beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit 2025 am 3. Oktober 2025 in Saarbrücken:
- Bulletin 87-2
- 3. Oktober 2025
Monsieur le Président de la République,
sehr geehrte Frau Macron,
sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrte Frau Büdenbender,
Frau Bundestagspräsidentin,
Herr Bundeskanzler,
Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts,
sehr geehrter Herr Doyen des Diplomatischen Korps,
sehr geehrter Herr Minister für Wiedervereinigung der Republik Korea,
Exzellenzen und internationale Gäste,
sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung,
Kolleginnen und Kollegen aus den Ländern,
Präsidentinnen und Präsidenten der Landtage,
Damen und Herren Abgeordnete,
hohe Repräsentantinnen und Repräsentanten der Kirchen und
Religionsgemeinschaften,
Vertreter der Bundeswehr,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe Mitglieder der Bürgerdelegationen,
verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer,
liebe Gäste,
herzlich willkommen in Saarbrücken, herzlich willkommen im Saarland, herzlich willkommen im Herzen Europas! Das Saarland ist stolz, Sie alle hier begrüßen zu dürfen! Schön, dass Sie da sind.
Wir feiern mit diesem Festakt das 35. Jahr der Deutschen Einheit. Wir feiern einen historischen Glücksmoment für unser einst geteiltes Land und für Europa. Mutige Menschen in Ostdeutschland gingen auf die Straße für Freiheit und Demokratie. Sie taten das, obwohl sie Angst haben mussten vor der Reaktion der Staatssicherheit. Ihr vorbildlicher Mut zum Wandel hat Zukunft geschaffen. Ohne sie wären wir heute nicht hier. Wir verneigen uns vor diesem Mut!
Ich erinnere mich, als ich als junges Mädchen mit „Jugend trainiert für Olympia“ nach Berlin fuhr. Da erschien mir die Mauer als riesiger Fremdkörper. Wie anders ist das heute: Wer heute durch Berlin spaziert, erkennt oft kaum mehr, wo diese Mauer einmal stand. Welch ein Glück!
Es ist dieser Wandel, der in unserem Motto „Zukunft durch Wandel“ die Brücke darstellt – die Brücke zwischen der friedlichen Revolution sowie den Erfolgen von 35 Jahren Zusammenwachsen und der an Wandel reichen Geschichte meines Landes, Ihres heutigen Gastgeberlandes. Das Saarland war schon französisch, unabhängig und deutsch – und ist heute noch immer alles davon. Übrigens gehören wir erst seit 1957 zur Bundesrepublik, was uns zum jüngsten der „alten“ Bundesländer macht. Wenn man so will, haben wir die Wiedervereinigung im Kleinen schon mal geprobt.
Und so ist es eine wunderbare Einrichtung, dass der Tag der Deutschen Einheit jedes Jahr in einem anderen Bundesland gefeiert wird. So wird die Einheit aus immer neuen Perspektiven beleuchtet.
Das Saarland mag am Südwestrand Deutschlands liegen und von Zittau recht weit entfernt, von Flensburg aber auch. Ich sage deshalb: Das Saarland liegt im Herzen Europas. Und dass mit Emmanuel Macron zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren ein ausländischer Staatspräsident beim Festakt des deutschen Nationalfeiertages sprechen wird, macht das offensichtlich.
Was für ein Signal für die deutsch-französische Freundschaft, das damit von Saarbrücken ausgeht! Selten war das wichtiger als heute – etwa angesichts von Putins Krieg in der Ukraine, der Bedrohung Europas durch Russland und einer mehr als herausfordernden weltpolitischen Lage. Gerade deshalb: Danke, Herr Präsident – merci beaucoup et bienvenue, cher Emmanuel!
Es ist mir auch sehr wichtig, dass heute eine Delegation aus unserer polnischen Partnerregion Podkarpackie da ist. Das Weimarer Dreieck, es zeigt, wie sich die Bundesrepublik verändert hat: nicht mehr zerschnitten zwischen Ost- und Westblock, sondern eingebettet zwischen Freunden. Herzlich willkommen in unserer Mitte!
Nicht begrüßen kann ich unsere Freunde aus unserer ukrainischen Partnerregion Lwiw, die heute – anders als geplant – wegen aktueller Angriffe auf den Westen der Ukraine nicht da sein können. Sie können nicht hier sein, aber wir sind bei ihnen! Wir stehen fest an ihrer Seite!
