Tag Eins nach dem Mauerfall

Tag Eins nach dem Mauerfall

10. November 1989: Freudentränen in der ganzen Stadt. Endlich ist die Mauer offen! Die Berliner tanzen vor dem Brandenburger Tor, wildfremde Menschen prosten sich zu und liegen sich in den Armen. Eine unvergessliche Nacht – und ein aufregender Tag danach.

Menschenmassen und Trabis auf der Glienicker Brücke am 10. November 1989

Endlich war der Weg frei über die Glienicker Brücke.

Foto: picture-alliance / akg-images

Eigentlich will die DDR-Regierung am nächsten Morgen, dem 10. November 1989, um 8.00 Uhr wieder zu einem kontrollierten Reiseverkehr übergehen. Doch der Versuch scheitert. Stattdessen strömen weiter tausende von Menschen über die Grenzübergänge. Trabis verstopfen die Straßen.

Erhöhte Gefechtsbereitschaft

Während an den Grenzübergängen gefeiert wird, erteilt Egon Krenz dem Kommando der NVA-Landstreitkräfte den Befehl, zwei Eliteeinheiten in „erhöhte Gefechtsbereitschaft“ zu versetzen. Sie sind im Stadtkampf ausgebildet und mit modernster Kriegstechnik ausgerüstet. Schwere Kampftechnik wie Panzer und Artillerie wird gefechtsbereit gemacht, Munition auf Lkw verladen. Die Schließung der Grenze und ein Einsatz der Armee sei erörtert, dann aber verworfen worden, heißt es später.

Schewardnadse lobt Maueröffnung

Am späten Nachmittag erklärt der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse vor der internationalen Presse, sein Land betrachte die „Ereignisse in der DDR als eine ureigene Angelegenheit ihrer neuen Führung und ihres Volkes und wünscht ihnen dabei vollen Erfolg“. Die „Grenz- und Reiseregelungen“ lobt er als eine „richtige und kluge, eine weise Entscheidung“.

Innenminister Friedrich Dickel verliest im DDR-Fernsehen einen Aufruf des Ministerrates an die DDR-Bevölkerung: Die „lieben Bürgerinnen und Bürger“ könnten sich auf die Dauerhaftigkeit der neuen Reisemöglichkeiten verlassen und bräuchten „keine übereilten Entschlüsse zu treffen“.

Kundgebung vorm Schöneberger Rathaus

Am Abend kommen über 20.000 Menschen aus Ost und West zum Schöneberger Rathaus. Der West-Berliner Senat hat führende Politiker zu einer Kundgebung eingeladen – auf dem Platz, auf dem der amerikanische Präsident John F. Kennedy 1963 die Solidarität seines Landes mit der Stadt bekundete. Jedem klingen noch die Worte „Ich bin ein Berliner!“ im Ohr.

Helmut Kohl ist aus Warschau nach Berlin geeilt. Der damalige Bundeskanzler führte gerade Gespräche mit Polens Staats- und Regierungsspitze, als ihn die Nachricht erreichte. „Herr Bundeskanzler, im Augenblick fällt gerade die Mauer!“ Mit diesen Worten soll ihn Eduard Ackermann, einer seiner engsten Vertrauten, unterrichtet haben.

Kohls Appell an die Verantwortlichen der DDR

Vor dem Schöneberger Rathaus ruft Kohl die Noch-Machthaber in Ostberlin auf: „Ich appelliere an die Verantwortlichen in der DDR: Verzichten Sie jetzt auf Ihr Machtmonopol!” Und Willy Brandt, früher Regierender Bürgermeister Berlins und Bundeskanzler von 1969 bis 1974, sagt: „Aus dem Krieg und aus der Veruneinigung der Siegermächte erwuchs die Spaltung Europas, Deutschlands und Berlins. Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört. Jetzt erleben wir, und ich bin dem Herrgott dankbar dafür, dass ich dies miterleben darf: die Teile Europas wachsen zusammen.“

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