Deutsche Einheit

1. November 1989 - Auf dem Weg zur Deutschen Einheit

Krenz bittet Gorbatschow um Hilfe

1. November 1989: DDR-Staats- und Parteichef Egon Krenz stattet seinem sowjetischen Amtskollegen Michail Gorbatschow einen Antrittsbesuch ab. Krenz hofft auf Unterstützung – auch auf finanzielle. Doch Gorbatschow gibt ihm keinen Kredit.

"Die ganze Wahrheit aussprechen"

Krenz und Gorbatschow führen in Moskau ein langes Gespräch über die Lage in der DDR. Im Mittelpunkt: die prekäre finanzielle Lage, die zwei Tag zuvor DDR-Chefplaner Gerhard Schürer dem SED-Zentralkomitee dargelegt hat. Da sich aber auch die Sowjetunion in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation befindet, kann der Kreml-Chef seinem Gast nicht aus der Misere helfen. Gorbatschow macht Krenz das klar.

Stattdessen rät Gorbatschow, Krenz und die Führung der SED müssten "jetzt in allgemeiner Form einen Weg finden, um der Bevölkerung mitzuteilen, dass man in den letzten Jahren über seine Verhältnisse gelebt habe". "Dies könne Genossen Krenz persönlich jetzt noch nicht angelastet werden. Allmählich sei es jedoch notwendig, die ganze Wahrheit auszusprechen", heißt es in der Niederschrift, die sich später in den Unterlagen der SED findet.

"Keine Zeit verlieren"

Die beiden unterhalten sich auch über die Demonstrationen in der DDR, vor allem über die Kundgebung, die für den 4. November geplant ist. Gorbatschow gibt Krenz den Rat mit auf den Weg, keine Zeit zu verlieren. Das Protokoll zitiert den sowjetischen Parteichef so: "Antisozialistische und kriminelle Elemente seien die eine Seite. Aber insgesamt könne man das Volk nicht als Feind betrachten. Wenn es sich gegen die Politik auflehne, müsse man überlegen, was an der Politik zu ändern sei, damit sie den Interessen des Volkes und dem Sozialismus entspricht. Man dürfe den Zeitpunkt nicht verpassen, damit solche Bewegungen nicht auf die andere Seite der Barrikade geraten. Die Partei dürfe solchen Problemen nicht ausweichen, sie müsse mit diesen Kräften arbeiten. In der Sowjetunion tue man das jetzt, aber es sei bereits sehr spät."

Krenz wie Gorbatschow geht es zu diesem Zeitpunkt vor allem um eines: trotz aller Reformen und Zugeständnisse die führende Rolle der kommunistischen Parteien zu erhalten. Dazu will man sich an die Spitze der Bewegung stellen. SED-Chef Krenz sagt, es müsse verhindert werden, dass sich etwas Ähnliches entwickle wie die Solidarność in Polen. (Dieser Satz ist aus der Fassung der Niederschrift gestrichen, die die SED-Führung nach Krenz' Rückkehr dem Zentralkomitee übermittelt.) In Polen hat die unabhängige Gewerkschaftsbewegung Solidarność im Juni 1989 bereits Wahlen gewonnen.