überhaupt nicht! Schon vor hunderten von Jahren gab es den bewussten Einsatz von Falschmeldungen. Um 1700 beispielsweise verbreitete eine amerikanische Zeitung Fake News über den französischen König, der angeblich seine gesamte Verwandtschaft vergewaltigen würde. Ziel dieser Meldung war es, die Royalisten schlecht aussehen zu lassen. Fake News sind also keine Erscheinung unserer Epoche.

Es gab schon immer Menschen, die Nachrichten erfinden oder benutzen, um andere zu diskreditieren. Im Moment erleben wir aber eine Häufung von Fake News, oft verbunden mit dem Ziel, unser demokratisches System zu destabilisieren. Ich würde aber nicht von einer grundsätzlichen Krise sprechen. Aber es gibt Leute, die an der Demokratie kratzen.        

Warum halten Sie die Workshops für notwendig?
Matthias Zuber: Die Workshops sind wichtig, um den jungen Leuten deutlich zu machen, wie die Medien arbeiten, welchen Stellenwert hat Transparenz bei der Berichterstattung – und dass wir ganz einfach von unserem Alltag als Journalisten erzählen.

Allerdings stelle ich schon fest, dass sich die junge Generation sehr selbstbewusst und auch kritisch mit den Medien auseinandersetzt. Die jungen Leute sind auch selbst in der Lage, clevere und gut gemachte Inhalte auf ihren Kanälen zu verbreiten.       

Frau Knetsch, zusätzlich zu Ihren Workshops geben Sie auch einen eigenen Podcast heraus. Um was genau handelt es sich?
Gabriele Knetsch: Mein Podcast ist im Prinzip aus dieser Workshop-Arbeit hervorgegangen. Hinzu kam, dass in der Pandemie der Schwerpunkt auf dem Digitalen lag. Es ist ein Wissenschafts-Podcast, er heißt “Die Wissenschafts-Reporter“, umgesetzt von Schülerinnen und Schülern ab 16, deutschlandweit. Sie stellen sich selbst eine Frage, beispielsweise „Wie ist die Ökobilanz der Hafermilch?“

Dazu wird dann recherchiert, es werden Interviews mit Experten geführt oder in der Folge mit der Hafermilch zum Beispiel auch bei einer Bäuerin nachgefragt, wie viel eine Kuh frisst und wie viel Stickstoff sie ausscheidet. Anschließend wird das Ergebnis der Recherchen gemeinsam diskutiert. Wichtig ist vor allem, dass die Jugendlichen nicht nur rezipieren. Sondern dass sie Informationen einordnen und bewerten können.

Junge Leute sind auf digitalen Plattformen sehr aktiv. Brauchen sie dennoch aus Ihrer Sicht eine Anleitung?
Gabriele Knetsch: Tatsächlich sind die jungen Leute mehr auf Social Media unterwegs als wir. TikTok ist beispielsweise eine Plattform, die meine Generation weniger nutzt. Ich halte es aber für wichtig, dass auch auf diesen jungen Plattformen Qualitätsjournalismus zu finden sein sollte. Sonst erreichen wir die Jugendlichen nicht mehr mit gut recherchierten Nachrichten und seriösem Journalismus. Es sollte für uns Journalisten selbstverständlich sein, die jungen Leute auch mit ihren Themen anzusprechen – und das funktioniert vor allem dann, wenn man die Kanäle bedient, die die jüngere Zielgruppe nutzt.

Viele Jugendliche fühlen sich von etablierten Medien kaum noch vertreten. Wie hoch ist beispielsweise der Altersdurchschnitt der Interviewpartner der „Tagesschau“ oder im „Heute-Journal“? Auch hier wäre es wichtig, stärker die Jugendlichen und ihre Perspektiven zu berücksichtigen. Mein Eindruck ist schon, dass sie ein sehr großes Interesse an qualitativ hochwertigem Journalismus, Nachrichten und Dokumentationen haben. In meinen Workshops wird auch deutlich, dass sie bereit sind, sich hier intensiver mit der Materie zu beschäftigen. Das macht mir für die Zukunft Hoffnung und freut mich sehr.

Matthias Zuber: Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen! Und was den Umgang von jungen Leuten mit Social Media angeht: Schon seit Platon werden neue Medien kritisiert. Als die Schrift erfunden wurde, hatten einige die Befürchtung, die Menschen würden ihr Gedächtnis verlieren, weil alles aufgeschrieben wird. In der Vergangenheit gab es immer wieder neue Möglichkeiten, Inhalte und Geschichten zu verbreiten.

Und Social Media ist aktuell nur ein weiteres Medium. Dort gibt es Plattformen, die gut gemachte Nachrichten liefern. Und solche, die eben nicht dem Anspruch von Qualitätsjournalismus genügen. Social Media ist also auf keinen Fall grundsätzlich Mist. Man sollte nur darüber Bescheid wissen, wie die Mechanismen dahinter, zum Beispiel die Algorithmen funktionieren.

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Video #Journalistenschule – Projekt gegen Fake News

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