Der Tag der Rücktritte

Der Tag der Rücktritte

2. November 1989: "Tag der Rücktritte" in die DDR. Neben dem Gewerkschaftsvorsitzenden Harry Tisch und Volksbildungsministerin Margot Honecker legen zwei SED-Bezirkschefs und zwei Parteivorsitzende ihre Ämter nieder: die Vorsitzenden der Ost-CDU, Gerald Götting, und der NDPD, Heinrich Homann.

Unterdessen fordert die LDPD in ihrer Parteizeitung „Der Morgen“ den Rücktritt der Regierung. Ihr Vorsitzender Manfred Gerlach verlangt, die „Liberaldemokratische Partei Deutschlands“ solle Volkskammerpräsident werden.

Alle DDR-Parteien gehören zur „Nationalen Front“, dem „Bündnis aller patriotischen Kräfte unter der Führung der geeinten Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Partei“. Ebenso wie alle „Massenorganisationen“, etwa die FDJ, der „Freie Deutsche Gewerkschaftsbund“, der „Demokratische Frauenbund Deutschlands“ oder der „Zentrale Ausschuss für Jugendweihe“. Sie alle müssen die führende Rolle der SED respektieren. Die Parteien haben es jahrzehntelang hinzunehmen, dass die „Nationale Front“ für alle Wahlen Einheitslisten zusammenstellt, die keine Bewerberauswahl zulassen. Regelmäßig erhalten die Kandidaten deshalb – offiziell – etwa 99 Prozent Zustimmung.

Blockparteien entfernen sich von der SED

Im Herbst 1989 beginnt es jedoch, auch in diesen Parteien zu rumoren. Bereits Mitte September schreiben vier CDU-Mitglieder, die im Kirchendienst tätig sind, den „Brief von Weimar“. Sie fordern unter anderem Reisefreiheit, ein neues Wahlgesetz und die Veröffentlichung von Umweltdaten. Mehr und mehr gerät Parteichef Götting, seit 23 Jahren an der Spitze der Ost-CDU, unter Druck. „Ein Christ sagt ja zum Sozialismus“ lautet der Titel eines Buches, das er 1960 veröffentlicht. Nie hat er die SED-Diktatur in Frage gestellt. Gut zwei Wochen nach dem Rücktritt Honeckers zieht sich deshalb auch Götting zurück.

Schon 1945 lässt die Sowjetische Militäradministration die Gründung „antifaschistischer Parteien“ zu. Allerdings müssen sie sich dem „antifaschistisch-demokratischen Block“ anschließen. Die SED lässt sie bestehen, um der DDR einen pluralistischen Anstrich zu geben. Dass sich die „Blockparteien“ zu Konkurrenten entwickeln können, wissen die Machthaber jedoch zu verhindern. So sorgt die SED beispielsweise dafür, dass ein ehemaliges KPD-Mitglied Vorsitzender der Bauernpartei wird. Einfluss haben die Parteien deshalb kaum, auf die Sicherheitsorgane – etwa Armee oder Stasi – schon gar nicht. Viele Menschen treten den „Blockparteien“ bei, weil sie darin die einzige Chance sehen, dem mitunter drängenden Werben der SED zu entgehen.

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