Unser Nationalfeiertag, erst recht der 35., ist eine gute Gelegenheit, uns der Frage zu widmen: Ist uns denn ein gemeinsames Deutschland, ist uns eine erfolgreiche Einheit gelungen? Ich finde: Vieles, sehr vieles ist geschafft worden. Die Wirtschaft in Ostdeutschland ist deutlich vorangekommen. Das Wirtschaftswachstum in den ostdeutschen Bundesländern ist heute teilweise überdurchschnittlich – was nicht überdeckt, dass es regionale Unterschiede gibt. Und auch bei der Angleichung der Lebensverhältnisse: Die Rentenangleichung in Ost und West ist endlich vollendet. Was für ein unschätzbarer Fortschritt!
Andererseits gibt es noch viele Unterschiede, an denen gearbeitet werden muss. Zum Beispiel ist die Repräsentanz von Ostdeutschen in Spitzenpositionen von Wirtschaft und Politik zu gering. Große Konzernzentralen muss man in Ostdeutschland weiterhin mit der Lupe suchen, ebenso wie Bundesbehörden – ein Schicksal, das wir im Saarland mit den östlichen Bundesländern teilen.
Aber ist es nicht seltsam, dass wir die Bilanz der Deutschen Einheit vor allem daran messen, welche Angleichungen in den östlichen Bundesländern gelungen sind – so, als wäre es die Aufgabe der Ostdeutschen, bitteschön endlich aufzuholen? Warum fragen wir so selten danach, was Bayern oder Schleswig-Holstein oder das Saarland von ihren Mitbürgern in Ostdeutschland gelernt haben? Muss der Osten sich denn so lange wandeln, bis er so ist wie der Westen? Ich halte das nicht für richtig.
Vielleicht ist es doch in der aktuellen Lage eher so, dass wir vor allem eins sind: vereint im Wandel, vereint in der Aufgabe, den Wandel erfolgreich zu gestalten. Die Transformation, sie ist in der Lausitz kaum anders als in Völklingen, in Eisenhüttenstadt ähnlich wie in Saarlouis. Nehmen wir die Einheit also nicht nur als Angleichungsaufgabe, sondern als gemeinsamen Erfahrungsraum, aus dem heraus wir Wandel gemeinsam erfolgreich gestalten.
Worauf es mir ankommt: Feiern wir, was uns verbindet! Feiern wir stolz, selbstbewusst und zukunftsoptimistisch! Tun wir es aber nicht verschämt, nicht verdruckst. Ich zum Beispiel liebe Schwarz-Rot-Gold! Es sind die Farben der Republik, die Farben der Demokratie in Deutschland, die Farben, die Sportlerinnen und Sportler bei internationalen Wettkämpfen stolz auf ihrem Trikot tragen. In diesen Farben war Deutschland übrigens auch geeint, als die Mauer noch unser Land trennte. Ich finde, wir haben einigen Grund, stolz auf unsere Nationalfarben, stolz auf unser geeintes Deutschland zu sein.
Was aber noch viel wichtiger ist: Wir sollten diese Farben, diese Demokratie nicht nur feiern, sondern vor allem entschlossen verteidigen. Das Scheitern der letzten schwarz-rot-goldenen Demokratie in Deutschland, der Weimarer Republik, war nicht unausweichlich. Die Nationalsozialisten haben die Macht in den Schoß gelegt bekommen und die Demokratie systematisch von innen heraus ausgehöhlt.
Und deshalb gehört zum heutigen Nationalfeiertag auch: Wir können aus der Vergangenheit Lehren ziehen. Eine Lehre ist unser Grundgesetz. Wir müssen die bundesrepublikanische Demokratie gegen verfassungsfeindliche Kräfte verteidigen – ge- und entschlossen. Dazu müssen im Zweifel auch jegliche Mittel, die die Verfassung bietet, vorbereitet werden. Aber nichts von dem erspart die politische Überzeugungsarbeit um die Wählerinnen und Wähler – die braucht es zuvorderst. Lassen Sie uns also weiterhin mutig und engagiert bleiben! Jede und jeder Einzelne ist gefordert!
Feiern wir, was uns verbindet. Feiern wir auch unsere Unterschiede. Feiern wir unsere Einheit in Vielfalt. Erinnern wir daran, welch mutige Demokratiebewegung in Ostdeutschland dazu geführt hat, dass wir wieder ein Volk sind. Feiern wir bewusst Schwarz-Rot-Gold und unsere Demokratie! Feiern wir Zukunft durch Wandel!
Vielen Dank und Glück auf!