„Ostdeutschland. Ein neuer Blick“

Bericht des Ostbeauftragten  „Ostdeutschland. Ein neuer Blick“

Das vereinte Deutschland ist kein „Westdeutschland plus“, sondern „ein vollständig neues Land“, so Ostbeauftragter Carsten Schneider bei der Vorstellung seines Berichts am Mittwoch. Unter dem Titel „Ostdeutschland. Ein neuer Blick“ soll ein differenziertes, individuelles Bild vom heutigen Osten Deutschlands vermittelt werden. 

Carsten Schneider

Carsten Schneider, Beauftragter der Bundesregierung für Ostdeutschland, will mit dem neuen Bericht einen Perspektivwechsel beim Blick auf Ostdeutschland anregen

Foto: picture alliance/dpa

„Deutschland wäre ohne die Wiedervereinigung ein ärmeres Land“- sowohl kulturell als auch wirtschaftlich, sagte Carsten Schneider, Ostbeauftragter der Bundesregierung, bei der Präsentation des Berichtes „Ostdeutschland. Ein neuer Blick“ PDF, 6 MB, barrierefrei am Mittwoch in Berlin. Allerdings weicht der aktuelle Bericht von bisherigen, ähnlichen Veröffentlichungen der Bundesregierung ab. Carsten Schneider hat Gastautorinnen und -autoren eingeladen, damit sie ihren Blick auf den Stand der Einheit und auf Ostdeutschland werfen. Auf „Schönschreiberei“ möchte er künftig verzichten. Zu Wort kommen Westdeutsche, die in Ostdeutschland leben und umgekehrt. Bewusst setzte Schneider Ostdeutschland bereits in die Überschrift seines Berichts. Schließlich hätten sich nach der Wende viele ostdeutsche Biografien herausgebildet, so Schneider. Um die enormen Veränderungen im Osten zu erkennen, sollten sich Ost- und Westdeutsche darauf einlassen und nicht in Vorurteilen verhaftet bleiben.

Gründen im Osten – Machen statt Posen

Einer der Autoren ist Sebastian Händschke, Wissenschaftler und Förderer von Gründungen im Bereich Optik und Photonik aus Jena. In seinem Beitrag berichtet er über das „Optical Valley“. Ein Tal, das innovative Leute anzieht, „die das Wissen aufsaugen, weiterentwickeln und mit neuen Ideen als vielversprechende Start-ups in Jena oder in Thüringen Fuß fassen“.

Dazu gehören die Robust AO GmbH, die Bauteile für die Lasermaterialbearbeitung herstellt. Oder die IDloop GmbH: Sie hebt die 3D-Bildgebungstechnologie auf eine neue Stufe für eine berührungslose biometrische Identifizierung.

Die neue Generation von Gründerinnen und Gründern gebe es aber auch bei Traditionsunternehmen. So zum Beispiel bei der Herwig Bohrtechnik Schmalkalden GmbH mit ihrer wissenschaftlichen Vernetzung, bei dem Weltmarktführer Reschwitzer Saugbagger Produktions GmbH in Saalfeld oder bei der SEALABLE Solutions GmbH Waltershausen, die mit ihren Gummiprofilen für Sicherheit im Schienenverkehr sorgen.

Sowjetische Kriegsdenkmäler – was bleibt?

Zu Wort kommt auch die heute in Jena lehrende Irina Scherbakowa. Sie war Mitbegründerin der Gesellschaft Memorial und widmet sich in ihrem Beitrag sowjetischen Kriegsdenkmälern. Das Ehrenmal im Berliner Treptower Park ist für sie in vielerlei Hinsicht symbolisch. Stalin sei mit Zitaten in russischer und deutscher Sprache verewigt worden, die 7000 gefallenen Soldaten blieben jedoch namenlos. Das Ehrenmal verberge den wahren Charakter des Krieges und sage nichts aus über seine realen Opfer. „Es ist ein historisches Erbe und es muss intakt bleiben. Es besteht jedoch kein Zweifel, dass das Denkmal heute außerhalb des modernen historischen, politischen und kulturellen Kontexts steht“, so Scherbakowa.

Neues Selbstbewusstsein im Osten

Der Bericht präsentiert auch die zentralen Ergebnisse einer repräsentativen Befragung zu allgemeinen politischen Einstellungen und Haltungen sowie zu spezifischen Themenfeldern in Ost und West. Der erstmalig 2020 erhobene „Deutschland-Monitor“ findet so eine Fortsetzung. Ein weiterer Teil widmet sich zentralen Vorhaben der Bundesregierung. Dazu gehört das Zukunftszentrum für „Deutsche Einheit und Europäische Transformation“. Zudem geht es um die Entwicklung in den ostdeutschen Kohleregionen, die Ansiedelung von Bundeseinrichtungen in Ostdeutschland und die Stärkung der Repräsentanz Ostdeutscher in Führungspositionen.

Bericht ist ein Novum

Der Bericht des Ostbeauftragten soll künftig im Wechsel mit dem „Bericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit“ erscheinen. Seit 1997 gibt es diesen jährlichen Bericht. Mit ihm kommt die Bundesregierung dem Auftrag des Deutschen Bundestages nach, Rechenschaft über ihre Politik zur Angleichung der Lebensbedingungen der Menschen im vereinten Deutschland abzulegen.