Deutsche Einheit

2. November 1989 - Auf dem Weg zur Deutschen Einheit

Erst europäische, dann deutsche Einheit?

2. November 1989: In Bonn treffen sich Regierungsvertreter aus Frankreich und Deutschland zu ihren regelmäßigen Regierungskonsultationen. Doch diesmal bestimmen weniger die bilateralen Beziehungen als die Veränderungen in Osteuropa und der DDR das Treffen.


Bundeskanzler Helmut Kohl (r.) begrüßt Francois Mitterrand, Präsident der Französischen Republik, auf dem Hubschrauberlandeplatz im Park des Bundeskanzleramtes.

Erst europäische dann deutsche Einheit

Foto: Bundesregierung/Jüttner

Kohl sieht Lage in der DDR kritisch

Bundeskanzler Helmut Kohl bewertet im Gespräch mit dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand die Lage in der DDR als zunehmend kritisch. Er glaube nicht, dass sich SED-Chef Egon Krenz lange an der Spitze des Staates halten werde, da Krenz nur an Wirtschaftsreformen interessiert sei.

Wahrscheinlich werde es bei der nächsten Sitzung des SED-Zentralkomitees am 6. und 8. November zu weitgehenden personellen Veränderungen an der Parteispitze kommen, sagt Kohl. Doch ein solcher Schritt allein werde kaum zu einer Entspannung in der DDR führen. Auch die Situation in der Sowjetunion sei schwierig, gibt Kohl zu bedenken.

Weiter berichtet der Bundeskanzler, dass die DDR die Bundesregierung um sehr viel Geld gebeten habe. Doch er habe in einem Telefonat mit Krenz am 26. Oktober betont, dass die DDR zunächst Reformen umsetzen müsse. Wichtig seien eine neue Reiseregelung und die Amnestie für Menschen, die wegen Republikflucht verurteilt oder inhaftiert sind.

Reformprozesse im Osten wichtig für Europa

Kohl und Mitterrand sind sich einig, dass die Reformprozesse in den mittel- und osteuropäischen Staaten wichtig für das Ost-Westverhältnis in Europa insgesamt sind. Daher sei es wichtig, dass die Westeuropäer beim nächsten Europäischen Rat in Straßburg eine klare Sprache zu den Reformprozessen und deren Unterstützung fänden.

Kohl macht deutlich, dass für ihn ein Erfolg des Rates in Straßburg wichtig sei, denn ohne einen europäischen Integrationsprozess seien keine Reformen im Osten möglich. Mitterrand stimmt Kohl zu: Der weitere Aufbau Europas werde den Tag näherbringen, an dem die Trennung Europas überwunden werde, an dem Deutschland wieder vereint werden könne, sagt er.

In diesen frühen Novembertagen steht für Frankreichs Staatspräsident die Deutsche Einheit also noch nicht oben auf der Tagesordnung. Erst Anfang Januar, beim Treffen mit Kohl in Latché, signalisiert Mitterrand Zustimmung zu einer raschen Wiedervereinigung.