Interview

Oberdorfer: Als der Hubschrauber abzog, hatten wir gesiegt

Am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, fand erstmals in Plauen eine Großdemonstration gegen das SED-Regime statt. Jeder der zu dieser Demonstration gegangen sei, habe gewusst, dass das riskant war, sagt Plauens Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer. Und es sei nur deshalb gut gegangen, weil so viele Menschen zur Demonstration gekommen seien.

Portrait Ralf Oberdorfer

Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer

Foto: REGIERUNGonline

15.000 Menschen gingen an diesem 7. Oktober in Plauen auf die Straße – im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr als zwei Tage später in Leipzig. Wie kam es dazu?

Oberdorfer: In den Wochen davor gab es ein Flugblatt, das ein Jörg Schneider geschrieben hatte. 250 Exemplare hat er mit seinen Freunden in Telefonzellen und Hauseingängen ausgelegt. Das war der Anlass. Die Ursachen waren vielseitig. Im Mai hatten Mitglieder der Markus-Kirchengemeinde die Kommunalwahl als Fälschung entlarvt. Und dann sind alle 14 Züge, die mit den Botschaftsflüchtlingen von Prag über die DDR geleitet wurden, über Plauen geführt worden. Das hat hier zu tumultartigen Szenen geführt. In der Nacht standen Hunderte von Leuten auf dem Bahnhof, die auch mitfahren wollten. Es gab Gerangel mit der Transportpolizei, es gab Verhaftungen.

Warum war gerade in Plauen die Unzufriedenheit so groß?

Oberdorfer: Wir hatten hier in Plauen eine andere Situation als beispielsweise in Chemnitz oder in Berlin, wo schon lange Wohnungsbauprogramme gelaufen waren. Durch die Grenznähe dieser Stadt hat hier letztlich eine Abstufung innerhalb der DDR stattgefunden. Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg zu 75 Prozent zerstört, und der Wiederaufbau hat sich schleppender hingezogen, als das vielleicht in anderen Städten der Fall war. Also, es gab eine ganze Menge von Gründen.

Sie waren damals selbst dabei

Oberdorfer: Ja. Ich bin hier 1960 als Kind einer geteilten Familie geboren worden. Mein Vater kam aus Süddeutschland. Ich habe also von Kindesbeinen an miterlebt, was es heißt, eine Familie in zwei deutschen Staaten geteilt zu haben. Mein Vater konnte nicht reisen, bis er Rentner wurde. Wir haben jedes Jahr Besuch aus dem Westen gehabt, wir haben uns durch den geteilten deutschen Staat als geteilte Familie gefühlt.

Stimmt es, dass die DDR-Staatsorgane die Demonstration nicht aufgelöst haben und es sogar eine Form von Dialog gab?

Oberdorfer: Ich denke, jeder der zu dieser Demonstration gegangen ist, wusste, dass das riskant war. Es gab keine Beispiele für erfolgreiche Demonstrationen im Sozialismus. Das war 1953 so beim Aufstand in Ost-Berlin, 1968 in Prag und im Mai 1989 in Peking. Durch die neuen Töne, die Gorbatschow in der damaligen Sowjetunion angeschlagen hatte, gab es eine bange Hoffnung, aber natürlich keine Sicherheit, dass das alles gut ausging. Und es ist auch nur deswegen gut ausgegangen, weil so viele Demonstranten zusammen gekommen sind.

Wussten Sie damals schon, dass die Staatsorgane eigentlich vorhatten, die Demonstration aufzulösen?

Oberdorfer: Man hatte die Bereitschaftspolizei vorbereitet, die stand in den Seitenstraßen. Der Staat hatte, wie wir heute wissen, mit einigen hundert Demonstranten gerechnet – und wäre damit wohl auch fertig geworden. Aber die Massen haben sich nicht provozieren lassen und blieben friedlich. Trotzdem hat die Staatsmacht ein Feuerwehrauto in die Demonstration hineinfahren lassen.

Wieso ein Feuerwehrauto?

Oberdorfer: Das hat mit dem Wasserwerfer die Demonstranten bespritzt. Da sind dann auch Steine und Flaschen an die Scheibe des Autos geflogen, daraufhin wurde das Feuerwehrauto wieder abgezogen. Nur die Menge hat letztlich sichergestellt, dass das Ganze friedlich ausgegangen ist.

Die Feuerwehr hat sich hinterher entschuldigt, wie man liest.

Oberdorfer: Ein Mann von der Freiwilligen Feuerwehr, Herr Kny, hat sich damals öffentlich entschuldigt und angegriffen, dass sich die Berufsfeuerwehr in dieser Weise eingebracht hat. Herr Kny bekommt in diesem Jahr übrigens den Sächsischen Verdienstorden.

Ein Name ist unbedingt zu nennen: Der damalige Superintendant Thomas Küttler. Er hat mit einem Megaphon ganz klar bekundet: Wir ziehen nicht ab, bevor wir die Zusage des Oberbürgermeisters haben, in einen Dialog einzutreten. Der Oberbürgermeister kam nicht aus dem Rathaus heraus, aber er hat zugesagt, sich in der nächsten Woche mit einer Abordnung zu treffen. Das war natürlich schon ein kleiner Sieg.

Wieso sagen Sie: „Ein kleiner Sieg“?

Oberdorfer: Maßgeblich dafür, dass wir Demonstranten diesen Tag als Sieg verzeichnet haben, war der Abzug des Hubschraubers. Sie müssen sich vorstellen, dass ein Hubschrauber über uns gekreist hat und wie in einem Sturzflug auf uns zugehalten hat. Das war sehr, sehr bedrohlich. Küttler hat dann gefordert, diesen Hubschrauber abzuziehen. Als das dann tatsächlich geschah, haben wir das natürlich mit großem Jubel und Gejohle als einen Sieg verbucht.

Wie ging’s weiter?

Oberdorfer: Wir haben klargemacht, dass unsere Forderungen auf Reformen, auf Veränderungen bleiben und dass wir nächste Woche wiederkommen. Damit war eingeleitet, dass bis zur Volkskammerwahl im darauffolgenden Jahr an jedem Samstag hier in Plauen demonstriert wurde – in der Spitze mit über 30.000 Teilnehmern.

Ralf Oberdorfer, Diplom-Ingenieur für Maschinenbau und Pädagogik, ist seit 2000 hauptamtlicher Oberbürgermeister der Stadt Plauen im sächsischen Vogtland. Zuvor war er fünf Jahre lang Vorsitzender der FDP-Fraktion im Plauener Stadtrat.

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