Kohl: "Mein Ziel bleibt die Einheit der Nation"

19. Dezember 1989: Bundeskanzler Helmut Kohl auf einer Rednertribuene vor der Dresdner Frauenkirche.

Kohl unterstreicht sein Ziel: die Wiedervereinigung.

Foto: Bundesarchiv

Kohl und der DDR-Ministerpräsident Hans Modrow kommen an diesem Tag in Dresden zu einem Gesprächen über eine "Vertragsgemeinschaft" zwischen den beiden deutschen Staaten zusammen. Die beiden Regierungschefs treffen zum ersten Mal. Sie verabreden, mit aller Kraft eine Vertragsgemeinschaft zwischen den beiden deutschen Staaten vorzubereiten. Die soll schon im Frühjahr 1990 geschlossen werden.

Beide Regierungschefs wollen „...eine enge Zusammenarbeit auf allen Gebieten: auf dem Felde der Wirtschaft, des Verkehrs, zum Schutz der Umwelt, auf dem Gebiet der Sozialpolitik und der Kultur. Wir wollen vor allem auf dem Felde der Wirtschaft eine möglichst enge Zusammenarbeit mit dem klaren Ziel, dass die Lebensverhältnisse hier in der DDR so schnell wie möglich verbessert werden. Wir wollen, dass die Menschen sich hier wohl fühlen. Wir wollen, dass sie in ihrer Heimat bleiben und hier ihr Glück finden können. Entscheidend für die Zukunft ist, dass die Menschen in Deutschland zueinanderkommen können, dass der freie Reiseverkehr in beiden Richtungen dauerhaft garantiert ist. Wir wollen, dass sich die Menschen in Deutschland überall, wo sie dies wollen, treffen können.“

Um dies zu unterstreichen, vereinbaren Kohl und Modrow zudem, ein Zeichen mit hoher Symbolkraft zu setzen: Noch vor Weihnachten soll das Brandenburger Tor geöffnet werden.

Freie Wahlen im kommenden Jahr

Modrow und Kohl sprechen auch darüber, dass im Frühjahr 1990 endlich ordentliche Wahlen stattfinden sollen. Das Volk soll frei entscheiden können, wer im Parlament sitzt. Endlich soll es eine Regierung geben, die das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger genießt.

Mit der neuen, demokratisch legitimierten Regierung möchte die Bundesrepublik "konföderative Strukturen" aufbauen. Geplant sind gemeinsame Regierungsausschüsse und gemeinsame Parlamentsausschüsse.

„Das Haus Deutschland unter einem europäischen Dach“

Beide Regierungschefs wollen, dass 1990 eine KSZE-Gipfelkonferenz stattfindet, auf der sich die internationalen Belange der aktuellen deutschen Frage erörtern lassen. Kohl weist eindringlich daraufhin, dass die Wünsche nach einer Wiedervereinigung bei den europäischen Nachbarn nicht nur Freude, sondern auch Sorgen und bei manchen auch Ängste hervorrufen.

Kohl sagt: „Wir müssen als Deutsche unseren Nachbarn sagen: Angesichts der Geschichte dieses Jahrhunderts haben wir Verständnis für manche dieser Ängste. Wir werden sie ernst nehmen.“ Wenn die Deutschen ihr Selbstbestimmungsrecht verwirklichen wollten, dürften die Sicherheitsbedürfnisse der Völker, die durch den deutschen Faschismus gelitten hätten, nicht außer Acht gelassen werden.

Kohls Rede vor der Ruine der Frauenkirche 

Die Menschen in Dresden knüpfen große Hoffnungen an den Besuch von Helmut Kohl. Bereits auf dem Flughafen wird der Bundesskanzler von einer großen Menschenmenge begrüßt. Am Abend spricht er vor der Ruine der Frauenkirche vor zehntausenden Zuhörern. Seine Ansprache dauert knapp zehn Minuten. In dieser sehr bewegenden Rede informiert er die Menschen über die guten Ergebnisse des Gesprächs mit Modrow. Vor allem aber trifft er die Herzen der Menschen, indem er den Wunsch nach einer endgültigen Überwindung der deutschen Teilung klar ausspricht: „Mein Ziel bleibt - wenn die geschichtliche Stunde es zulässt - die Einheit unserer Nation.“

Ebenso deutlich erinnert Kohl an die historische Verantwortung der Deutschen gegenüber den Völkern Europas: „Hier vor der Ruine der Frauenkirche in Dresden, am Mahnmal für die Toten von Dresden, habe ich gerade ein Blumengebinde niedergelegt - auch in der Erinnerung an das Leid und an die Toten dieser wunderschönen alten deutschen Stadt... Ich gehöre zu jener jungen Generation, die nach dem Krieg geschworen hat: 'Nie wieder Krieg, nie wieder Gewalt!' Ich möchte hier vor Ihnen diesen Schwur erweitern, indem ich Ihnen zurufe: Von deutschem Boden muss in Zukunft immer Frieden ausgehen - das ist das Ziel unserer Gemeinsamkeit!“

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