Flucht über die Bonner Vertretung in Ostberlin

Nach mehreren Tagen der „Besetzung“ verlassen mehr als 20 DDR-Bürger die Ständige Vertretung (StäV) in Ostberlin. Begonnen hatte es am 2. Januar 1989. Zunächst besetzten nur vier DDR-Bürger die StäV. Sie wollten mit der Besetzung ihre Ausreise beschleunigen. Doch schnell wuchs die Zahl auf über 20 Personen an.

Zeitgleich besetzten auch Ausreisewillige die Bonner Botschaft in Prag. Damit nahm das Problem der Botschaftsbesetzungen zu, obwohl die Führung in Ostberlin zum Jahreswechsel erstmals eine rechtliche Regelung über Reise- und Ausreisemöglichkeiten für DDR-Bürger geschaffen hatte.

Schon seit 1984 „besetzten“ DDR-Bürger in regelmäßigen Abständen die Bonner Vertretung in Ostberlin. Sie alle wollen durch den Aufenthalt in der diplomatischen Vertretung der Bundesrepublik ihre Ausreise nach Westdeutschland schneller durchsetzten. Im Laufe der Jahre verschanzten sich dort mehrere hunderte Menschen und warteten mitunter tagelang auf ihre Ausreise in die Bundesrepublik.
Die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten verschlechterten sich durch die „Besetzungen“ der DDR-Bürger über die Jahre zusehends. Die DDR-Regierung warf der westdeutschen Bundesregierung eine „Einmischung in souveräne Rechte der DDR“ und „Erpressung“ vor. Im Bonner Kanzleramt spricht man offiziell von einer so wörtlich „nicht unbeachtlichen Störung des innerdeutschen Verhältnisses". Dennoch erreichen die „Botschaftsbesetzer“ ihr Ziel. Sie bleiben nach der Besetzung straffrei. Über die Jahre hinweg können alle Besetzer ausreisen.

Das gilt auch für die Besetzer im Januar 1989. Zwar versichert die DDR-Führung, sie werde sich nicht unter Druck setzen lassen. Dennoch können die Ausreisewillige straffrei und mit der Aussicht auf eine zügige Bearbeitung ihrer Anträge die STäV am 11. Januar verlassen.

Ansturm immer neuer Flüchtlinge im Jahr 1989 – dramatische Zustände

In den Folgemonaten kommt es zu einem rasanten Anstieg der Flüchtlingszahlen in der StäV: Im August des Jahres verharren dort etwa 130 DDR-Bürger. Die Räumlichkeiten der Vertretung geben für die vielen Flüchtlingen aber keine menschenwürdigen Bedingungen her. Es herrschen dramatische Zustände. Daher signalisiert die DDR-Regierung, dass diese 130 Bürger die letzten seien sollen, die über die StäV nach Westdeutschland ausreisen dürfen.

DDR-Regierung überfordert

Die DDR-Führung reagiert fast schon verzweifelt und appelliert Anfang August in der Nachrichtensendung „Aktuellen Kamera“ an die Bürger der DDR: „Nach dem Völkerrecht haben Vertretungen der BRD keinerlei Rechte und Obhutspflichten gegenüber Bürgern der DDR.“ Am 8. August schließt die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin ihre Tore für neue Flüchtlinge.

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