7. Mai 1989 - Auf dem Weg zur Deutschen Einheit

Gefälschte Kommunalwahl in der DDR

7. Mai 1989: In Wahllokalen der DDR machen Menschen von ihrem Recht Gebrauch, die Auszählung der Stimmzettel zu beobachten. Dadurch können sie nachweisen: Die offiziell verkündeten Zahlen weichen teilweise deutlich von den tatsächlichen ab. Die Wahlergebnisse wurden manipuliert.

Blick in ein Wahllokal in Ost-Berlin (DDR) während der Kommunalwahl am 7. Mai 1989.

Eine Wahl ohne Wahl

Foto: picture-alliance/dpa

Erstmals Wahlfälschungen nachgewiesen

Wie bei allen vorangegangenen Wahlen können die Menschen in der DDR auch an diesem Wahlsonntag nur den Kandidaten der Einheitsliste der "Nationalen Front" zustimmen. Allerdings nutzen dieses Mal mehr Menschen die Wahlkabinen und geben Nein-Stimmen ab. Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen hatten im Vorfeld der Wahl dazu aufgerufen. Davon erhoffen sich die oppositionellen Gruppen ein realeres Ergebnis.

Bei der öffentlichen Auszählung in den Wahllokalen sind am Abend viele Vertreter oppositioneller Gruppen vor Ort. Sie schauen auf die Wahlzettel und notieren Ergebnisse. Doch diese decken sich nicht mit den Zahlen, die die Staatsführung tags darauf veröffentlicht. Erhebliche Abweichungen gibt es bei den Nein-Stimmen. Schnell macht die Nachricht die Runde, die Wahl sei durch die Regierung manipuliert.

Durch die Beteiligung oppositioneller Gruppen an den Auszählungen sei es erstmals gelungen, den SED-Chefs nachzuweisen, dass sie lügen, sagt der ehemalige Bürgerrechtler Rainer Eppelmann (Video).Die Behauptung von fast 100 Prozent der DDR-Bürger gewählt worden zu sein, habe bei dieser Wahl nicht gestimmt und offensichtlich auch nicht bei den vorherigen.

Dieser 7. Mai habe für das System in der DDR einen "entlarvenden Stellenwert" gehabt, sagt der ehemalige Oppositionelle Mario Schatta (Video). Der Tag habe gezeigt, wie verlogen das System war, wie die Menschen betrogen worden seien.

Vertreter oppositioneller Gruppen fordern Erklärungen, schreiben Eingaben. In der Bevölkerung regt sich Unmut. Viele Bürger treffen sich danach am 7. Tag eines jeden Monats zu Protestkundgebungen.

Wahlen mit vorhersehbarem Ergebnis

Die Bürger in der DDR konnten nicht wirklich wählen, wer sie politisch führt. Die Parteienlandschaft in der DDR war durch den Führungsanspruch der Sozialistischen Einheitspartei (SED) bestimmt. Sie hatte sich diesen Führungsanspruch selbst in die Verfassung geschrieben. Die anderen Parteien und die sogenannten Massenorganisationen mussten ihn anerkennen. Bei Wahlen traten sie deshalb stets gemeinsam als "Nationale Front" an, die auf Drängen der SED entstanden war. Kontroverse Diskussionen oder Alternativen gab es nicht.

Die Wählerinnen und Wähler konnten also nur dieser Einheitsliste zustimmen. Im Grunde hieß das, dass die Wähler die Liste im Wahllokal lediglich entgegennahmen, falteten und in die Wahlurne warfen. "Zettel falten" hieß das im Volksmund. Wer eine Wahlkabine benutzte, machte sich verdächtig. So ist es wenig verwunderlich, dass die Kandidaten der "Nationalen Front" angeblich fast immer 100 Prozent Zustimmung erhalten hatten.

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