Fluchtbewegung hält an

Von jubelnden Menschenmassen werden die knapp 800 DDR-Übersiedler auf dem Bahnhof im bayerischen Hof empfangen. Mit Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn trafen sie am 5. Oktober 1989 aus Prag kommend, wo sie teilweise wochenlang auf dem Gelände ....

DDR-Übersiedler

Foto: picture-alliance/dpa

Am 1. Oktober veröffentlicht die DDR-Nachrichtenagentur ADN einen Kommentar zu den Botschaftsflüchtlingen: „Sie alle haben durch ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen.“ Den letzten Satz hat Erich Honecker persönlich hinzugefügt. 

Zwei Tage später, am 3. Oktober 1989, hebt die DDR den visafreien Reiseverkehr in die Tschechoslowakei auf. Von nun an ist für die Menschen in der DDR kein Land mehr ohne Visum zu erreichen.

Trotzdem hält die Abstimmung mit den Füßen an – auch nach der Absetzung Honeckers. Flüchtlinge erklären in Umfragen, sie glaubten nicht an Reformen und wollten deshalb auch nicht zurück.

Die Stasi berichtet ungeschminkt

Die Stasi meldet der SED-Führung am 21. Oktober 1989, der Rücktritt Honeckers werde in der Bevölkerung „als zu spät erfolgt bewertet“. Die Wahl des Genossen Krenz stoße „in beachtlichem Umfang“ auf „Ablehnung“. Dass die Staatssicherheit kritische Stimmen so deutlich wiedergibt, ist neu.

Ebenso neu wie die Aufforderung von Egon Krenz an alle hohen Funktionäre, den Dialog mit der Bevölkerung zu suchen. Stasi-Chef Erich Mielke erklärt 73 Spitzenkräften seines Ministeriums am 21. Oktober, es bestehe die Chance, „eine Wende in der Arbeit der gesamten Partei einzuleiten“. Verhaftungen von Bürgerrechtlern seien aktuell auszuschließen, sagt Mielke, doch das müsse nicht so bleiben.

Zugriffe noch nicht ausgeschlossen

Deshalb sollten die Inoffiziellen Mitarbeiter die Bürgerrechtler weiterhin genau beobachten. Es sei wichtig, „dass alles unternommen wird, alle mit solchen Handlungen auftretenden Personen zu erkennen, sie sorgfältig zu erfassen und das zugriffsbereit zu halten.“ Zugriffsbereit zu halten – das heißt: Nicht ausgeschlossen, dass wir doch noch einmal Oppositionelle einsperren.

DDR-Innenminister Friedrich Dickel wird in einer Dienstbesprechung deutlicher. „Ich würde am liebsten hingehen und diese Halunken zusammenschlagen, dass ihnen keine Jacke mehr passt“, sagt Dickel am 21. Oktober 1989 mit Blick auf die Bürgerbewegung.

Die Quellen geben den Flüchtlingen im Nachhinein Recht: Trotz der erfolgreichen Demonstrationen vom 9. und 16. Oktober und trotz des Führungswechsels vom 18. Oktober ist es keineswegs sicher, dass die Dialogangebote der SED mehr als Taktik sind. Noch haben viele SED-Reaktionäre großen Einfluss.

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