In Münster macht Boxen schlau

Farid‘s QualiFighting In Münster macht Boxen schlau

Das Boxprojekt „Farid’s QualiFighting“ verbindet Leistungssport mit enger schulischer und persönlicher Förderung der jugendlichen Teilnehmer. Nur wer bereit ist, seine schulischen und sozialen Kompetenzen weiterzuentwickeln, darf hier boxen. Was das Projekt ausmacht und wie die Lernförderung funktioniert erzählt die Leiterin der Lernförderung, Marliese Kosmider.

 Marliese Kosmider, Leiterin der Lernförderung beim Box-Projekt „Farid’s Qualifighting"

Lernt gemeinsam mit den Jugendlichen vor oder nach deren Boxtraining: Marliese Kosmider, Leiterin der Lernförderung beim Box-Projekt „Farid’s Qualifighting“.

Foto: Bundesregierung

Der Boxverein Münster e.V. bringt seit Jahren erfolgreiche Athleten hervor, die regelmäßig auch nationale und internationale Titel holen. Besonders am Herzen liegt dem Verein der Nachwuchs. Beim Sport- und Bildungskonzept „Farid‘s QualiFighting“ verknüpft der Verein schulische und sportliche Leistungen. Die Teilnehmer – vielfach aus schwierigen sozialen Verhältnissen – verpflichten sich mit der Teilnahme am Boxsport zur Lernförderung, ganz nach dem Motto „Boxen macht schlau“.

Wie kam es zu dem Projekt „Farid’s QualiFighting“?

Marliese Kosmider: Durch einen Autounfall von Farid Vatanparast war für den erfolgreichen Boxer die sportliche Karriere von einem Tag auf den anderen beendet, der Profivertrag hinfällig und eine Teilnahme an den olympischen Spielen 2004 in Athen unmöglich. Sein Augenarzt, Dr. Ulrich Thelen, überredete ihn, eine Boxabteilung im Telekom Postsportverein zu eröffnen.

Nach kurzer Zeit wurde klar, dass die Kinder und Jugendlichen – viele aus bildungsfernen Familien – nicht nur eine sportliche Förderung benötigen, sondern auch schulische Unterstützung und eine allgemeine Anleitung für ein eigenständiges Leben. Daraus entstand das Projekt Farid`s Qualifighting, welches in der Promotion von Dr. Vatanparast wissenschaftlich begleitet und evaluiert wurde. 2013 wurde der Verein Boxzentrum Münster e. V. gegründet, den Dr. Thelen auch heute noch leitet, und wir konnten unsere neue Boxhalle eröffnen.

Wie viele Kinder und Jugendliche machen bei dem Projekt mit und wie erfahren sie davon?

Kosmider: Die Schulen wissen mehr oder weniger Bescheid, dass es uns gibt. Das ist Mund-zu-Mund-Propaganda und hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt. Derzeit trainieren und lernen hier ca. 130 Kinder und Jugendliche, 70 Prozent davon sind Jungs, 85 Prozent haben einen Migrationshintergrund.

Kinder und Jugendliche können hier auch ohne Lernförderung boxen, dann kostet die Mitgliedschaft im Verein allerdings mehr.

Wie funktioniert die Lernförderung?

Kosmider: Zum Boxen kommen alle gerne, die sportlichen Leistungen sind auch wirklich sehr gut. Erst im August wurde eine unserer Boxerinnen Carlotta Schünemann, eine exzellente Schülerin, die auch bei Bedarf zum Lernen kommt, deutsche U19-Meisterin.

Die Lernförderung ist allerdings für einige – zumindest anfangs – doch eher eine Kröte, die sie schlucken müssen. Wir sagen, wir sind bereit euch zu trainieren, aber es gibt Bedingungen. Erste Bedingung: Ihr gebt uns eine Kopie des letzten Zeugnisses. Zweite Bedingung: Wir machen eine Lernvereinbarung. Dritte Bedingung: Eure Eltern leisten uns eine Unterschrift, dass wir mit euren Lehrern reden dürfen. Gerade diese Unterschrift ist für uns sehr wichtig, weil wir viele Kinder aus Familien haben, in denen die Eltern den Kontakt zur Schule scheuen und dort nur selten hingehen. 

