Komplett versorgt - aber nicht entmündigt

Demenz Komplett versorgt - aber nicht entmündigt

Ein warmer Sommertag: Sechs demenzkranke Frauen und Männer essen gemeinsam an einem großen Tisch im Garten. Es gibt Kräuterquark und Kartoffeln. Sie könnten auch in ihren eigenen Zimmern essen, aber die Gemeinschaft ist ihnen wichtiger.

Eine demente Bewohnerin einer Wohngemeinschaft bei der Einnahme einer Mahlzeit

Alleine essen muss nicht sein - Wohngemeinschaften werden zukünftig vom Staat gefördert

Foto: picture alliance / dpa

Die Frauen und Männer leben in Berlin-Wilmersdorf in einer Wohngemeinschaft (WG). Aus dem Studentenalter sind sie allerdings heraus. Durchschnittlich sind sie 80 Jahre alt. Sie leben in einer Demenz-WG.

Wohnen in einer Demenz-WG

Die Mitglieder einer Demenz-WG leben eigenverantwortlich im Privathaushalt. Sie sind Mieter mit allen Rechten und Pflichten. Durch den Einzug in eine WG mit den gewohnten Möbeln und anderen vertrauten Gegenständen bleibt die eigene Biografie erhalten. Meistens leben siebe bis zwölf erkrankte Menschen zusammen. Die Teilnahme am Gemeinschaftsleben ist selbstbestimmt, ebenso die Wahl der in Anspruch genommenen pflegerischen Leistungen. Diese werden durch einen ambulanten Pflegedienst übernommen.

Häusliche Pflege kann anstrengend sein

An Demenz erkrankte Angehörige längere Zeit Zuhause zu pflegen, kann schwierig und anstrengend sein. Es ist ein 24-Stunden-Job. Die pflegenden Angehörigen können an ihre körperlichen und seelischen Grenzen kommen. Die Demenz-WG ist eine Möglichkeit, wenn die Pflege Zuhause nicht mehr machbar ist.

So lange wie möglich aktiv bleiben

Die Bewohner einer Demenz-WG werden in der Regel 24 Stunden am Tag betreut. Sie werden komplett versorgt, aber nicht entmündigt. Viele alltägliche Dinge, wie Kochen oder Wäsche waschen, werden gemeinsam mit Pflegekräften erledigt.

Die gemeinsame Haushaltsführung, aber auch spielen, musizieren und feiern helfen, die kognitiven Fähigkeiten so lange wie möglich zu erhalten. Da alle Bewohner die selbe Grunderkrankung haben, ist der Tagesablauf und die Betreuung darauf eingespielt und professionalisiert.

Die Initiatoren einer Wohngemeinschaft können Angehörige, Selbsthilfegruppen, Pflegedienste, Vereine oder andere Interessengruppen sein. Der Vermieter der Wohnung darf kein Pflegedienst sein. Sonst gilt das Heimgesetz.

Mit welchen Kosten muss gerechnet werden?

Wer in eine Demenz-WG zieht, hat mit folgenden Kosten zu rechnen:

  • anteilig Miete mit entsprechenden Nebenkosten (Warmmiete)

  • Kosten für Strom und Telefon

  • circa 200 bis 300 Euro pro Monat Eigenanteil an den Haushaltskosten der WG

  • Eigenanteil an den Pflegekosten entsprechend Pflegestufe und Pflegevertrag

Die eigenen Kosten abzüglich der Leistungen der Pflegekasse sind häufig geringer als für ein Pflegeheim. Sind entsprechende Voraussetzungen erfüllt, kann auch das Sozialamt für entstehende Kosten eintreten.

Auskunft rund um das Thema Demenz-WG geben die Pflegekassen, das Sozialamt, ambulante Pflegedienste und die Pflegestützpunkte.

Menschen mit Demenz werden besser unterstützt

Demenzkranke erhalten zukünftig mehr Leistungen aus der Pflegeversicherung. So hat es der Bundestag mit dem "Gesetz zur Neuausrichtung der Pflegeversicherung" beschlossen. Mit dem neuen Gesetz, das Teil der Pflegereform ist, wird der Grundsatz "ambulant vor stationär" gestärkt. Eine Demenz-WG ist eine besondere Form der ambulanten Betreuung.

Wohngruppen werden staatlich gefördert

Mit dem neuen Gesetz werden Wohngemeinschaften gefördert. Jeweils 200 Euro zusätzlich kann der Pflegebedürftige einer solchen Wohngruppe erhalten.

Darüber hinaus ist ein bis 2015 befristetes Initiativprogramm zur Gründung ambulanter Wohngruppen vorgesehen. Für den notwendigen Umbau der Wohnung können  pro Person 2.500 Euro  (maximal 10.000 Euro je Wohngruppe) ausgezahlt werden. Insgesamt werden ambulante Wohngruppen mit 30 Millionen Euro gefördert.

WG-Kater zum Kuscheln und Streicheln

In der Wilmersdorfer WG streift Kater Simba träge durch den Garten. Er ist als WG-Kater wichtiger „Ansprechpartner“ zum Kuscheln und Streicheln. Auch wenn das Gedächtnis nachlässt, Berührungen und emotionale Zuwendungen bleiben auch für Demenzkranke bis ans Lebensende wichtig.

Im Flur der WG in Wilmersdorf hängen Bilder aller Mitbewohner. Von Simba hängt auch eins.

Demenz ist eine nicht heilbare, unaufhaltsam voranschreitende degenerative Erkrankung des Gehirns.

Bis zu 1,2 Millionen Menschen sind heute in Deutschland daran erkrankt. Prognosen sagen, dass sich ihre Zahl bis zum Jahr 2030 auf bis zu 1,8 Millionen erhöhen kann. Es gibt bisher kaum Kenntnisse, wie die Krankheit verhindert werden kann und keine Heilungsmöglichkeiten. Aber durch gezielte Maßnahmen kann der fortschreitende Verlust von Fertigkeiten in einem begrenzten Umfang verzögert werden.

Demenz ist der häufigste Grund für Pflegebedürftigkeit.

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