"Die wirtschaftliche Erholung mit einer grünen Transformation verbinden"

Interview mit Dr. Karsten Sach, Abteilungsleiter im Bundesumweltministerium "Die wirtschaftliche Erholung mit einer grünen Transformation verbinden"

Der Schutz des Klimas hat während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft eine sehr hohe Priorität. "Die EU sollte beim Klimaschutz mit gutem Beispiel vorangehen", sagt Dr. Karsten Sach, Abteilungsleiter im Bundesumweltministerium. "Die anderen großen Wirtschaftsräume - wie China - schauen auf uns." Ein Interview über die ehrgeizigen Ziele, die sich Deutschland während seiner Ratspräsidentschaft im Bereich Umwelt gesetzt hat.

Dr. Karsten Sach

Dr. Karsten Sach ist Abteilungsleiter Klimaschutzpolitik, Europa und Internationales im  Bundesumweltministerium.

Foto: Claudia Leisinger

Deutschland begrüßt den "Green Deal" der EU-Kommission und setzt sich für den Abschluss des EU-Klimagesetzes ein: Die EU soll bis 2050 treibhausgasneutral sein. Was bedeutet das für Deutschland?

Karsten Sach: Auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität bis 2050 bietet der europäische Grüne Deal eine zentrale Leitlinie und auch eine große Chance, um die wirtschaftliche Erholung von der Corona-Krise mit einer grünen Transformation zu verbinden. Für den Neustart will die EU den Mitgliedstaaten zusätzliche finanzielle Mittel aus dem Paket "Next Generation EU" zur Verfügung stellen, die auch zur Erreichung unserer Klima- und Umweltziele beitragen werden.

Für ein klimaneutrales Europa bis 2050 hat die Europäische Kommission nun, basierend auf einer umfangreichen Folgenabschätzung, vorgeschlagen, das EU-Klimaziel auf mindestens 55 Prozent Treibhausgasminderung bis 2030 gegenüber 1990 anzuheben. Dieses Ziel wird, genauso wie das 2050-Ziel der Treibhausgasneutralität, im europäischen Klimagesetz verankert werden, damit wir einen klaren Pfad vor uns haben. Um das Ziel zu erreichen, muss auch Deutschland seinen Beitrag zur Treibhausgasminderung erhöhen. Insbesondere im Verkehrs- und Gebäudesektor werden wir hier noch mehr tun müssen. Aber mit zusätzlichen Investitionen können wir eine moderne, wettbewerbsfähige Transformation unserer Wirtschaft ankurbeln. 

Deutschland setzt sich während der Ratspräsidentschaft für ein starkes Bekenntnis zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung der biologischen Vielfalt ein, sowohl auf europäischer als auch auf internationaler Ebene. Warum ist die Artenvielfalt auch klima- und wirtschaftspolitisch wichtig?

Sach: Die Corona-Pandemie hat uns gelehrt, dass die Zerstörung von Natur das Risiko der Übertragung von Krankheitserregern von Tieren auf den Menschen erhöht. Auch der Klimawandel trägt dazu bei, dass sich Erreger und deren Überträger verbreiten und in neue Lebensräume vordringen, mit erheblichen gesundheitlichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen. Gute Naturschutzpolitik ist also nicht nur eine essentielle Basis für nachhaltiges Wirtschaften, eine hohe Lebensqualität und naturbasierte Lösungen des Klimaproblems, sondern auch Prävention gegen die Entstehung neuer Krankheiten. Die von der EU zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel für die wirtschaftliche Erholung sollten daher auch für den Schutz der Biodiversität genutzt werden. 

Auch international setzt sich Deutschland während der Ratspräsidentschaft für den Schutz der Biodiversität ein. Mit der Internationalen Klimaschutzinitiative geben wir jährlich mehr als 100 Millionen Euro für Projekte zum Lebensraum- und Artenschutz in der Welt aus. Als Reaktion auf die Pandemie unterstützen wir in insgesamt 29 Projekten in 25 Ländern die Soforthilfe für Schutzgebiete und Biodiversitätshotspots. Damit fördern wir einen klimafreundlichen wirtschaftlichen Neustart und erhöhen die Widerstandsfähigkeit gegenüber künftigen Pandemien.

Umweltschutz und Digitalisierung verbinden - das ist ein weiteres, wichtiges Ziel der deutschen EU-Ratspräsidentschaft. Was heißt das konkret und in welchen Bereichen spielt das eine Rolle?

Sach: Die Digitalisierung hat erhebliche Auswirkungen auf Umwelt und Klima. Sie verändert zum Beispiel, wie wir konsumieren, wie wir uns fortbewegen oder wie wir Energienetze managen. Wir wollen die EU zum Architekten einer umweltfreundlichen Digitalisierung machen, die uns dabei hilft, die großen Herausforderungen unserer Zeit zu lösen, die europäische Wirtschaft zu stärken, und von der alle Bürgerinnen und Bürger profitieren.

Digitale Technologien bieten zum einen viel Potenzial für den Klimaschutz und Nachhaltigkeit. So kann beispielsweise ein Europäischer Datenraum für Umweltdaten die Anpassung an den Klimawandel und die Umsetzung von Umweltpolitik unterstützen. Für Verbraucher und Industrie kann die Einführung eines digitalen Produktpasses wichtige Informationen über die Umweltbilanz von Produkten liefern und zu mehr Recycling beitragen.

Immer mehr Geräte, explodierende Datenmengen und rechenintensive Anwendungen haben aber auch negative Auswirkungen auf die Umwelt. Wir setzen uns während der Ratspräsidentschaft konkret dafür ein, dass der ökologische Fußabdruck von digitalen Infrastrukturen und Geräten gesenkt wird. Beispiele dafür sind die Reduzierung des Energieverbrauchs von Rechenzentren oder verbesserte Ökodesign-Kriterien für Handys und Tablets, um die Langlebigkeit und Recyclingfähigkeit zu verbessern.