Wir sitzen mit der Nachhilfe um die Boxtrainings drumrum. Die Kinder und Jugendlichen können vorher oder nachher kommen. Das heißt, wir bieten viermal in der Woche drei Stunden Hausaufgabenbetreuung an. Wir können natürlich keine 1:1-Betreuung anbieten. Momentan sind wir mit vier bis fünf Betreuern pro Tag da. Die Teilnahme ist aber verpflichtend.

Wer steht denn in der Nachhilfe als Ansprechpartner zur Verfügung?

Kosmider: Die Betreuung bei der Lernförderung wird durch ehrenamtliches Engagement geleistet. Die Betreuer sind zu knapp 40 Prozent Menschen, die schon im Ruhestand sind, oder Berufstätige, die sich ein- oder zweimal in der Woche sozial engagieren wollen. Der größte Teil sind aber Studierende, die eine Übungsleiterpauschale von uns bekommen. Das sind nicht nur Lehramtsstudenten, sondern Studierende aller Fachrichtungen. Und alle brauchen natürlich ein polizeiliches Führungszeugnis, da sie ja mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Gibt es Highlights bei der Lernförderung?

Kosmider: Die Ergebnisse der Lernförderung können sich sehen lassen Fast alle Kinder und Jugendlichen verbessern ihre Noten, zum Teil sogar deutlich, und die Anzahl der Fehlstunden und Verspätungen sinkt spürbar. Und das ist gar nicht selbstverständlich, denn zum Teil haben die sich innerlich von der Schule verabschiedet. Es gibt natürlich einige, bei denen funktioniert es nicht. Wir können nicht die Welt retten. Wenn man die Jugendlichen aber „kriegt“, dann geht bei vielen ein ganzer Kronleuchter auf. Und das ist schon toll zu sehen und macht Spaß. 

Was hatte Corona für Auswirkungen?

Kosmider: Was die schulischen Leistungen angeht: Es gibt Kinder und Jugendliche, die haben während Corona ein Jahr lang abgeschaltet, die haben nichts mehr mitgekriegt in der Schule. Und das ist natürlich bitter. Da fängt man zum Teil klein-klein wieder an. Wenn wir das nicht machen würden, dann würden diese Kinder bei den anstehenden Arbeiten scheitern. Sie würden das Neue überhaupt nicht verstehen, weil die Basis fehlt.

Was die Zahlen angeht: Wir hatten 2019 – vor Corona – 163 Kinder, hatten 38 Betreuer und haben sage und schreibe 4.442 Nachhilfestunden erteilt. Coronamäßig sind die Zahlen leider ziemlich eingebrochen. Trotzdem haben wir es auch 2020 geschafft, über 2.300 Nachhilfestunden zu geben (mit einem strengen Hygienekonzept). 2021 ging es dann sogar nur online weiter. Dies führte dazu, dass die Kinder, die unsere Unterstützung am meisten benötigten, nicht kamen, denn sie konnten ja nicht boxen. Wir haben jetzt seit Juni wieder geöffnet, so dass sich die Zahlen hoffentlich wieder stabilisieren werden.

Warum machen Sie selbst bei Farid’s QualiFighting mit?

Kosmider: Ich war selber Lehrerin und ich weiß, wie wichtig es ist, dass man mit guten Zeugnissen die Schule verlässt, um dann auch eine vernünftige Ausbildungsstelle und einen entsprechenden Platz im Leben zu finden. Und ich glaube, dass wir hier einer Reihe von Jugendlichen helfen, die anderweitig keine Hilfe bekommen.

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Farid’s QualiFighting Gute Noten dank Boxtraining