Deutsche Einheit

7. Oktober 1989 - Auf dem Weg zur Deutschen Einheit

Jubel und Prügel zum DDR-Jubiläum

7. Oktober 1989: Die DDR wird 40. Beim Festempfang zeigt sich der SED-Staat von seiner besten Seite, auf den Straßen Ostberlins zeigt er sein wahres Gesicht: Prügel und Verhaftungen gegen Demonstranten. Machtlos ist die Staatsmacht dagegen in Plauen.

Soldaten der Nationalen Volksarmee marschieren während der Militärparade am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin, mit der die Führung der DDR die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik vor 40 Jahren feiert.

40 Jahrestag der DDR

Foto: picture-alliance/dpa

Demonstration gegen das Regime

Am 40. Jahrestag der DDR soll eine Militärparade noch einmal die Stärke des Sozialismus beweisen. Doch viele Menschen wollen dem bestellten Jubel etwas entgegensetzen.

Sie sammeln sich auf dem Berliner Alexanderplatz, um auch an diesem Tag gegen die gefälschten Kommunalwahl vom 7. Mai 1989 zu protestieren. Binnen kürzester Zeit schließen sich mehrere tausend Menschen an. Es gelingt ihnen, in die Nähe des "Palastes der Republik" zu kommen. "Wir sind das Volk!" und "Gorbi, hilf!", rufen sie.

Nach etwa einer Stunde setzt sich der Demonstrationszug in Richtung Gethsemanekirche in Bewegung. In dieser Kirche am Prenzlauer Berg halten Menschen seit einigen Tagen eine Mahnwache für die Inhaftierten in Leipzig. Die Polizei errichtet Sperren, Anti-Terror-Einheiten der Stasi prügeln mit Knüppeln auf Demonstranten ein.

Die Bürgerrechtler hätten das DDR-Jubiläum ganz bewusst für ihre Demonstrationen genutzt, sagt der Bürgerrechtler Arnold Vaatz heute. Sie seien sich sicher gewesen, dass es im "Windschatten" des DDR-Jubiläums wahrscheinlich nicht zur Gewalttaten kommen würde. Diese Tage wollten sie nutzen, "um aus der Präsenz auf der Straße eine permanente Angelegenheit zu machen".

Über 1.000 Verhaftete

Bis in die späte Nacht dauert die Jagd an. Polizei und Stasi setzen Wasserwerfer, Reizgas und Schlagringe ein, verschaffen sich brutal Zugang zu Wohnungen, in denen sie geflüchtete Demonstranten vermuten. Am 8. Oktober, einem Sonntag, findet die Gewalt ihre Fortsetzung. Unter denen, die die Brutalität der "Sicherheitsorgane" zu spüren bekommen, sind viele Unbeteiligte.

Insgesamt 1.071 "Zuführungen", wie Festnahmen im Stasi-Jargon heißen, gibt es an den beiden Tagen. Die Festgenommenen werden in überfüllte "Zuführungspunkte" gepfercht, teilweise misshandelt, einige müssen ein wahres Spießrutenlaufen über sich ergehen lassen.

Mit dem gewaltsamen Vorgehen gegen die friedlichen Demonstranten wird der Jubiläums-Pomp mit FDJ-Aufmarsch und Militärparade endgültig zur Farce. Kamerateams von ARD und ZDF zeigen Bilder von den Prügelszenen, auch von Verletzten. Viele Zeitzeugenberichte und umfangreiche Gerichtsakten enthalten Belege für das Vorgehen von Polizei und Stasi. Vorermittlungs- und Ermittlungsakten, die die Staatsanwaltschaft später in diesem Zusammenhang anlegt, umfassen 200 Bände.*

Deutliche Worte von Gorbatschow

Bei politischen Gesprächen mit der SED-Führung wird der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow deutlich. Er fordert politische und wirtschaftliche Reformen. Kühne Entscheidungen seien nötig. "Ich halte es für sehr wichtig, den Zeitpunkt nicht zu verpassen und keine Chancen zu vertun", sagt Gorbatschow. "Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort." Erfahrungen in Russland, Polen und Ungarn hätten gezeigt, wenn die Partei nicht auf das Leben regiere, sei sie verurteilt. Klar spricht Gorbatschow aus: "Wir haben nur eine Wahl: entschieden voranzugehen."

Honecker geht mit keinem Wort auf die Forderungen Gorbatschows ein. Stattdessen preist er die Erfolge der DDR.

Die Äußerungen Honeckers seien entmutigend gewesen, schätzen die SED-Politbüromitglieder Egon Krenz und Günter Schabowski gegenüber dem Mitglied des sowjetischen Zentralkomitees, Valentin Falin, ein. Doch die sowjetischen Genossen könnten sicher sein, dass in der DDR bald etwas geschehe. Kurz danach kommt es zum Sturz Honeckers.

Plauen: die erste erfolgreiche Großdemo

Fast 250 Kilometer südlich von Berlin, in Plauen im sächsischen Vogtland, sind keine Fernsehkameras dabei. Deshalb erfährt die Öffentlichkeit erst sehr viel später, dass den Plauenern die erste Großdemonstration gelingt, die Polizei und Stasi nicht mehr auflösen können.

Zwei Tage vor der Kundgebung der 70.000 in Leipzig, die als erster großer Sieg der Friedlichen Revolution in die Geschichte eingeht, trauen sich in Plauen 15.000 Menschen auf die Straße – und lassen sich nicht mehr vertreiben.

*Eine ausführliche Schilderung der Ereignisse vom 7. und 8. Oktober 1989 in Berlin ist im "Deutschland Archiv" Nr. 5/2009 zu finden: Klaus Bästlein: "Der letzte 'Tag der Republik'"