27. November 1989

Kohl wirbt um die Franzosen

27. November 1989: In einem Brief an den französischen Staatschef beschreibt Bundeskanzler Helmut Kohl einen Zeitplan für den europäischen Einigungsprozess, von dem auch Deutschland profitieren soll. Der Brief ist der Auftakt für eine Vielzahl diplomatischer Kontakte.

Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Staatspräsident Francois Mitterand (r) beim EG-Gipfel in Straßburg am 09.12.1989.

189-11-27 Brief Kohl Mitterand

Foto: picture-alliance/Rolf Haid

Rege internationale Kontakte

"Sehr geehrter Herr Präsident, lieber François", beginnt Kohls Brief an den französischen Präsidenten François Mitterrand. Der Bundeskanzler übermittelt einen stattlichen Arbeitskalender für Europa: Gemeinsame Standpunkte zur Wirtschafts- und Währungsunion, Pläne für den Binnenmarkt. Und er lobt die Franzosen: Die europäische Einigung komme voran. Mit keinem Wort erwähnt Kohl die drängendste Frage dieser Tage: die deutsche Einheit. Und dennoch liegt in den geschäftsmäßigen Worten des Bundeskanzlers eine Werbung für seine Nation.

Die Worte des Bundeskanzlers setzen Zeichen: Trotz des Mauerfalls haben die Deutschen das große Ganze in Europa nicht aus den Augen verloren. Er wirbt beim französischen Präsidenten um Vertrauen, denn Kohl weiß, dass er ihn früher oder später als Verbündeten im Einigungsprozess braucht.

Mitterrand schreibt an Bush

Die Zeilen sind Auftakt für rege internationale Kontakte: Am selben Tag schreibt Mitterrand einen Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, George Bush sen. Wie könne man Ostdeutschland zu mehr Demokratie ermuntern, ohne das strategische Gleichgewicht zulasten der Sowjetunion zu berühren? "Jede unserer Regierungen ist sich der Rolle bewusst, welche die Europäische Gemeinschaft bei der Herausbildung eines neuen europäischen Gleichgewichts spielen kann und muss, sobald sie ihren eigenen Zusammenhalt verstärkt hat", schreibt Mitterrand. Die Botschaft ist klar: Bevor sich Europas Landkarte verändern kann, muss die Europäische Gemeinschaft stärker werden.

Doch diese zeitliche Reihenfolge ist nicht im Sinne der Deutschen. Kohl will, dass die beiden Prozesse – die deutsche und die europäische Einigung – parallel verlaufen können. Nur einen Tag später wird Helmut Kohl im Bundestag seinen Zehn-Punkte-Plan vorstellen. Das Ziel: Ein freies und geeintes Deutschland in einem freien und geeinten Europa.

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