Abschied auf Raten

Abschied auf Raten

14. Dezember 1989: Der DDR-Ministerrat beschließt die Auflösung des "Amtes für Nationale Sicherheit". Aus der Nachfolge-Organisation der "Stasi" soll ein neues "Amt für Verfassungsschutz" werden. Doch die sanfte Wandlung scheitert am Widerstand der Straße.

Das Amt für Nationale Sicherheit der DDR, ehemals Ministerium für Staatssicherheit, im Ostberliner Bezirk Lichtenberg. (Aufnahme vom 15.12.1989).

Das Amt für Nationale Sicherheit - zuvor Ministerium für Staatssicherheit.

Foto: picture-alliance / dpa

Nur widerwillig löst sich das Regime von der Macht. Es ist die Macht, die das Regime verlässt: Begleitet von Namenswechseln und Kursmanövern kämpft im Herbst 1989 auch das Ministerium für Staatssicherheit ums Überleben. Erst im November 1989 war die „Stasi“ umbenannt worden: in „Amt für nationale Sicherheit“. Unter neuem Namen hofft mancher nun auf ein Fortbestehen des alten Gefüges. Doch der alte DDR-Geheimdienst, einst „Schild und Schwert der Partei“, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, steckt in der Krise.

Während sich immer mehr Stasi-Mitarbeiter im Stillen zurückziehen, ist die SED zu schwach, um noch einmal „Schild und Schwert“ zu heben: Das DDR-Parlament, die „Volkskammer“, hat den Führungsanspruch der SED aus der Verfassung gestrichen. Nun sind die Genossen Teil einer Koalitionsregierung. Sie können ihre alten Beschützer nicht mehr schützen. Gleichwohl: Viele versuchen es.

Bürger besetzen Stasi-Zentralen

Zumindest den Niedergang wollen viele ein wenig bremsen. Aus dem Ministerium für Staatssicherheit ist zunächst das „Amt für Nationale Sicherheit“ geworden. Aus dem soll jetzt ein „Amt für Verfassungsschutz“ entstehen. Es ist der Widerstand der Bürger, der diese Kette trügerischer Wandlungen unterbricht: Zuerst sind da die Forderungen der Montagsdemonstranten: „Stasi in die Produktion“.

Aufgerüttelt durch die Nachricht von Aktenvernichtungen, gehen die Bürger schließlich zum Äußersten. Sie besetzen die Kommandozentralen der Stasi. In Erfurt, Rostock und Leipzig verschaffen sie sich Zugang zu den Quartieren ihrer alten Peiniger. Es geht um ein kostbares Gut: Wissen. Endlich Freund und Feind erkennen. Wer hat mitgemacht?

In den Archiven der Stasi lagern Akten und die Hoffnung auf Wahrheit. Im Rausch der Ereignisse nutzt auch mancher abtrünnige Spitzel die Gunst der Stunde, um Schriften zu vernichten. Spuren werden verwischt.

Der Runde Tisch drängt auf Entscheidung

Die Ereignisse bestimmen auch das Geschehen am Runden Tisch. Die SED gerät unter Druck, schließlich stimmt der Ministerrat der Auflösung des "Amtes für Nationale Sicherheit“ zu. Sogar auf Seiten der Opposition sitzen vereinzelte Verpflichtete der Stasi mit am Runden Tisch. Stimmen sie der Auflösung des Geheimdienstes zu, müssen sie um ihre Enttarnung fürchten: Offene Stasi-Archive könnten auch ihre Taten preisgeben. Stimmen sie jedoch gegen die Abwicklung der Stasi, geraten sie erst recht in Erklärungsnot.

Manche politischen Akteure dieser Tage entgehen ihrer Enttarnung nicht. Und das von der Regierung Modrow angestrebte „Amt für Verfassungsschutz“ kommt nicht mehr zustande.

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