"Wir sind hier, um zu helfen"

Interview zur Amtshilfe der Bundeswehr "Wir sind hier, um zu helfen"

An vielen Orten in Deutschland unterstützt die Bundeswehr die Eindämmung der Pandemie. Oberstabsgefreiter Alexander ist im Gesundheitsamt in Potsdam bei Kristina Böhm und ihrem Team im Einsatz. Ein Gespräch über die Zusammenarbeit von Soldaten und Zivilisten, die Herausforderungen eines völlig neuen Jobs und drängende Fragen an der Corona-Hotline.

Oberstabsgefreiter Alexander telefoniert an der Coronavirus-Hotline mit Bürger, die sich informieren wollen.

Oberstabsgefreiter Alexander leistet seinen Dienst normalerweise bei einem Logistikbataillon in Brandenburg. Jetzt arbeitet er an der Hotline im Gesundheitsamt.

Foto: Hauptfeldwebel Karsten/LogBtl172/Bundeswehr

Oberstabsgefreiter Alexander, was ist Ihre Aufgabe im Gesundheitsamt in Potsdam?

Oberstabsgefreiter Alexander: Ich bin an der Hotline eingesetzt. Meine Aufgabe ist es, den Bürgern zu helfen und Fragen zu beantworten. Da kommen viele verschiedene Fragen rein, sei es von der Feuerwehr, von Erzieherinnen aus dem Kindergarten oder Personalabteilungen, die aufgrund der Coronavirus-Pandemie neu planen müssen. Aber auch von Bürgerinnen und Bürgern, die sich einfach informieren wollen. Wir haben die komplette Bandbreite und das macht die Aufgabe auch so spannend.

Sie kommen als Soldat in einen ganz neuen Bereich, müssen sich auch in Gesundheitsthemen einarbeiten. Wie kommen Sie damit zurecht?

Alexander: Ich persönlich schaue mir die Lage erst einmal von außen an, bewerte sie und sehe dann, wie sie zu meistern ist. Und dann ist man ja hinter der Uniform auch ein Mensch und kann die Leute verstehen. Ich werde bald auch ein Vater sein und somit ist es gar nicht die Frage, wie man das schafft, sondern wie man es am besten schafft. Man nimmt den Anruf entgegen und versucht, so mit den Menschen zu reden, als wäre es das Persönlichste der Welt, als würde man sie schon lange kennen.

Mit welchen Fragen wenden sich die Bürger an Sie?

Alexander: Zum Beispiel: Wann werde ich aus meiner Quarantäne entlassen? Oder: Ich hatte Kontakt zu einer Kontaktperson ersten Grades - wie verhalte ich mich nun? Wie sieht es mit der Maskenpflicht aus?

Frau Böhm, Sie leiten das Potsdamer Gesundheitsamt. Was können Soldatinnen und Soldaten in dieser Situation leisten - und was nicht?

Kristina Böhm: Es ist immer eine Frage der Einarbeitung und je nachdem, wie gut die Kameraden kommunikativ und auch sozial-empathisch aufgestellt sind, können sie tatsächlich sehr viel übernehmen. Es braucht nicht medizinischen Fachverstand bis in die kleinste Ecke. Aber natürlich, immer wenn sehr konkrete medizinische Fragen kommen, werden die Soldaten an ihre Grenzen stoßen. Dafür haben wir zu jeder Gruppe Telefonisten auch immer einen Supervisor aus dem fachlichen Sektor, der die Fragen gegebenenfalls zügig beantworten kann.

Kontaktpersonen und positiv Getestete werden aktiv angerufen. Denn wir müssen sie alle kontaktieren, mit Quarantäne beauflagen, überwachen während der Quarantänezeit - um die Infektionsketten schnellstmöglich zu unterbrechen. An der Hotline für Anfragen hingegen weiß man nicht, was reinkommt, das ist leben in der Lage. 

Dr. Kristina Böhm, Amtsärztin und Leiterin des Gesundheitsamts Potsdam

Dr. Kristina Böhm leitet das Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Potsdam.

Foto: Stefan Homann

Was sagen Sie, Oberstabsgefreiter Alexander, wenn Sie merken, dass die Leute es nicht leicht haben im Moment, zum Beispiel wenn sie in Quarantäne sind?

Alexander: Im ersten Moment denkt man sich natürlich, so wie ich als werdender Vater: Oh Mann, die haben vielleicht vier Kinder und dürfen schon seit einigen Wochen nicht raus. Im Umkehrschluss wird durch diese Maßnahmen die Weiterverbreitung des Coronavirus eingedämmt. Das muss man sich vor Augen halten und es immer wieder erklären. Das ist genau der Grund, warum ich hier bin. Und das ermutigt einen dann auch, mal länger zu bleiben, nicht auf die Uhr zu gucken.

Welche Fähigkeiten aus Ihrem täglichen Dienst können Sie hier nutzen?

Alexander: Die Kommunikationsfähigkeit und die Organisationsfähigkeit. Wir haben manchmal fast 30 Anrufe am Tag. Das geht Schlag auf Schlag. Man nimmt den Hörer ab, telefoniert, legt auf und dann klingelt es sofort wieder.

Sie sind ja nicht alleine hier, sondern mit 20 Kameraden. Wie funktioniert der Austausch?

Alexander: Wir haben uns untereinander schnell eingefuchst. Wenn man eine Kameradschaft hat, dann ist das etwas Einmaliges und so ist eben auch das Zusammenarbeiten. Die Zivilisten sehen sonst vielleicht nicht jeden Tag einen Soldaten. Aber wir sind ja hier, um zu helfen und zu unterstützen und so wurde auch ganz schnell aus dem Sie ein Du und dann ist man auch ganz schnell eine Familie.

Frau Böhm, wie profitiert Ihre Behörde von der Amtshilfe der Bundeswehr?

Böhm: Durch die Unterstützung der Soldaten ist es möglich, dass wir in kürzerer Zeit die komplexen Listen mit Kontaktpersonen und positiv Getesteten abtelefonieren. Das heißt, schnell Kontakt aufzunehmen und wenn Symptome sind, auch noch im Tagesgeschäft zum Beispiel Abstriche zu terminieren. Mit mehr Manpower geht das in viel kürzerer Zeit und viel verlässlicher. Und dabei helfen die Soldaten.

Oberstabsgefreiter Alexander, was nehmen Sie persönlich aus der Arbeit hier mit?

Alexander: Ich nehme vieles besser wahr, habe mehr Hintergrundwissen und Informationen aus erster Hand. Ich weiß, was passiert, zum Beispiel wenn man keinen Mundschutz trägt und kann Leuten auch außerhalb des Dienstes helfen. Ich denke, ich gehe einfacher durch diese Zeit.

Die Bundeswehr leistet Amtshilfe bei der Eindämmung der Coronavirus-Pandemie - bisher schon mehr als 200 Mal. Soldatinnen und Soldaten unterstützen nicht nur Gesundheitsämter. Sie verteilen auch Schutzmasken, stellen Desinfektionsmittel her oder sorgen für Musik in Seniorenheimen. Mehr zur Amtshilfe lesen Sie hier.

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