Kohl dankt den Ungarn

Kohl dankt den Ungarn

16. Dezember 1989: Bundeskanzler Helmut Kohl reist nach Budapest. Er will den Ungarn danken für die Entscheidung, die Westgrenze ihres Landes für DDR-Flüchtlinge zu öffnen. Das habe die Entwicklung in der DDR erheblich beschleunigt. Außerdem sagt Kohl den Ungarn Unterstützung zu auf ihrem Weg in das vereinte Europa.

Bundeskanzler Helmut Kohl hält eine Rede vor dem ungarischen Parlament.

Sichert Ungarn Hilfe zu: Kanzler Kohl.

Foto: REGIERUNGonline/Reineke

„Der 10. September 1989, der Tag der Öffnung der ungarischen Grenze auch für die Deutschen aus der DDR, wird ein Markstein in der Geschichte unserer beiden Staaten und Völker bleiben. Ungarn hat damals den ersten Stein aus der Mauer geschlagen“, sagt Kohl in Budapest. Am 16. Dezember 1989 verleiht ihm die Lorand-Eötvös-Universität die Ehrendoktorwürde, zwei Tage später hält der Kanzler eine Rede vor dem ungarischen Parlament.

Kohls Botschaft lautet: „Die gemeinsame Kultur ist das stärkste Band, das Europa zusammenschließt. Es vereint – über alle trennenden Grenzen hinweg, die auch heute noch bestehen und die es zu überwinden gilt – das Europa der Europäischen Gemeinschaft mit den Völkern Mittel-, Ost- und Südeuropas.“ Der Bundeskanzler würdigt die Entwicklung Ungarns zu einem freiheitlichen Rechtsstaat. Deutschland unterstütze Ungarns Antrag auf Vollmitgliedschaft im Europarat.

„Bauen Sie mit an der Zukunft Europas!“

Ziel, so Kohl, sei ein freies und geeintes Deutschland in einem freien und geeinten Europa. „Wir können und wollen diesen Weg nicht allein gehen. Wir wollen ihn gehen mit allen unseren Nachbarn“, ruft der Bundeskanzler den Studentinnen und Studenten in der Budapester Universität zu. Sein Appell: „Bauen Sie mit an der Zukunft Europas!“

Im Gespräch mit Ungarns Ministerpräsidenten Németh erläutert Kohl ausführlich seinen Zehn-Punkte-Plan. Németh berichtet daraufhin vom Treffen der Warschauer Pakt-Staaten am 4. Dezember in Moskau. Die Sowjetunion habe dort auf den Zehn-Punkte-Plan ablehnend reagiert, sagt der ungarische Regierungschef. Hingegen habe DDR-Ministerpräsident Modrow zu erkennen gegeben, dass er die ersten vier Punkte des Plans „sofort annehmen“ könne. Sie reichen von humanitärer Soforthilfe bis zur Vertragsgemeinschaft. Bei den anderen Verbündeten, so Németh, habe Modrows Rede „interessante Reaktionen“ ausgelöst.

Polens Westgrenze steht nicht in Frage

Ausführlich legt Kohl seinem Gesprächspartner die völkerrechtliche Seite sowie die westdeutsche Haltung zur Grenzfrage dar. Wenn es zu einer Föderation zwischen der Bundesrepublik und der DDR komme, werde „mit Ausnahme einiger Randfiguren“ kein Mensch die Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze in Frage stellen. Németh sagt zu, die Argumente des Kanzlers weiterzugeben.

Die Unterredung mit seinem ungarischen Gastgeber ist für den Kanzler aufschlussreich. Mit den Erkenntnissen und Eindrücken, die er in Budapest gesammelt hat, reist er am 19. Dezember 1989 nach Dresden. Dort wird er mit DDR-Ministerpräsident Modrow zusammentreffen und eine Rede halten, von der er noch nicht wissen kann, dass sie in die Geschichte eingehen wird.

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