Neue Gesichter und ein Angebot aus Bonn

Neue Gesichter und ein Angebot aus Bonn

8. November 1989: Die Ostberliner Politik wird ein wenig bunter: Nach dem Rücktritt von Politbüro und Ministerrat rückt der Dresdner SED-Bezirkschef Hans Modrow ins Politbüro auf. Das DDR-Innenministerium bestätigt den Zulassungsantrag des "Neuen Forums". Unterdessen sagt Bundeskanzler Helmut Kohl der neuen DDR-Führung Hilfe zu, wenn „eine grundlegende Reform“ stattfindet.

Es ist die Hoffnung von Tausenden: gemeinsam mit Gleichgesinnten das Leben gestalten, abseits von SED und Blockparteien. „Neues Forum zulassen!“ ist eine der vielen Forderungen auf den Plakaten des Herbstes 1989. Doch lange Zeit gilt die Bewegung dem SED-Staat als „verfassungsfeindlich.“

„Wir wollen das Bewährte erhalten und doch Platz für Erneuerungen schaffen“, heißt es im Gründungsaufruf vom September 1989. Die Gruppe arbeitet ohne die geringsten Mittel: In ihren Wohnungen, teils ohne Telefon, selbst Papier ist knapp. Dennoch erhält das Neue Forum großen Zulauf.

SED akzeptiert endlich das „Neue Forum“

Zunächst scheitert die offizielle Zulassung: Das Innenministerium teilt mit, das Neue Forum sei eine „staatsfeindliche Plattform“. Am 8. November bestätigt es endlich die Anmeldung. Eine offizielle Anerkennungsurkunde bekommt das Neue Forum allerdings erst im Januar 1990, wenige Wochen vor den freien Volkskammerwahlen. Da ist das Neue Forum längst ein gefragter Gesprächspartner der Regierung: Vertreter der Bewegung sitzen mit am „Zentralen Runden Tisch“, dem Ort des Dialogs zwischen alten und neuen Kräften.

Am Runden Tisch trifft das Neue Forum auf ein bekanntes Gesicht: Hans Modrow. Auch sein Weg entscheidet sich am 8. November 1989: Die Genossen holen ihren Dresdner Bezirksparteichef ins Politbüro. Fünf Tage später wird Modrow an die Spitze des Ministerrats aufsteigen.

Aus SED-Sicht hat sich Modrow bewährt: Nach dem gewaltsamen Vorgehen der Sicherheitsorgane gegen Ausreisewillige Anfang Oktober hat sich die Lage in Dresden beruhigt. Mit Modrow auf der einen und der „Gruppe der 20“ auf der anderen sammeln die Dresdner erste Erfahrungen mit dem Dialog.

Kohl: Umfassende Hilfe, wenn grundlegende Reform

Jährlich erteilt der Bundeskanzler dem Deutschen Bundestag einen „Bericht zur Lage der Nation im geteilten Deutschland“. Dieses Mal geht er ausführlich auf die jüngsten Ereignisse in der DDR ein. Kohl sagt: „Wer von uns ist nicht angerührt und bewegt angesichts der Bilder der vielen Hunderttausenden friedlich versammelten Menschen in Berlin, in Leipzig oder in Dresden, in Schwerin, in Plauen und in anderen Städten der DDR? Sie rufen: ‚Wir sind das Volk!‘, und ich bin sicher, ihre Rufe werden nicht mehr verhallen.“

Gerade erst war Alexander Schalck-Golodkowski wieder in Bonn, weil die DDR dringend Geld braucht. Von Milliardenbeträgen ist die Rede. Als Gegenleistung bietet Schalck an, die DDR sei bereit, dafür einen „politischen, nicht nur einen humanitären Preis“ zu zahlen.

In seinem Bericht zur Lage der Nation sagt Kohl deshalb: „Wir wollen nicht unhaltbar gewordene Zustände stabilisieren. Aber wir sind zu umfassender Hilfe bereit, wenn eine grundlegende Reform der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der DDR verbindlich festgelegt wird. Die SED muss auf ihr Machtmonopol verzichten, muss unabhängige Parteien zulassen und freie Wahlen verbindlich zusichern. Unter dieser Voraussetzung bin ich auch bereit, über eine völlig neue Dimension unserer wirtschaftlichen Hilfe zu sprechen.“

Dass sich durch die Öffnung eine völlig neue Lage ergeben wird, ahnt auch Kohl am 8. November noch nicht.

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